Games 

„E-Sport lehrt, was man fürs spätere Leben braucht“: Moderatorin und Ex-Gamerin Melek Balgün im Interview

Moderatorin Melek Balgün hat es als "Counterstrike"-Spielerin früher bis zur Weltmeisterschaft gebracht.
Moderatorin Melek Balgün hat es als "Counterstrike"-Spielerin früher bis zur Weltmeisterschaft gebracht.
Foto: imago
Melek Balgün war ein Profi unter den E-Sportlern. Heute moderiert sie die Events lieber. futurezone sprach mit ihr über gelangweilte Jugendliche, geballte Vorurteile und den menschlichen Spieltrieb.

In Südkorea, Schweden und Großbritannien wird der E-Sport längst staatlich gefördert, in den USA ist E-Sport immerhin anerkannter Schul- und Universitätssport. In Deutschland engagieren sich die FDP und die Piratenpartei für die Anerkennung von E-Sport als Sportart. Doch ist das wirklich Sport? Was macht ihn aus?

2003 besuchte Melek Balgün das erste Mal ein Turnier der Electronic Sports League (ESL). Damals noch als Zuschauerin. Vier Jahre später brachte es "m3lly" – so ihr Nickname – bereits selbst bis zur Weltmeisterschaft in Paris – als „Counterstrike“-Spielerin.

Über einen Job bei Turtle Entertainment, dem Unternehmen hinter der ESL, kam sie zum Moderieren. Und das macht sie bis heute. Lange Zeit präsentierte sie die Sendungen von „Deutschlands Beste Gamer“, die dreimal im Jahr um den Titel in der ESL Pro Series kämpfen.

Dem Magazin Games Wirtschaft zufolge zählt Balgün auch 2017 wieder im Bereich Medien zu den Top 50 Frauen der deutschen Games-Branche. Die Kölnerin ist gelernte Fachinformatikerin, hat einen Bachelor in Medienwirtschaft und einen Master in Marketing and Mediamanagement. nun arbeitet sie als selbstständige Moderatorin. Ein echter Medienprofi also.

Als ehemalige Spielerin und Moderatorin kennt Balgün sich in der Szene aus. Auf ihre Sendungen muss sie sich nach eigenen Angaben deshalb nicht lange vorbereiten. Umso unverständlicher ist für sie die Frage, wieso E-Sport nicht längst als Sportart in Deutschland anerkannt ist.

Verpassen wir also den Trend? Und was hat es eigentlich mit diesen Drohnenrennen auf sich? Über diese und andere Fragen spricht Melek im Interview.

futurezone: Viele Kritiker meinen, Headset und Joystick machten noch lange keinen Sport aus. Wie siehst du das?
Melek Balgün: Das ist wirklich eine schwere Frage. Sport ist der Wettbewerb mit anderen, der Regeln unterliegt. Man achtet seinen Gegner und versucht ihn als Person nicht zu verletzen, sondern einfach nur das auszuführen, zu dem man sich trifft. Das sind alles Faktoren, die auch auf E-Sport zutreffen: Auch hierbei gibt es einen Ablauf, Hand-Augen-Koordination wird benötigt, gute Reflexe, man muss auf Situationen schnell reagieren. Daneben gibt es Taktiken und einen übergeordneten Plan, den man sich zurechtlegt. Und natürlich geht es darum, sich mit seinem Team zu arrangieren und als Einheit auftreten.

E-Sports auf der Gamescom 2016
StarCraftDE

Allein auf dem Papier würde E-Sport deshalb schon als anerkannte Sportart durchgehen. Wenn man dann noch auf die Vitalzeichen der E-Sportler achtet, etwa die steigenden Herzfrequenzen während des Spiels, dann sind das Abläufe, die auch im traditionellen Sport vonstattengehen. Wir erschaffen aktuell einen Umbruch mit dem E-Sport, der die Definition von Sportarten allgemein hinterfragt.

Die Akzeptanz und Anerkennung von E-Sport ist in anderen Ländern bereits gang und gäbe. Warum ist dieses Denken noch nicht in Deutschland verankert?
In Asien werden die Spieler gefördert wie jeder andere Leistungssportler auch. Es gibt Fernsehkanäle, die sich eigens mit E-Sport befassen. Letztlich sind es Athleten, die an großen Turnieren teilnehmen. Deshalb soll E-Sport einen Platz in den Olympischen Sommerspielen bekommen, zwar nicht als vollwertige Disziplin, aber immerhin. Das ist schon mal der erste Schritt, um andere Länder, die dem Ganzen skeptisch gegenüberstehen, zu überzeugen, es ernsthaft anzugehen.

