Meinung 

Start-ups und Autobranche arbeiten an der Mobilität der Zukunft

Start-ups und Autohersteller wollen von nun an gemeinsam an der Mobilität der Zukunft arbeiten.
Start-ups und Autohersteller wollen von nun an gemeinsam an der Mobilität der Zukunft arbeiten.
Automobilindustrie und Start-ups wollen enger zusammenarbeiten: In ihren Forderungen machen sie auch den rechtlichen Rahmen deutlich – lassen die Politik aber außen vor.

Nicht wie erwartet – das ist wohl der Satz, der im Nachhinein am ehesten auf die Veranstaltung zutrifft, die an diesem Abend im Westhafen Event & Convention Center (WECC) stattfindet. Knapp 200 Gäste versammeln sich in der alten Lagerhalle um zu erfahren, wie das mit der Mobilität der Zukunft vonstattengehen soll.

Man trifft auf blasierte Gesichter und das Gefühl, dass etwas Großes bevorsteht. Das versprechen jedenfalls sowohl die Agenda als auch die Wahl des Veranstaltungsortes. Immerhin befindet man sich an einem für die Automobilindustrie historisch bedeutsamen Ort: Hier, in der Lagerhalle I, dem heutigen WECC, das ursprünglich als Getreidespeicher genutzt wurde, produzierte Ford von 1926 an das Modell T. Erst 1931 verlegte er das Werk nach Köln.

Gemeinsam haben der Verband der Automobilindustrie (VDA) und der Bundesverband Deutsche Startups e.V. (BVDS) in einem Positionspapier Thesen und Forderungen formuliert, die die "Mobilität der Zukunft" in Deutschland vorantreiben sollen. Im WECC wurden sie offiziell vorgestellt. Im VDA sind ca. 600 Unternehmen vereint, die zum Thema Automobilität forschen, entwickeln und produzieren. Aus den 20 Gründungsmitgliedern des BVDS von 2012 sind nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als 500 geworden.

Gute Voraussetzungen für den Ausbau einer Zusammenarbeit, die sich bisher, so schien es, ausschließlich durch Accelerator-Programme und Pitches auszeichnete. Das brachte bestenfalls beiden ein Pilotprojekt, den Start-ups bessere Kontakte, der Industrie einen Hauch von Start-up-Feeling und der sogenannten Mobilität der Zukunft erst einmal gar nichts. Jenes Missverhältnis ist an diesem Abend auch im Westhafen spürbar. Junge Start-up-Gründer mit hellblauen Hemden laufen, ihr Prosecco-Glas schwenkend, den etablierten Unternehmern nach, um wenigstens mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Die Zukunft nach dem Carsharing

  • Zu erahnen ist an diesem Abend aber auch, dass beide Welten gar nicht so weit auseinander liegen. Schließlich ist man zusammen hier und will augenscheinlich dasselbe: Prozesse optimieren, Smart Cities schaffen, E-Mobilität fördern. Die deutschen Autobauer hoffen nicht mehr nur auf Carsharing-Start-ups. Nun soll ein tatsächlicher strategischer Austausch von etablierten Industrie- und jungen Technologieunternehmen mit langfristigen Perspektiven angeschoben werden.
  • Was nach dem Carsharing kommen soll, haben VDA und BVDS in ihrem Positionspapier „Deutschland als Cluster für die Mobilität von morgen“ zusammengefasst. Hier die wichtigsten Punkte:
  • Statt die Verkehrsmittelwahl jedes Einzelnen zu reglementieren, sollte die Politik darauf vertrauen, dass der Nutzer seine eigenen Mobilitätsentscheidungen trifft und dies – ob Auto, Fahrrad oder Nahverkehr – effizient tut.
  • Datenschutz ist wichtig. Daten sollten aber auch als Chance und Prinzip der informationellen Selbstbestimmung begriffen werden. Durch Daten kann der innerstädtische Verkehrsfluss beschleunigt und eine langwierige Parkplatzsuche eingespart werden.
  • Weiterhin wird das Auto ein wichtiger Bestandteil der Mobilität bleiben. Automatisiertes Fahren kommt auch einer älteren Bevölkerungsgruppe zugute. Die Politik muss die digitale Relevanz des Themas erkennen.
  • Nachdem Automobilindustrie und Start-ups ihre Angebote den digitalen Anforderungen angepasst haben, ist nun die Politik am Zug. Sie muss den rechtlichen Rahmen auf mögliche Hürden für die Sharing Economy hin prüfen und gegebenenfalls anpassen.
  • Die Politik muss außerdem den Übergang zur Elektromobilität gewährleisten und die Entwicklung und Anwendung von technologischen Innovationen allgemein erleichtern.
  • Investitionen in Start-up-Technologien müssen attraktiv gemacht werden.

