Digital Life 

Im Test: Warum das Smart Home noch nicht smart ist

Im Smart Home-Showroom von Connected Living zeigt der Schlafzimmerspiegel die neuesten Nachrichten und das Wetter an.
Im Smart Home-Showroom von Connected Living zeigt der Schlafzimmerspiegel die neuesten Nachrichten und das Wetter an.
Foto: Pako Quijada

Der Smart Home-Markt boomt, denn immer mehr Menschen beginnen ihr Zuhause zu vernetzen. Zeit, es selbst auszuprobieren. In der smarten Wohnung von Connected Living war aber nicht alles so smart wie erwartet.

Wie eine Magierin fühle ich mich, als ich meine Hand vor den Vorhang halte. Ich berühre ihn kaum, dennoch schließen sich daraufhin die Jalousien des Schlafzimmers, in dem ich mich befinde. Dass nicht pures Handauflegen dafür verantwortlich ist, ist klar. Es sind Sensoren hinter dem Vorhang.

Das ist schon recht fortschrittlich, wenn ich bedenke, dass mein eigenes Zuhause in kaum einer Weise smart ist, noch nicht einmal Siri nutze ich.

Alles ist verbunden

Viel erwartet hatte ich mir deshalb von dem, was im 15. Stock des Telefunken Hochhauses am Ernst-Reuter-Platz in Berlin entstanden ist: der erste Smart Home-Showroom Europas. Hier wird Besuchern das Internet der Dinge gezeigt. Beleuchtung, Sicherheit, Elektrogeräte, Spiegel und eben Vorhänge – alles ist über ein zentrales System miteinander verbunden.

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Wann ist ein Home ein Smart Home?

Experten zufolge ist der Ausgangspunkt für ein Smart Home die Hausautomatisierung. Sie umfasst viele Systeme und Dienste für den oder die Bewohner, darunter die Elektrik, das Licht, Überwachungssysteme, die Kommunikation, aber auch Gesundheit und Pflege. Bisher gibt es noch keine allgemein anerkannte Begriffsdefinition. Das Smart Home ist ein privat genutztes Heim, also eine Mietwohnung oder ein Haus, indem sowohl Geräte als auch Haushaltstechnik, Konsumelektronik und Kommunikationseinrichtungen intelligent sind. Sie sind im sogenannten Internet der Dinge miteinander verbunden und an die Bedürfnisse des oder der Benutzer angepasst. Sie bieten einen Mehrwert, weil sie über ihren herkömmlichen Nutzen hinausgehen. Andere Begriffe sind unter anderem Connected Living, Smart House oder intelligentes Wohnen.

Während im österreichischen Kollerschlag das erste smarte Showhome Europas bereits zum Probewohnen einlädt, ist der Showroom in Berlin vor allem ein Forschungsobjekt für die Initiative, die dahinter steht: Connected Living e.V.

Während der Wassersensor piept. Das ist ein kleines rundes Gerät, das einen akustischen und visuellen Alarm abgibt, sobald Wasser an unerwünschten Stellen auftritt, beispielsweise vor dem Kühlschrank oder der Waschmaschine. Ich renne zum Tablet, über das die Wohnung gesteuert wird. Per Klick schalte ich den Alarm sowie die zugehörigen, blinkenden LED-Lichter an der Wohnzimmerwand aus. Es herrscht wieder angenehme Ruhe.

Erlebt meine Erfahrungen im Smart Home von Connected Living im Video:

futurezone im Smart Home-Showroom von Connected Living in Berlin

Der Smart Home-Markt boomt, denn immer mehr Menschen beginnen ihr Zuhause zu vernetzen. Zeit, es selbst auszuprobieren. In der smarten Wohnung von Connected Living war aber nicht alles so smart wie erwartet.
Futurezone_SmartHomeShowroom_Berlin_Test.mp4

„Durch die einfache Handhabung des Tablets kann auch ein Nutzer, der kein Technik-Freak ist, seine gewünschten Szenarien im Smart Home umsetzen“, erklärt mir Grzegorz Lehmann, Chief Technology Officer und geschäftsführender Gesellschafter der IOLITE GmbH, die die Gateway-Technologie hinter der vernetzten Wohnung entwickelt hat. Das kann ich bestätigen. Wer sich mit der Nutzeroberfläche eines herkömmlichen Smartphones auseinanderzusetzen weiß, wird auch mit dem System auf dem Tablet zurechtkommen.

