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Trading Bots: Schöne neue Börsenwelt

Börsenhandel findet heute in Rechenzentren statt.
Börsenhandel findet heute in Rechenzentren statt.
Foto: imago
Im globalen Finanz-Cyberspace sind sie die neuen Hauptakteure: hochfrequente Computerhändler. Für ihre Macher äußerst lukrativ, für das System absolut schädlich.

Die Börsenwelt, wie wir sie kennen, ist tot. Man denke an Bilder von Brokern an der Wall Street, die sich gegenseitig anbrüllen, um schnellstmöglich für ihre Kunden zu kaufen und zu verkaufen. All das ist heute nur noch „eine Scheinwelt für Journalisten, eine Welt von gestern“, sagt Martin Ehrenhauser bei seinem Talk auf der re:publica 2017.

Der Finanzmarkt geht alle an

Der ehemalige EU-Abgeordnete und politische Aktivist kennt sich aus mit dem sogenannten algorithmischen Computerhandel. Mit Trading Bots, um genauer zu sein. Er findet auch, dass uns der Finanzmarkt fundamental betrifft, und zwar alle. Private Anlagen seien heute vor allem nötig im Angesicht der unsicheren Rentensituation. Deshalb versucht er, Licht ins Dunkel zu bringen.

„Börsenhandel findet heute außerhalb der großen Umschlagplätze wie New York und London statt – in riesigen Rechenzentren.“, sagt er. Auch die Akteure und Produkte seien andere. Physiker und Mathematiker kaufen und verkaufen Daten, Algorithmen sind ihre Handelswerkzeuge und Code ihre Sprache. Und im Mittelpunkt dieses komplexen, adaptiven Systems stehen die Trading Bots.

Die algorithmischen Computerhändler sind schnell. Sie versenden bis zu vier Nachrichten pro Sekunde an eine oder alle Börsen, um Wertpapiere, Devisen und andere Finanzinstrumente anzubieten oder zu kaufen. Dahinter stecken schlussendlich Technologieunternehmen.

Millionen-Boni für hunderte Mitarbeiter

Eine dieser Firmen ist Flow Traders. Dass der Hochfrequenzhandel tatsächlich sehr lukrativ ist, sieht man an den Zahlen des niederländischen Unternehmens, die Ehrenhauser präsentiert. Pro Jahr wird ein Nettogewinn von rund 130 Millionen erwirtschaftet bei einem Handelsvolumen von etwa 650 Milliarden Euro. Die Firma verdient sogar so gut, dass 32 der 270 Mitarbeiter schon mit einem Bonus von über einer Million Euro belohnt wurden.

Dabei gibt es verschiedene Strategien, die mit Trading Bots verfolgt werden. Neben dem herkömmlichen Handelsweg des einfachen Kaufens und Verkaufens scheint vor allem das „Spoofing“, also die Manipulation anderer Bots, eine Möglichkeit, in kurzer Zeit viel Geld zu machen. Dazu werden massiv Aufträge in das Orderbuch zum Beispiel einer Aktie eingetragen, die konkurrierende Bots verwirren sollen. Das so suggerierte große Interesse ist zwar real nicht vorhanden, weil die Aufträge zeitnah wieder gelöscht werden, führt jedoch dazu, dass sich andere Bots in ihrem Verhalten daran orientieren. Darauf wiederum reagiert der Kurs der Aktie. Die entstandene Preisdifferenz kann der „Spoofer“ schließlich zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen.

Trading Bots beschädigen den Finanzmarkt

Verheerend ist für Ehrenhauser allerdings, wie solche Unternehmen von der Volatilität, den Kursschwankungen, des Finanzmarktes profitieren. Im Zuge der Griechenland-Krise etwa hat Flow Traders laut eigener Aussage sehr gute Gewinne erzielt, ohne dabei Verluste einzustreichen. Dazu kommt, dass Trading Bots verschiedenen Studien zufolge nicht nur Volatilität begünstigen, sondern diese sogar um bis zu fünf Prozent erhöhen würden. Auf diese Weise sei der Finanzmarkt daran gehindert, der Realwirtschaft Gelder zur Verfügung zu stellen, die zum Beispiel für Investitionen benötigt würden.

Doch halt. In Sachen Liquidität sehen sich Trading Bot-Unternehmen Ehrenhauser zufolge wiederum als große Gönner: „Wir pumpen Liquidität in die Börse für andere, die damit wieder investieren können“, lautet ein Zitat, das er dazu anführt. Es gäbe allerdings Belege, die das Gegenteil nachweisen. Tatsächlich sollen die Firmen mehr liquide Mittel konsumieren als sie in dem Markt bereitstellen. Am Ende dieses „Nullsummenspiels“ zahlen dann die Anleger für deren Gewinne.

Regulierung und eine Änderung des Systems sind nötig

Es bleibt die Frage: Was nun? Die Politik, so Ehrenhauser, sei überfordert, eine Regulierung der Computerhändler aber notwendig. Es gibt zumindest Ansätze: Der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister zum Beispiel fordert die Abschaffung des Fließhandels, weil Preisänderungen von Finanzprodukten im Millisekundentakt für die Realwirtschaft untragbar seien.

Stattdessen solle man Auktionen einführen, die in festgelegten Zeitintervallen für alle Börsenteilnehmer gleichzeitig geöffnet würden. So ließe sich immerhin verhindern, dass reguläre Händler weiterhin durch hochfrequente Bots in Dark Pools, also intransparente und unregulierte Handelsplätze, abgedrängt würden.

In diesem Zusammenhang wird die Drosselung der Bot-Geschwindigkeit diskutiert, sowie die Überwachung der Größe, die Einzelakteuren auf dem Finanzmarkt überhaupt noch zugestanden werden darf. Für Ehrenhauser ist sicher, dass Trading Bots nur Sinn machen, wenn das System geändert wird.

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