„Blade Runner“- und „Alien“-Regisseur Ridley Scott (84) zeigt sich einmal mehr wandlungsfähig und präsentiert mit „House of Gucci“ (Start: 2. Dezember) ein Drama rund um eines der bekanntesten Modehäuser der Welt. Einer Sache bleibt sich Scott treu: Auch in seinem neuesten Werk geben sich Oscar-Gewinner und -Nominierte die Klinke in die Hand. Doch kann der Film mit hochkarätiger Starbesetzung halten, was er verspricht?

„House of Gucci“: Darum geht’s

In „House of Gucci“ werden drei Jahrzehnte des gleichnamigen Modeimperiums aufgearbeitet. Das auf wahren Ereignissen beruhende Drama setzt Ende der 70er Jahre und bei einer schicksalhaften Begegnung an: Patrizia Reggiani (Lady Gaga, 35) trifft bei einer schillernden Party auf den schüchternen Jura-Studenten Maurizio Gucci (Adam Driver, 38), einen der Erben des ikonischen Modehauses. Sie ist sofort fasziniert von ihm und macht ihm Avancen. Maurizio ist ebenfalls angetan von der Tochter eines Transportunternehmers, anders als sein traditionsbewusster Vater Rodolfo (Jeremy Irons, 73), Sohn von Gucci-Gründer Guccio Gucci.

Maurizio bricht mit ihm und heiratet Patrizia, die ihrem Ehemann nach dem Tod seines Vaters eine Position im Familienunternehmen schmackhaft machen will. Dabei muss sie gegen eine Männerdomäne ankämpfen: Maurizios geschäftstüchtiger Onkel Aldo (Al Pacino, 81) und sein verrückter Cousin Paolo (Jared Leto, 49) wollen ihre Positionen behaupten. Patrizia stachelt Maurizio zu einem Putsch an.

Das Paar übernimmt langsam, aber sicher die Kontrolle über die Geschäfte. Durch falsche Versprechen bringen die beiden Paolo dazu, seine Anteile zu verkaufen. Aldo zahlen sie nach einem Gefängnisaufenthalt wegen Steuerhinterziehung ebenfalls aus. Ganz oben angekommen, werden jedoch die Risse zwischen dem Powerpaar immer tiefer. Maurizio erkennt seine nach Macht greifende Frau nicht wieder, während er selbst immer mehr Gefallen an seiner Stellung findet – die Früchte des gemeinsamen Erfolges will er lieber alleine ernten. Mit Designer Tom Ford (60) soll der Marke ein neues Erfolgskapitel gelingen. Doch die Zahlen stimmen nicht und Maurizio muss um seinen eigenen Platz im Familienbusiness bangen.

Nachdem der Gucci-Erbe eine andere Frau an seiner Seite hat und die Scheidung ins Haus steht, kocht Patrizia vor Wut. „Ich habe ihn zu dem gemacht, was er ist“, lässt sie ihre Freundin und Hellseherin Pina Auriemma (Salma Hayek, 55) wissen. Ein von Pina ausgesprochener Fluch auf ihren Mann reiche nun nicht mehr aus – etwas „Stärkeres“ muss her, um ihren Mann aufzuhalten…

Eine Dynastie bringt sich selbst zu Fall

Die erfolgreiche Serie „Succession“ ist das jüngste Beispiel dafür, dass Machtkämpfe in einem Familienimperium eine große Faszination ausüben. So sicherte sich auch Ridley Scott schnell die Filmrechte an Sara Gay Fordens Buch „The House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour and Greed“ (2001). Die Geschichte der Gucci-Dynastie rund um Familiengeheimnisse, Verrat und einen schockierenden Mord ist per se für die große Leinwand geschaffen.

Der Streit in der Familie samt Eifersüchteleien, Konkurrenzdenken oder einfacher menschlicher Empfindungen wie eine innige Vater-Sohn-Liebe sind einerseits greifbar, andererseits geht es hier stets um deren Auswirkungen auf ein ganzes Familienimperium, das durch seine Mitglieder Schritt für Schritt selbst zerstört wird. Die Guccis handeln mit italienischem Temperament und aus tiefster Leidenschaft heraus, begreifen dabei jedoch nicht, dass sie so genau das zu Fall bringen, was sie geschaffen haben.