Wenn die Smart Homes kommen

Bereits über zwei Millionen Haushalte in Deutschland sind digital vernetzt – das heißt sie verwenden Fenstersensoren, digitale Sprachassistenten, intelligente Spiegel oder Staubsaugroboter. Das sind die derzeit gängigsten Smart Home-Technologien. Bis 2022 soll sich die Zahl vervierfachen. Dann wären rund acht Millionen Haushalte in Deutschland ein Smart Home.

Dass mittlerweile immer mehr Deutsche neue Technologien akzeptieren, lässt hoffen, dass in Zukunft mehr Szenarien umgesetzt werden als das schlichte Tür auf – Licht an. Immerhin ergab eine Studie des Marktforschungsinstituts Splendid Research 2017, dass die Nutzerquote kontinuierlich steigt, vor allem im Energiemanagement, Sicherheit und Entertainment.

„Wir erkennen auch immer mehr, dass das Smart Home auf dem Vormarsch ist, weil viele erkennen, was für einen Mehrwert es hat, sagt Martin Pietzonka, Leiter und Senior Innovation Manager der Connected Living Geschäftsstelle bei meinem Besuch. „Jeder, der schon mal einen Wasserschaden hatte, weiß es zu schätzen, wenn solche Schäden proaktiv verhindert werden könnten. Das gilt auch für Einbrüche.“

Angst vor Hackern

Nur jeder Vierte Befragte lehnt eine Nutzung von Smart Home-Technologien ab. Das sind allerdings die, die sich vor allem Sorgen wegen möglicher Hacker-Angriffe im Smart Home machen. Auch die Unsicherheiten hinsichtlich des Datenschutzes sind entscheidend für potenzielle Nutzer, wie eine Befragung ergab. Diese Zweifler sind es vermutlich auch, die dafür sorgen, dass das Wachstum an Nutzern trotz des steigenden Trends in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen ist. Von Technik-Euphorie ist deshalb hierzulande nicht zu sprechen, das legt auch der Technik-Radar 2018 nahe.

Doch die Erwartungen bleiben, weil die Anbieter uns immer heißer auf das eigene Smart Home machen. Seit seiner Entstehung vor über zehn Jahren hat Connected Living ein Netzwerk geschaffen, das mittlerweile 60 Mitglieder zählt. Darunter sind Verbände wie der Bitkom, Versicherungen wie die AOK, Händler wie Conrad Connect und Forschungseinrichtungen, die sich mit dem vernetzten Leben beschäftigten, wie das DAI-Labor der TU Berlin.

Das Lieblingswort von Smart Home-Experten scheint übrigens „Szenarien“ zu sein. Beschrieben werden damit die verschiedenen Anwendungsfälle, die sich der vernetztende Kunde zusammenstellt, seien es Präventivmaßnahmen, die Einbrüche verhindern können oder regelmäßige Abläufe: Tür auf – Licht an, Tür zu – Licht aus.

Auch Smart Homes haben Probleme

In der Vorzeige-Wohnung allerdings lassen sich einige meiner gewünschten Szenarien nicht so einfach umsetzen, beispielsweise: Tür auf – Spotify-Playlist an – Licht an. Noch immer konkurrieren zu viele Anbieter mit technischen Anforderungen, die jeweils unterschiedliche Gateways benötigen – eines der großen Probleme des Smart Home-Marktes.

Einheitliche Standards, mit denen Geräte und Systeme verschiedener Hersteller miteinander kompatibel wären, fehlen nach wie vor. Einige tun etwas dagegen: das Beleuchtungssystem Hue von Philips etwa ist mittlerweile auch mit dem Apple HomeKit nutzbar. So kann Apples Siri aufgefordert werden, die Philips-Glühbirnen zu dimmen. Doch muss ich zugeben: Das Smart Home hat noch einen langen Weg vor sich, um wirklich smart zu sein.

