Meinung 

It’s you, stupid! Eine Liebeserklärung an Social Media

Für weniger Aufregung in der Diskussion um Social Media.
Für weniger Aufregung in der Diskussion um Social Media.
Foto: AP
Hass, Hetze oder gleich das Ende der Welt? Facebook, Twitter und Co. sind zu Prügelknaben der Medien geworden. Eine Widerrede.

Es sind hitzige Zeiten angebrochen auf den Social-Media-Plattformen. Überall Hass, Hetze, Beleidigungen und, das liest man dieser Tage in den heimischen Timelines besonders häufig, diese elendige Empörung. An allem sind sie inzwischen irgendwie schuld (oder zumindest mit schuld) – Facebook, Twitter und wie sie alle heißen – so könnte man den Eindruck gewinnen. Irgendwann wird ihnen noch gelingen, was die Menschheit zwar schon lange befürchtet, aber noch nicht eingetreten ist: Den Weltuntergang herbeizuführen. Das ist jetzt natürlich eine unqualifiziert polemische Aussage, aber weil es um soziale Medien geht, und dort Polemik mitunter auch King and Queen ist, soll das mal so stehen bleiben.

Hass, Verhetzung, Beschimpfungen, das sind reale Probleme, die in Zusammenhang mit Social Media entstanden sind bzw. sich dorthin übertragen haben. Lösungen diesen beizukommen, eher komplex als einfach. Doch darum soll es hier ausnahmsweise nicht gehen. Worum es gehen soll, ist das Gejammer und Gezeter über die “schreckliche Empörungskultur”, darüber, dass plötzlich einfach jeder und jede seine Stimme in der Öffentlichkeit hat, darüber, dass ein Shitstorm auf den nächsten folgt. Darüber wie unerträglich und bösartig diese sozialen Medien sind. Sie sind es nicht.

Soziale Medien sind nur so schlecht wie ihre User

Sie sind nicht bösartig und schlecht und gefährlich, weil sie es gar nicht sein können. Sie sind Plattformen, die uns zur Verfügung stehen. Bösartig und unerträglich und schlecht und gefährlich sind nach wie vor Menschen. Die Wahrheit ist: Soziale Medien werden allseits gerne genutzt, um die eigenen Meinungen in die Welt hinaus zu katapultieren. Doch fallen die Rückmeldungen nicht so aus, wie man sich das zuvor vielleicht gewünscht hat, dann sind Social Media plötzlich Teufelszeug. Dann liest man in geballten Ladungen davon, welch Gefahr man hier gegenübersteht, da ist von Vernichtung und Steinigung die Rede (bitte einmal nachschlagen, was derlei Begriffe in der Realität wirklich bedeuten), da wird vor der bösen Empörungskultur gewarnt. Shitstorm, Shitstorm! Das ruft man dieser Tage schon, wenn auf ein Posting drei kritische Kommentare folgen.

Doch nicht jede Kritik ist ein Shitstorm, auch wenn die Verlockung natürlich groß ist, sich mit derlei Begrifflichkeiten beleidigt in eine Schutzzone zurückzuziehen, wenn man einmal daneben geschlagen hat. Mittlerweile wird kaum noch unterschieden zwischen “Hass”, “Hetze”, “Beschimpfung” oder “Empörung”. Dabei handelt es sich allerdings um sehr unterschiedliche Dinge. Es ist nicht von selber Qualität, wenn jemand bedroht und beschimpft wird, oder wenn es ganz einfach Kritik (mitunter natürlich sehr viel auf einmal) an einem Posting oder Tweet gibt. Empörung mag anstrengend sein für manche, aber weder ist das die Schuld der sozialen Medien noch ist irgendwem damit geholfen, dies mit anderen, möglicherweise sogar strafrechtlich relevanten Vorkommnissen zu vermengen. Das wird den Kampf gegen Verhetzung und Hass nämlich nicht vereinfachen. Es ist ein bisschen Ähnliches zu beobachten wie mit der Überstrapazierung des Begriffes “Fake News”. Der wird inzwischen auf einfach alles angewandt, das einem gerade nicht in den Kram passt und somit seine ursprüngliche Bedeutung vollkommen verwaschen. auch hier wird es dadurch nicht einfacher, gegen wirkliche Fake News vorzugehen.

Gegenwind

An dieser Stelle soll niemandem Empfindlichkeit vorgeworfen werden, jede und jeder hat das Recht auch einmal empfindlich zu sein. Doch einerseits scharf zu schießen und andererseits den Gegenwind nicht zu verkraften in diesem Social-Media-Universum, das geht sich eben nicht ganz aus. Empörung per se (gemeint sind nicht Beschimpfungen oder Verhetzung) ist nichts Schlechtes, nur weil sie Teilen von Beteiligten in Onlinediskussionen regelmäßig auf die Nerven geht. Empörung regt Diskurs an und soziale Medien bieten dem eine Plattform. Nicht mehr und nicht weniger.

Denn jeder und jede, die sich in diese – oft auch hitzigen – Diskurse und Debatten mit egal welchen(!) Wortmeldungen hineinwirft, ist ein Teil davon. Niemand kann sich rausnehmen und so tun als wäre er oder sie bloß Beobachter. Es ändert auch nichts am Rande zu stehen, bei einer Eskalation zuzusehen und dann zu brüllen: “Beruhigt euch!” oder “Haben wir keine anderen Probleme”. Auch das ist nichts anderes als ein Teil davon. Wer nur Beobachter sein will, muss beobachten, bei einer Wortmeldung gilt das nicht mehr. So funktionieren nämlich soziale Medien. Erfahrungsgemäß haben jene, die Social Media nicht so gut verstehen, auch ein größeres Problem damit.

Ich sage also: It’s you, stupid! Und dieser Text ist eine Liebeserklärung an Social Media – denn ich bin freiwillig dort und mag sie immer noch – mit all ihren Failern (sic!).

Dieser Artikel erschien zuerst auf futurezone.at.

Meinung 

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