"Unser wichtigstes Investitionsgut ist nach wie vor das Auto"

Präsentiert wird das Positionspapier nicht. Das kann anscheinend jeder selbst nachlesen. Eine Podiumsdiskussion soll die Herausforderungen der Mobilität erläutern. Es diskutieren der VDA-Geschäftsführer Dr. Kay Lindemann und Dr. Tom Kirschbaum, Mitglied des Vorstands des BVDS und Geschäftsführer des Start-ups door2door, mit dem Präsidenten der ESMT European School of Management and Technology, Prof. Jörg Rocholl.

Interessant ist zum Beispiel ein Vergleich, den Lindemann zwischen dem Automobilmarkt und anderen Branchen zieht. "Was für Musik und Medien gilt, muss noch lange nicht für Autos gelten. Mit der jetzigen Strategie sind wir nämlich bereits dabei, das Schicksal unserer Branche selbst und vor allem rechtzeitig zu bestimmen. Es ist ein Glück für den Automobilmarkt, in absehbarer Zeit nicht in einer Datenwolke aufgelöst zu werden wie es in der Musik und bei den Medien der Fall war. Wir sind vorbereitet."

Daran schließt Kirschbaum aus Sicht der Start-ups an: "Man muss in einer Phase, in der alles gut läuft bereit sein, etwas zu verändern. Noch fehlt es an Kapital, Mut und dem rechtlichen Rahmen. Veränderungen müssen zukünftig jedoch zu unserem Alltag gehören."

Einen weiteren wichtigen Aspekt spricht Rocholl an. "E-Commerce-Start-ups gibt es zuhauf, vor allem in Berlin. Erstaunlich ist dabei, dass das deutsche Wirtschaftssystem auf dem Gebiet E-Commerce eigentlich gar nicht gut ist. Da sind uns andere Länder weit voraus. Unser wichtigstes Investitionsgut ist nach wie vor das Auto."

Politische Hürden ...

In der Podiumsdiskussion soll es auch um die Frage gehen, wie die Entwicklung neuer Innovationen durch den Rechtsrahmen in Deutschland behindert werde. Das Personenbeförderungsgesetz etwa sei so eine Hürde, die die Vernetzung von verschiedenen Verkehrsträgern erschwere.

Es definiert akribisch, was als Taxi- und was als Mietwagenverkehr zu betrachten ist. Uber Pop, die Schwester-App von Uber, kostete das Gesetz die Zulassung in Deutschland, da private Fahrer aus versicherungstechnischen Gründen keine Personen befördern dürfen.

Wie im Falle der Fernbusse, die erst seit einigen Jahren das Bahn-Monopol angreifen dürfen, müsse auch beim privaten Personenbeförderungsverkehr eine Liberalisierung stattfinden, so die Forderung von Lindemann, Kirschbaum und Rocholl. Ein weiterer Fehlbedarf bestehe bei Aufladestationen für Elektrofahrzeuge.

... aber kein Politiker

Das sind anschauliche Beispiele, die auch zukünftig zu einem Dialog beitragen könnten. Leider lässt das Gespräch die nötige Tiefe vermissen. Daran können auch die darauffolgenden Pitches von Start-ups und Industrie nichts ändern.

Schlagwörter wie Augenhöhe, Pilotprojekte und Partnerschaften täuschen nicht darüber hinweg, dass etwas Entscheidendes fehlt: Ein Vertreter der Politik, der zu den Forderungen an den rechtlichen Rahmen Stellung beziehen könnte. Das hätte dem Dialog die Tiefe gegeben, die er gebraucht hätte, um relevant zu sein.

Derjenige, der die bisherige Herausforderung in der Zusammenarbeit beider Branchen letztendlich am besten auf den Punkt bringt, ist Gregor Gimmy, Leiter der BMW Startup Garage. Den Start-ups, die an diesem Programm teilnehmen, bietet BMW statt klassisch Kapital lieber überlebensnotwendige Kontakte zur gewünschten Zielgruppe. "Streichen wir zunächst das Wort Start-ups aus unserem Wortschatz, um die Hierarchien zwischen Industrie und Jungunternehmen zu überwinden." Er selbst nutzt den Begriff im Pitch allerdings recht häufig.

Fazit

Am Ende hilft alles Reden nichts. Die Akteure bleiben die Frage schuldig: Was kommt nach dem Dialog? Vermutlich ist eine Antwort darauf ganz einfach nicht das erklärte Ziel des Abends gewesen. Aber das hätte dem Publikum ja auch mal jemand sagen können.

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