Meinung 

Warum Ultra HD Netflix und Amazon nicht besser macht

Die Netflix-Originalserie Stranger Things ist in Ultra HD abrufbar.
Die Netflix-Originalserie Stranger Things ist in Ultra HD abrufbar.
Foto: Netflix
Die bessere Auflösung wird als Heilsversprechen verkauft. Eigentlich handelt es sich beim Hype um 4K-Streaming aber um Etikettenschwindel.

Technischer Fortschritt ist prinzipiell eine gute Sache. Vom Fortschritt in der Kommunikationstechnologie, der uns heute erlaubt Ferngespräche über Mobiltelefone in einer Qualität zu führen, wie sie früher undenkbar war, bis hin zum elektronischen aufgerüsteten PKW, der uns Mittel Navi zum Ziel führt und darüber hinaus auch noch beim Einparken unterstützt.

Es scheint eine der unantastbaren Wahrheiten unserer Zeit geworden zu sein, dass Leistung jeder Form sich linear fortentwickelt und Neues damit automatisch besser sei. In manchen Bereichen mag das zutreffen. Die Verbesserung der Rechenkapazität von Taschenrechnern oder der Effizienz von Solarzellen lassen sich auf diese Art trefflich beschreiben, verallgemeinern lässt sich diese Form des Fortschrittdenkens allerdings nicht.

Netflix und Amazon in Ultra HD

Ein aktuelles Beispiel für die Verwechslung einer Verbesserung eines technischen Standards mit der Verbesserung eines Produkts, liefern im Moment die großen Streamingplattformen Netflix und Amazon Video. Beide werben seit einiger Zeit mit Ultra HD, also Filmen und Serien in 4K-Auflösung.

Ende letzten Jahres sagte Chief Content Officer Ted Sarandos im Rahmen einer Konferenz, dass es für Netflix unerheblich sei, welche Filme der Streaming-Dienst anbieten würde, denn der Anteil der Filme an der Gesamtnutzung bleibe konstant bei einem Drittel. Sein Amazon-Pendant Joe Lewis äußerte sich in einer Diskussionsrunde kürzlich über den Einsatz von Nutzerdaten für die Programmgestaltung. Er hielt fest, dass es schwierig sei, aus den Daten, die einen gegenwärtigen Zustand ausdrücken, auf zukünftigen Bedarf zu schließen.

Zusammengenommen lässt sich aus diesen beiden Meldungen eine gewisse Ratlosigkeit, was die Planung des eigenen Angebots betrifft, herauslesen – und das trotz immer größerer Mengen an Rohdaten und immer präziserer Marktforschungsinstrumente.

Milliarden-Investitionen ins Programm

Um im Kampf ums Publikum die Konkurrenz trotzdem auf Abstand zu halten, investieren beide Anbieter zusammen rund zehn Milliarden Dollar in ihr Streaming-Angebot. Das sind in erster Linie gute Nachrichten für alle Kreativen, die nach Finanzierungsmöglichkeiten für ihre Serien- oder Filmideen suchen. Ihnen bieten sich Möglichkeiten, wie es sie seit der Explosion des Home-Entertainment-Markts der 90er nicht mehr gegeben hat. Das Verdikt über das Qualitätsmanagement von Amazon und Netflix fällt weniger rosig aus. In Sachen Qualitätsförderung verfahren die beiden big player am VoD-Markt nach dem Gießkannenprinzip.

Wo es in Sachen Programmgestaltung hakt, weicht man auf technische Hochrüstung aus. Ultra HD und was an Kinkerlitzchen noch kommen mag, soll als Hype-Garant die Vermarktung des Produkts erleichtern, denn der Content allein ist dazu ganz einfach nicht mehr in der Lage. In immer kürzeren Abständen werden Eigenproduktionen den immer kürzeren medialen Aufmerksamkeitszyklen überantwortet. Das selbst herangezüchtete Nutzerverhalten, Stichwort binge watching, tut sein Übriges dazu, dass diese Serien immer schneller vergessen werden und viel schwieriger treue Stammzuseher gewinnen, wie TV-Serien es durch ihre wöchentliche Ausstrahlung können.

Trailer zur Netflix-Originalserie The Get Down

Überzogene Preise

Wer jeden Monat das Erscheinen eines neuen Meisterwerks propagiert verliert an Glaubwürdigkeit, folglich setzen Amazon und Netflix lieber auf den technischen Fortschritt als Marketingstrategie. Alte Filme und Serien lassen sich in neuer hochauflösender Brillanz ohne großen Mehraufwand noch einmal bewerben – mit dem positiven Nebeneffekt, dass dafür auch noch höhere Preise verlangt werden können. Auf Amazon Video kosten etwa einzelne Titel in Ultra HD über 20 Euro und schlagen selbst in der Leihversion noch mit 7,99 Euro zu Buche.

Für die Nutzer hat diese Marktschreierei kaum Vorteile: Das Angebot an Filmen und Serien in 4K-Auflösung ist im Moment noch überschaubar, der Preis dafür ist unverhältnismäßig hoch, und ein Blick auf die Hardware-Voraussetzungen und die empfohlene Internetgeschwindigkeit schränkt die Nutzbarkeit des Angebots noch weiter ein. Wer die Video-on-Demand-Dienste auf dem Smartphone oder Tablet nutzt, der wird angesichts der Bildschirmgröße ohnehin kaum einen Unterschied in der Qualität wahrnehmen.

Auf die Arbeit hinter den Kulissen hat der neue Fokus auf Ultra HD ebenfalls Auswirkungen. Das nötige Equipment für 4K-Produktionen ist im Moment noch nicht für alle Formate gleichermaßen geeignet. Wie IndieWire berichtete, geraten vor allem Reportagen und Dokumentarfilme durch die geringere Flexibilität und Beweglichkeit der 4K-Kameras in Gefahr an Intimität zu verlieren und in der Folge uniform zu wirken.

Ultra HD als Etikettenschwindel

Anstatt durch den technischen Fortschritt die Kreativität zu befeuern und neue innovative Formate zu entwickeln, werden die Möglichkeiten der Film- und Serienmacher also eher eingeschränkt. Überhaupt stellt sich die Frage, ob die Qualität einer Serie oder eines Films so sehr von den technischen Produktions- und Distributionsbedingungen abhängig ist, wie uns Amazon, Netflix und Co. das weißmachen wollen. Eine solche Argumentation würde viel eher in Bezug auf Sportübertragungen Sinn machen, bei denen es in erster Linie darum geht, möglichst genau das Geschehen zu verfolgen. Fiktionaler Content hingegen hat seit jeher mit seinen technischen Rahmenbedingungen gespielt und daraus Neues entwickelt. Das Heilsversprechen der ultrahohen Auflösung entpuppt sich somit als Etikettenschwindel.

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