Leider ist es so, dass die Deutschen immer etwas länger brauchen, um neue Dinge überhaupt anzuerkennen und damit umzugehen. Obwohl der E-Sport hierzulande seit fast zwei Jahrzehnten schon existent ist und nun ein Ausmaß annimmt, das kaum noch zu ignorieren ist. E-Sport ist ein neuer Ausdruck unserer Jugendkultur, der unbedingt gefördert werden muss.

Woher kommt überhaupt diese Skepsis dem E-Sport gegenüber?
Das weiß ich auch aus eigener Erfahrung. Das ist ein Faktor, der häufig unbeachtet bleibt, so nach dem Motto „Das ist ja gar nicht anstrengend, ist ja nur Computer-Spielen“. Die mentale Anstrengung wird dabei vergessen. Die wenigsten Sportler können sich über 90 Minuten hinweg so fokussieren, wie es ein E-Sportler tut. Beim Schach etwa sitzen sich die Kontrahenten gegenüber und führen minimale Bewegungen mit der Hand aus. Mit bis zu 600 Tastenanschlägen in der Minute ist der E-Sport deutlich aktiver.

Sicher ist E-Sport nicht zu vergleichen mit der körperlichen Anstrengung eines Gewichthebers oder eines Läufers, aber durchaus mit dem mentalen Anspruch eines Fußballspielers. Aber aktuell stoßen Turnierveranstalter, Organisationen und Spieler noch immer auf Gegenwind, obwohl sie einfach ihren Job machen.

„Es ist an der Zeit, Skepsis und Schau beiseitezulegen“

Natürlich, etwas Neuem steht man prinzipiell erstmal skeptisch gegenüber, um zu sehen, ob es sich durchsetzt und etablieren kann. Aber jetzt – nach zwei Jahrzehnten, in denen durchweg große Hallen und Stadien mit E-Sport-Events bereits gefüllt wurden und immer noch werden, in denen die Zuschauerzahlen ein Ausmaß erreichen, das mit dem der NFL vergleichbar ist – ist es an der Zeit, diese Skepsis und Scheu beiseitezulegen. Weil der Sport sich etabliert hat. Weil er ein Teil der Jugendkultur ist. Weil er mit ziemlicher Sicherheit in den nächsten zehn Jahren nicht verschwinden wird.

Was hat E-Sport demnach am meisten nötig?
Die Szene bemüht sich aktuell selbstständig darum, eine Professionalisierung voranzutreiben. Ein Wachstum findet deshalb bereits statt. Die Länder dürfen aber den Einsatz nicht verpassen, sonst wächst die Szene wie bisher organisch.

Es gilt also, den E-Sport in Reihe und Glied zu führen, um die Athleten zu schützen. Die Profis haben jedes Wochenende drei Turniere. So verbrennt man die Spieler natürlich auch.

Was könnte der Staat tun?
Ich weiß nicht, ob beispielsweise eine finanzielle Verantwortung des Staates für E-Sport überhaupt nötig ist. Wir sehen ja schließlich, dass der E-Sport sich selbstständig tragen kann. Für Amateurspieler wäre eine staatliche Förderung aber eine Erleichterung. Viele E-Sportler sind Studenten, die viele Nebenjobs haben, um ihren Wunsch überhaupt verfolgen zu können.

Da sind unsere Strukturen hierzulande leider noch zu vorsichtig. Viele Spieler heuern deshalb lieber in ausländischen Organisationen an als in inländischen. Mit der Förderung der Amateure würden wir in einem Sport, in dem Deutschland noch nicht so erfolgreich ist wie Korea oder die USA, sicher mehr Leistung bringen. Ich habe langsam die Angst, dass wir den Trend verpassen könnten.

