Meinung 

Der Weltraum ist kein Ponyhof

Foto: Dana Berry / AP/Dana Berry
Ist die Menschheit überhaupt fähig, fremde Planeten zu besiedeln, wenn schon das Rasenmähen auf der Erde so schwer fällt? Ein Leben jenseits unseres Planeten ist ein größeres Unterfangen als manch einer glaubt.

Wenn wir da draußen im All keine Außerirdischen finden, dann könnten wir doch wenigstens selbst zu Außerirdischen werden. Die Idee ist gerade ziemlich populär: Technologie-Guru Elon Musk möchte die Menschheit zu einer „multiplanetaren Spezies“ machen, der Physiker Stephen Hawking meint sogar, der Schritt in den Weltraum müsse uns in den nächsten hundert Jahren gelingen, bevor die Erde endgültig unbewohnbar wird.

Nun gut, der Mensch ist ziemlich anpassungsfähig. Es gibt Menschen, die überleben mitten in der mongolischen Steppe. Oder im nördlichen Waldviertel. Oder sogar in Gelsenkirchen. Viel langweiliger ist es in den Steinwüsten fremder Planeten vermutlich auch nicht. Ließe sich irgendwo da draußen ein Stück Land zurechtmachen, als neue Heimat für die Menschheit 2.0?

So einfach ist das nicht. Die Vorstellung von unabhängigen Menschensiedlungen auf fremden Planeten, in denen man dauerhaft leben und sich selbst versorgen kann, ist etwas naiv.

Lebensfeindliches Weltall

Gerne stellen wir uns die Weltraumfahrt vor wie die großen Entdeckungsreisen von Kolumbus oder Magellan. Doch die Erkundung des Weltraums ist eine völlig andere Angelegenheit. Bei Reisen in unbekannte Regionen der Erde konnte man davon ausgehen, dass auch dort das Leben grundsätzlich möglich ist. Wenn man irgendwo an einer größeren Insel Halt macht, wird man dort höchstwahrscheinlich Wasser und Nahrung finden – daran zweifelte niemand.

Der Weltraum ist allerdings eine fremdartige und viel unfreundlichere Gegend. Alles was man braucht, muss man mitbringen, oder mit großer Mühe aus einfachen Rohstoffen herstellen. Wenn sich ein Planet für uns Menschen einigermaßen erträglich anfühlen soll, dann muss man ihn zuerst drastisch verändern – man spricht von „Terraforming“. Die Temperatur an der Oberfläche muss angepasst werden, bis sie irgendwo zwischen null und dreißig Grad Celsius liegt, der Luftdruck und die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre sollten ein erdähnliches Niveau erreichen. Hätte Kolumbus Nordamerika erst einmal klimatisieren müssen, um dort ohne Schutzbekleidung an Land gehen zu können, wäre die amerikanische Geschichte wohl deutlich langweiliger verlaufen.

Mars und Venus

Wenn wir je ohne Druckanzug auf dem Mars spazieren gehen möchten, müssten wir dort zunächst eine deutlich dichtere Atmosphäre schaffen. Derzeit ist der Druck am Mars so niedrig, dass unsere Körperflüssigkeiten bei normaler Körpertemperatur zu kochen beginnen würden – die Spucke auf unserer Zunge, die Feuchtigkeit in unseren Lungenbläschen und auch die Schmerzenstränen, die wir dann wohl herausquetschen würden. Selbst mit Sauerstoffmaske könnte man in einer derart dünnen Atmosphäre nicht überleben.

Man müsste den Mars erwärmen, indem man dort einen künstlichen Treibhauseffekt hervorruft, und gleichzeitig Gase freisetzen, die für eine dichtere Atmosphäre sorgen. Und selbst wenn das gelingt – ein großes Problem ließe sich niemals lösen: Der Mars ist deutlich kleiner als die Erde, die Gravitation ist viel schwächer. Was das langfristig für den menschlichen Körper bedeutet, wissen wir nicht.