Große Erwartungen hatte ich auch an die Küche der Show-Wohnung. Doch ich werde enttäuscht: Per Knopfdruck ist es zwar möglich, die Höhe der Küchenelemente zu verstellen – was mir bei meinen 1,84 Meter Körpergröße entgegenkommt. Ob meine Milch leer ist, kann mir der Kühlschrank aber nicht sagen. Eine Vision, von der ich mich verabschieden muss.

Keine Milch, kein Wischen

Und auch Amazons Sprachassistentin Alexa ist in dieser Umgebung in ihren Fähigkeiten limitiert. Mal eben ein paar Päckchen Milch bei Amazon Fresh bestellen lassen? Das geht weder per eigenem Sprachbefehl noch per Sensorbefehl des Kühlschranks. Ich muss es tatsächlich selbst tun. Von einem mitdenkenden Smart Home hatte ich anderes erwartet.

Zum Beispiel Wischtechniken am intelligenten Schlafzimmerspiegel. Wie im Science Fiction-Film wollte ich mit einer einfachen Handbewegung von den wichtigsten Nachrichten zur Wettervorhersage wischen. Aber das war wohl zu futuristisch gedacht. Der Spiegel im Connected Living-Showroom zeigt zwar News und Wetter an, reagiert aber noch nicht auf Gesten.

Nachholbedarf sieht auch Lars Riegel, der als Principal von Arthur D. Little an der Smart Home-Studie von 2017 beteiligt war. Er sieht die Zukunft in offenen Plattformen, auf denen alle Anbieter operieren. „Während zahlreiche deutsche Unternehmen exzellente Hardwareprodukte herstellen, sind die dazugehörigen smarten Anwendungen oftmals sehr limitiert und nur bedingt nutzerfreundlich.“

Was könnte Smart Homes helfen?

Mit offenen Quellcodes könnte es gelingen, auch anderen Marktteilnehmern Zugang zu den jeweiligen Produkten zu bieten. Die Konkurrenten könnten das eigene Geschäft also befördern und gleichzeitig Kunden einheitliche Services bieten. Dann würde etwa das Spotify zeitgleich mit dem Lichtsystem steuerbar sein. Bis das passiert, drängen immer mehr Anbieter mit ihren ganz eigenen Lösungen auf die Nutzer ein. Laut der Little-Studie soll sich der Markt in den kommenden Jahren verdreifachen.

Fazit: Smart Home ohne Magie

Im Smart Home-Showroom von Connected Living gehen Erwartungshaltung und Realität jedenfalls auseinander. Hier zu wohnen, kann ich mir noch nicht richtig vorstellen.

Aber es ist eben auch ein Raum für die Forschung, in dem noch alles möglich ist. Dafür bietet die Wohnung einen Überblick über das, was im eigenen Zuhause bereits sehr bald auf uns zukommt: Wohnen, das nicht nur in einzelnen Bereichen vernetzt ist, sondern plattformübergreifend und anbieterunabhängig funktioniert – und das Smartphone überflüssig macht. Mit Magie hat das nichts zu tun. Aber es ist eine spannende Aussicht.

Wo bekomme ich ein Smart Home?

Eine erste Anlaufstelle, für alle, die sich für Smart Home-Technologien interessieren, ist der herkömmliche Elektronikhandel. Conrad Electronics etwa bietet Service- und Erlebniswelten, in denen man kleine vernetzte Wohnungen anschauen kann, die Technik ausprobieren kann, um zu sehen, welche Szenarien man umsetzen will. Oder man schaut sich einfach mal einen Showroom wie den von Connected Living an. Eine Übersicht findet ihr auf smarthome-deutschland.de.

Worauf ihr bei der Planung eures Smart Homes im Allgemeinen achten solltet, haben wir auch für euch zusammengetragen.

In dieser Woche erfahrt ihr bei uns außerdem mehr über Smart Homes und das Internet der Dinge, live von der Connected Living ConnFerence.

Disclaimer: futurezone ist Medienpartner von Connected Living e.V.