Ob die Darstellung der Personen realitätsgetreu gelungen ist? Angehörige und Nachfahren der Guccis äußerten sich dazu kritisch und echauffierten sich, dass die Produzenten des Films die Erben nicht konsultiert hätten. Regisseur Scott ließ dies jedoch in einem Interview mit BBC Radio an sich abprallen: „Man muss sich in Erinnerung rufen, dass ein Gucci ermordet wurde und ein anderer wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis landete. […] Sobald du so etwas tust, wirst du Teil des Gemeinguts.“

Renommierte Namen für berühmte Vorbilder

Um den starken Charakteren der Guccis gerecht zu werden, waren bekannte Namen bei der Besetzung beinahe ein Muss. Für die Rolle der Patrizia Gucci hat sich Scott keine Geringere als Lady Gaga an seine Seite geholt. Die Sängerin bringt einen großen Vorteil mit: auf der Leinwand kann sie noch überraschen. Spielte sie in ihrem Hauptrollen-Debüt „A Star Is Born“ (2018) noch eine unschuldige wie liebevolle junge Frau, überzeugt sie nun als ambitionierte und skrupellose Schönheit, die durch das Erbe ihres Mannes verführt und in der Liebe bitter enttäuscht wird. Gaga durchläuft Patrizias persönlichen Wandel bis zum dramatischen Finale, bei dem ihr auch die optischen Veränderungen durch die Jahre bei der Entwicklung zur taffen Gucci helfen. Salma Hayeks Pina wird zur Komplizin und zum Teufelchen auf ihrer Schulter, das ihr rät, sich als starke Frau das zu nehmen, was ihr zustehe.

Anfangs noch skeptisch, ob er sich wirklich dem Namen Gucci und der Familie hingeben soll, wird auch Maurizio von der Macht verführt. Adam Driver kann sowohl den schüchternen, als auch den selbstbewussten Erben, der sich immer mehr, wenn auch optisch beständig, dem Gucci-Lifestyle mit teurer Kunst und schnellen Autos anpasst. Während Patrizia an ihrer Ehe festhält, zeigt er sich kühl und abgeklärt. Ihr Mann sei eben ein Gucci, erklärt er Patrizia und lässt keinen Zweifel mehr an seiner neuen Persönlichkeit.

Zur Verwandlung in Perfektion trat jedoch Jared Leto für den Film an. Glücklicherweise scheute er kein stundenlanges Make-over und wurde dank Make-up-Artist Göran Lundström jeden Drehtag zum beleibteren Paolo, der als Träumer seine Stellung in der Firma nicht recht finden mag und eigentlich nur gemocht und wertgeschätzt werden will. Mit Al Pacino als sein Vater Aldo liefert Leto ein amüsantes Duo, das dem Film neben all den Intrigen und Machtspielen eine Leichtigkeit gibt. „Er ist ein Idiot, aber er ist mein Idiot“, bringt Aldo die liebenswerte Beziehung der beiden auf den Punkt. Auch sonst brilliert Al Pacino als hemdsärmeliger Unternehmer mit Charme, der am Ende für sein Familienunternehmen mit einem zu hohen Preis gekämpft hat.

Eintauchen in das süße Leben

Obwohl der Zuschauer durch die realen Begebenheiten der Gucci-Historie wohl um das bittere Ende weiß, bleibt bis zum Schluss und trotz zweieinhalb Stunden Länge die Spannung im Film hoch. Möchte man doch das Kartenhaus immer weiter einstürzen sehen und verstehen, wie es zum Fall der Familie kommen konnte. Selbst der Mordfall und seine Folgen geraten am Ende beinahe in den Hintergrund, die Gucci-Soap lebt vielmehr von seinen exzentrischen Protagonisten und deren Querelen.

Die ereignisreiche Familiengeschichte ist eingebettet in eine Kulisse, die man von einem Film über ein glamouröses Modeimperium auch erwartet. So strotzt das Hochglanz-Werk nur so von Dolce Vita samt großzügigen Anwesen, schnittigen Autos, teuren Gucci-Anzügen und -Kleidern und Bling-Bling-Accessoires, die die Protagonisten schmücken. Der Zuschauer findet sich zeitweise nicht nur in Rom oder Mailand, sondern auch in New York oder in der Schneekulisse der Alpen wieder. Teilweise überzeichnet werden die Szenen dann auch noch mit italienischen Klassikern und klischeehaften Opernarien. Dazwischen ertönen echte Klassiker der Popgeschichte und erleichtern die Zeitsprünge in den drei Jahrzehnten der Gucci-Geschichte.

Fazit

Ridley Scott hat einer filmreifen Geschichte das richtige Gewand gegeben – mit einem guten Gespür für Cast und detailverliebten und imposanten Kulissen. Für Mode-Fans lohnt sich der Film vor allem aufgrund seiner Optik, die Geschichte der Modemarke und das Business selbst wird etwa mit der Einstellung von Tom Ford nur angeschnitten. Der Fokus liegt klar bei den familiären Machenschaften abseits des Laufstegs – und die sorgen für Unterhaltung genug.

(jom/spot)

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