Wäre es denn schlimm, diesen Trend zu verpassen?
Absolut. Allein aus wirtschaftlicher Sicht würde uns ganz schön viel Geld durch die Lappen gehen. Außerdem ist der E-Sport eine schöne Möglichkeit für Kinder und Jugendliche, sich in ihrem Alltag weniger zu langweilen. Es scheint so, als wüsste unsere Jugend nicht mehr, was sie mit sich anfangen soll. Wenn immer mehr Jugendzentren abgeschafft werden, müssen wir uns nicht wundern, dass unsere Jugendlichen so ziellos durch die Gegend laufen.

re:publica-Panel: E-Sport auf dem Weg zum weltweiten Franchise?
Screenshot/ALEX Berlin

Auch das wird von vielen noch nicht verstanden. Ich erinnere mich an einen Türkei-Urlaub mit meinem Onkel. Wir sind durch die Straßen gelaufen und mir ist aufgefallen, dass keine Jugendlichen auf der Straße waren, die Unsinn gemacht haben wie ich es bei mir in Köln-Deutz häufig beobachte. Eine Straße weiter fanden wir sie dann – in den Internet-Cafés beim Zocken. Das war so ein schönes Bild.

Außerdem: Jeder spielt. Das liegt in der Natur des Menschen. Leider sind wir viel zu sehr damit beschäftigt, Ego-Shooter zu verbieten, weil sie Amokläufe verursachen würden. Ich habe Angst, dass der E-Sport diesen Vorurteilen der oberen Linien zum Opfer fällt. Das wäre traurig.

Vorbehalte dieser Art resultieren sicherlich aus dem Bild, das du gerade beschrieben hast: Die Jugendlichen sollen doch rausgehen statt im Internet-Café zu hocken.
Aber was machen sie denn wirklich? Sie sitzen eh schon drinnen, zuhause zum Beispiel vor dem Fernseher, vor YouTube oder am Smartphone.

Man darf nicht vergessen, was für gesellschaftliche Tugenden der E-Sport lehrt: Er lehrt Selbstdisziplin, dass du für dein Ziel kämpfen sollst, Teamgeist und Achtsamkeit gegenüber deinen Team-Mitgliedern, er lehrt Fleiß und Lernbereitschaft und letztlich, dass man für seinen eigenen Aufwand belohnt wird. Das sind alles Dinge, die man für das spätere Leben braucht.

Letztendlich steckt eine Art Doppelmoral dahinter: Wir wollen E-Sport nicht fördern, dann sitzen die Jugendlichen ja nur noch drinnen. Und ich denke: Hallo? Wir – also nicht nur die Jugendlichen – sitzen sowieso schon drinnen. Und als Mutter ginge ich viel eher damit konform, dass mein Kind vier Stunden am Tag zockt, als dass es vier Stunden am Tag vor dem Fernseher sitzt.

Wie leicht ist es wirklich im E-Sport Karriere zu machen?
Es ist mit dem regulären Mannschaftssport vergleichbar. Interesse an einer Sportart oder Disziplin stehen am Anfang. Da gibt es Ego-Shooter, Sportspiele, Multi-Online-Battle-Arena und so weiter. Meist entwickelt sich die eigene Priorität später noch weiter. Dann erkennt man, dass professionelle Strukturen dahinterstecken, indem man Turniere sieht, Ligen kennenlernt. Wer Ambitionen hat, versucht dort zunächst als Casual-Spieler hineinzufinden, häufig zusammen mit Freunden. Irgendwann muss man für sich selbst schauen, ob man auch Talent hat und wieviel Zeit man bereit ist für das Spiel aufzubringen.

Der Wettbewerb ist natürlich hart. Heutzutage Profi zu werden, ist viel schwerer als noch vor zehn Jahren, weil die Anzahl der Spieler einfach gestiegen ist. Dann gehört natürlich noch eine große Portion Glück dazu, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Die Wahrscheinlichkeit, die richtigen Leute, also Organisatoren und Headhunter, auf das eigene Talent aufmerksam machen zu können, ist schon sehr gering. Aber es ist möglich. Ein guter Batzen Realismus ist von Vorteil.

War es für dich als Frau schwer, von der professionellen Szene akzeptiert zu werden?
Zu der Zeit, als ich gespielt habe, waren Frauen noch viel größere Exoten in der Szene als heutzutage. Ich würde lügen, wenn ich sage, es wäre leicht gewesen. Am Ende liegt es an jedem selbst, sich nicht unterkriegen zu lassen und einfach weiterzumachen. Dann hören die dummen Sprüche zwar nicht voll und ganz auf, aber die allgemeine Skepsis schwindet.