Auf der Venus wäre die Sache noch viel komplizierter. Dort liegt die Temperatur bei ungefähr 460 Grad Celsius, der atmosphärische Druck ist 90 mal höher als auf der Erde, zwischen den mächtigen Wolkenschichten regnet es Schwefelsäure. Diese unfreundlichen Bedingungen sind die Folge eines gewaltigen Treibhauseffekts, den man rückgängig machen müsste, wenn die Venus einigermaßen bewohnbar werden soll.

Die Eigenrotation der Venus ist sehr langsam, daher dauert ein Venus-Tag 224 Erdentage. Dadurch ergeben sich zwischen Tag und Nacht gewaltige Temperaturunterschiede, und unsere irdischen Pflanzen hätten kaum eine Chance zu wachsen, wenn sie 112 Erdentage Finsternis aushalten müssen, bevor die Sonne wieder kommt. Beheben ließe sich das vielleicht mit gewaltigen Spiegeln, die Sonnenlicht auf die Nachtseite des Planeten schicken, oder durch geschickt umgelenkte Asteroiden, mit denen man die Eigenrotation der Venus beschleunigt – doch das würde astronomisch lange dauern.

Und selbst, wenn man einige wesentliche Eigenschaften eines fremden Planeten anpassen kann, bleiben noch viele Fragen offen: Wie kann man das Problem der Nahrungsversorgung lösen? Funktioniert unser Bewegungsapparat langfristig in einem anderen Schwerefeld? Kommen die Mikroorganismen in unserem Verdauungssystem mit der neuen Umgebung zurecht? Vermutlich würden sich noch zahlreiche Probleme ergeben, an die wir heute noch gar nicht denken.

Weltraumforschung ist gut – aber unsere Heimat ist hier

Das heißt nicht, dass Weltraumforschung zwecklos ist. Wenn wir Menschen zu fremden Planeten transportieren, Raumstationen im Orbit bauen oder darüber nachdenken, wie man gefährliche Asteroiden ablenken könnte, lernen wir wichtige Dinge, die für unser Überleben auf der Erde nützlich sein können. Doch zu glauben, der Mensch könnte in nächster Zeit von der Erde unabhängig werden und eigenständige Kolonien auf fremden Himmelskörpern errichten, ist genauso verwegen wie ein kleines Kind, das gerade laufen lernt, für den nächsten Marathonlauf anzumelden. Immer mal langsam!

Von richtig abenteuerlicher Unsinnigkeit ist der Gedanke, dass wir auf fremde Planeten ausweichen sollten, weil hier auf der Erde die Umweltprobleme zu groß werden. Die irdischen Umweltprobleme mögen schwerwiegend sein, aber sie sind lächerlich einfach zu lösen, verglichen mit dem Problem, auf fremden Planeten gar keine lebensfreundliche Umwelt zu haben. Zwei bis vier Grad Klimaerwärmung auf der Erde können für uns bedrohlich werden, aber was ist das im Vergleich zu den 430 Grad, um die man die Venus abkühlen müsste? Wegen der Umweltprobleme die Erde verlassen zu wollen ist genauso dumm wie sich eine mechanische Beinprothese zu bestellen, weil man sich das Knie ein bisschen blutig gekratzt hat.

Wir Menschen gehören auf die Erde, hier sind wir zu Hause, an diesen Planeten haben uns Milliarden Jahre Evolution angepasst. Vielleicht haben unsere Nachkommen irgendwann die technischen Möglichkeiten, auch andere Himmelskörper bewohnbar zu machen. Aber daran ist heute noch nicht zu denken. Sollte es je möglich sein, dann ist das wohl ein Projekt für Jahrhunderte oder Jahrtausende. Wir sollten auf unseren Heimatplaneten daher gut Acht geben – wir werden ihn noch länger brauchen.

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