Meinung 

Der Mozart-Effekt

Mozart macht angeblich auch Filme besser.
Mozart macht angeblich auch Filme besser.
Foto: imago
Obwohl er seit Jahren widerlegt ist, hält sich der sogenannte "Mozart-Effekt" in der öffentlichen Wahrnehmung – und treibt absurde Blüten.

Viele Leute ignorieren wissenschaftliche Erkenntnisse genauso konsequent wie der Dschihadist das Wort zum Sonntag. Sie fürchten sich vor giftigen Chemtrails am Himmel und vor bedrohlichen Folgen der Masernimpfung, obwohl die Wissenschaft schon längst Entwarnung gegeben hat.

Doch manchmal, ganz selten, gibt es Forschungsergebnisse, die zum Zeitgeist passen, die mit Begeisterung aufgegriffen, felsenfest geglaubt und enthusiastisch weiterverbreitet werden – und zwar sogar dann, wenn sich die Ergebnisse hinterher als völlig falsch herausstellen. Genau das geschah beim sogenannten „Mozart-Effekt“, der heute immer seltsamere Blüten treibt.

Mozart macht klüger

Es begann mit einem kurzen Artikel im Fachjournal Nature im Jahr 1993. Ein Team der University of California hatte eine Experiment durchgeführt: Man hatte Studenten entweder eine Mozart-Sonate vorgespielt, oder ein Entspannungs-Tonband, oder sie einfach in völliger Stille herumsitzen lassen. Nach zehn Minuten testete man ihre Fähigkeiten im räumlichen Denken, und es stellte sich heraus, dass die Mozart-verwöhnte Gruppe dabei signifikant besser abschnitt als die anderen beiden.

Mozart macht also klüger! Eine solche wissenschaftliche Aussage ist wie ein Katzenbabyfoto – irgendwie süß und für niemanden bedrohlich, das zeigt man gerne seinen Freunden. Und so dauerte es nicht lange, bis der Mozart-Effekt berühmt wurde und sogar politische Folgen hatte: Im Bundesstaat Georgia wurde jede Mutter nach der Geburt mit einer Klassik-CD versorgt. In Florida wurde per Gesetz verordnet, dass in den Kindergärten jeden Tag eine Stunde lang klassische Musik gespielt werden muss.

Doch wie es sich in der Wissenschaft gehört, wurde die Sache auch von anderen Forschergruppen näher untersucht, und der grandiose Mozart-Effekt wollte sich nicht so recht wiederholen lassen. Eine große Meta-Studie aus dem Jahr 2010 kam zu dem Ergebnis, dass die Theorie vom Mozart-Effekt nicht haltbar ist.

Mozart-Effekt ist Humbug

Doch nur weil etwas falsch ist muss man noch lange nicht damit aufhören, es gewinnbringend zu vermarkten. Die Geschichte vom Mozart-Effekt hat sich inzwischen verselbstständigt, durch wissenschaftliche Ergebnisse lässt sich ebenso wenig einbremsen wie man Zahncreme in die Tube zurückdrücken kann.

Und so traut man Mozarts Musik heute ganz erstaunliche Dinge zu: Schwangeren Frauen wird eingeredet, sie sollen ihr ungeborenes Kind mit Mozart beschallen, um seine Intelligenz zu fördern. Natürlich muss man dafür um viel Geld spezielle Baby-Beschallungsgeräte kaufen. Es gibt Milchbauern, die ihren Kühen Mozart vorspielen, um die Milchproduktion zu steigern, sogar Pflanzen sollen mit Mozart besser wachsen.

Aber am bemerkenswertesten ist der neue Trend „Mozart für Mikroben“: Man spielt den Mikroorganismen in der Kläranlage beruhigende Musik vor, damit sie den Schmutz im Wasser schneller zerlegen können. Dass diese Mikroorganismen weder Ohren noch Nerven haben, ist ein unwichtiges Detail, das Mozart-begeisterte Kläranlagen-Lautsprecherhersteller nicht irritiert.

Das bietet natürlich ganz großartige neue Möglichkeiten für die Forschung: Endlich kann man gute Musik zuverlässig von schlechter Musik unterscheiden, einfach durch Messung der Dreckkonzentration in beschallten Kläranlagen. Sogar höchst unmusikalische Menschen können gute Musik in Zukunft erkennen – durch bloßes Schnüffeln.

Statt der Verkaufscharts könnte man in Zukunft Klärwasserverkostungen durchführen, um musikalische Qualität zu beurteilen. Schmecke ich hier noch einen interessanten Säure-Unterton von Punk-Rock? Oder sind das Schwermetallrückstände aus der Heavy-Metal-Beschallung? Spätestens wenn man eklig-süße Xavier-Naidoo-Düfte erschnuppert, sollte man die Verkostung aber dringend abbrechen. Bei aller Liebe zur Wissenschaft: Seine Gesundheit sollte man nicht aufs Spiel setzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf futurezone.at.

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