Man muss einfach seinen Weg finden. Ich habe Schwierigkeiten damit, quasi rumzuheulen und zu sagen: Als Frau hat man es so superschwer. Natürlich stimmt das irgendwie, aber letztlich stößt jeder, der Erfolg möchte und hat, auch irgendwann einmal auf Widerstand. Und das ist unabhängig vom Geschlecht.

Ich habe immer versucht, Gegenwind mit Leistung entgegenzutreten. Das gelingt mir bis dato ganz gut.

In der Branche der Online-Spiele-Industrie, sind Frauen unterrepräsentiert. Ist diese Situation mit der im E-Sport vergleichbar?
Bestimmt. Auf der Media Convention in Berlin habe ich genau eine Spiele-Entwicklerin getroffen. Es ist eine Männerdomäne. Ich finde es wichtig, diese Berufsfelder Frauen nahezubringen, spreche mich jedoch gegen eine Frauen-Quote aus. Damit schießen wir Frauen uns nur selber ins Aus, weil wir, wenn wir Frauen in Positionen bringen, in denen sie sich nicht wohlfühlen, ein schlechtes Licht zurückwerfen.

Wir dürfen nicht das eigene Klischee auch noch bestätigen. Wir sollten es viel eher den Frauen selbst überlassen, mit Leistung zu glänzen.

Zugegeben, es werden aber auch nicht blind Frauen ausgewählt, um die Quoten-Positionen zu besetzen.
Klar, aber ich kann mir gut vorstellen, dass durch eine Quote, Frauen in Positionen gezwungen werden, deren Leistungsdruck sie nicht erfüllen können, um am Ende zu versagen und das Klischee zu bestätigen. Ich frage mich auch, warum es überhaupt ein Problem darstellt, dass Frauen nicht in großer Anzahl in bestimmten Branchen vertreten sind. Wenn sie lieber Mediengestalterinnen werden wollen, ist das doch in Ordnung. Mir geht es einfach darum, dass gute Leistung anerkannt werden muss, egal von welchem Geschlecht sie erbracht wird.

Um Drohnenrennen wird derzeit ein fast ebenso großer Hype veranstaltet wie um E-Sport im Games-Bereich. Werden sie den Erfolg des E-Sport noch ein- oder gar überholen?
Ich kann mir das gut vorstellen, weil Drohnenrennen ein sehr eingängiges und massentaugliches System zugrunde liegt: Drohne 1 muss schneller sein als Drohne 2, 3, 6 – jedenfalls weiß jeder gleich: Das ist ein Wettrennen. Und da kommt wieder der Spieltrieb heraus: Das sind Spielzeuge, die fliegen durch die Luft, die sind bunt, die sind schnell, die versuchen sich abzuhängen, die fliegen auch mal gegen die Wand und gehen kaputt. Das ist kurzweilig und aufregend.

Was sind eigentlich Drohnenrennen?
Drone Racing League

Anfeuern und Mitfiebern sind Faktoren, die dafür sprechen, dass Drohnenrennen sich sehr erfolgreich entwickeln werden. 7Sports hat sich Ende vergangenen Jahres die deutschen Übertragungsrechte für die Drone Racing League gesichert. Damit ist die Branche schon einen Schritt weiter, als es E-Sport zu seinen Anfängen war.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass die staatlichen Strukturen Drohnenrennen generell offener gegenüberstehen, weil der E-Sport so viel Vorarbeit geleistet hat, um aus mit neuen Techniken verbundenen Klischees auszubrechen. Drohnenrennen sind wie die kleine Schwester des E-Sport: Die große Schwester muss darum kämpfen, mit ihrer Freundin alleine ein Eis essen gehen zu dürfen, die kleine Schwester darf das schon eher, weil es ja normal ist.

Die Zielgruppe der Drohnenrennen ist aufgrund des einfacheren Entertainment-Faktors breiter gestreut. Außerdem sind die Drohnenrennen-Typen ja draußen, an der frischen Luft!

Zu den Kommentaren
Neueste Videos auf futurezone.de

Neueste Videos auf futurezone.de

Beschreibung anzeigen