Meinung 

Die Leistungs-Lüge

Die Legende der Leistungsgesellschaft
Die Legende der Leistungsgesellschaft
Foto: Florian Aigner
Wer sich anstrengt, schafft alles. So zumindest wird es uns immer vorgemacht. In Wahrheit ist es aber wesentlich komplizierter.

Leistung lohnt sich. Du kannst alles erreichen was du willst. Du musst dich nur ordentlich anstrengen und hart arbeiten. Dann wird alles gut.

Auf fast religiöse Weise hat sich dieser Mythos von der Leistungsgesellschaft in unseren Köpfen eingenistet. Wer wohlhabend und erfolgreich ist, muss sich das durch harte Arbeit verdient haben. Und der Tellerwäscher, der immer noch kein Millionär ist, hat sich eben nicht genug angestrengt. Dummerweise ist dieser Mythos genauso falsch wie der Glaube an den Osterhasen, an Horoskope oder an regenbogenfurzende Einhörner.

Das Leben ist ein Glücksspiel

Die Wahrheit ist: Für Erfolg braucht man immer auch eine große Portion Glück. Wenn der Zufall nicht mitspielt, dann nützt es auch wenig, klug und fleißig zu sein. Auf jeden erfolgreichen Superstar kommen unzählige andere, die ähnlich talentiert, mutig und ambitioniert sind, aber nicht auf der Titelseite der Zeitung abgebildet werden, weil der Zufall es eben nicht so wollte. Manche Leute haben Erfolg, weil sie zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, weil sie zufällig auf den richtigen Mentor stoßen, oder weil sie zufällig in die richtige Familie hineingeboren wurden. Steuern kann man das nicht.

Aber die merkwürdige Leistungs-Religion, die sich in unseren Breiten durchgesetzt hat, erklären wir die Erfolgreichen zu anbetungswürdigen Erfolgs-Gurus, und die anderen blenden wir einfach aus. Der Startup-Gründer, der jetzt millionenschwerer Firmenchef ist, darf seine Weisheiten verkünden, und hundert Jungunternehmer im Saal nicken begeistert und machen ehrfürchtig Notizen. Ganz gewiss gäbe es gescheiterte Startup-Gründer, die genauso clever, kreativ und siegessicher waren wie er, denen nur das letzte bisschen Glück gefehlt hat. Vielleicht hätten diese Leute sogar deutlich nützlichere Tipps zu erzählen – aber sie werden nicht eingeladen. Sie halten keine Seminarvorträge und niemand fragt sie um Rat.

Wenn hunderttausende junge Leute Schauspieler, Musiker oder Youtube-Stars werden wollen, dann müssen rein logisch betrachtet die meisten von ihnen scheitern. Wir kennen aber immer nur die Namen der Glücklichen, die es geschafft haben und versuchen, ihre Strategien zu imitieren – ohne zu wissen, ob diese Strategien sinnvoll sind, oder in ihrem Fall bloß zufällig zum Ziel geführt haben.

Survivor Bias

Das Phänomen kennt man aus unterschiedlichen Lebensbereichen – man bezeichnet es als „Survivor Bias“. Der Begriff dürfte aus dem zweiten Weltkrieg stammen, als britische Flugzeugingenieure die Einschusslöcher auf den Flugzeugen untersuchten, die vom Kampfeinsatz zurückgekommen waren. Bald stellte sich heraus, dass die Einschusslöcher nicht gleichmäßig verteilt waren. Bestimmte Teile der Flugzeuge wurden deutlich häufiger getroffen als andere. Man schlug daher vor, die häufig durchlöcherten Stellen extra zu verstärken.

Doch das wäre ein dummer Fehler gewesen, erklärte der Statistiker Abraham Wald. Diese Einschusslöcher haben die Flugzeuge nämlich nicht daran gehindert, einigermaßen wohlbehalten zurückzukehren. Die abgeschossenen Flugzeuge hingegen, die es nicht mehr zurück geschafft haben, wurden wohl zufällig an den Stellen getroffen, an denen man bei den zurückgekehrten niemals Löcher findet. Wald ordnete daher an, die Flugzeuge an den Stellen zu verstärken, an denen keine Einschusslöcher gefunden worden waren – und er hatte Recht. Wer sich nur auf die Sieger konzentriert und die ignoriert, die weniger Glück hatten, zieht die falschen Schlüsse.

Mehr entspannte Gelassenheit

Und trotzdem sind wir alle nach wie vor besessen von dem Gedanken, dass Erfolg irgendwie planbar, fair und gerecht sein muss. Daher geben wir Geld für Karriere-Coaches aus und kaufen Bücher, in denen erfolgreiche Menschen erklären, wie man Erfolg hat. Dort stößt man dann auf atemberaubende Weisheiten: „Glaube an dich! Denke positiv! Sei anders als die anderen!“ Natürlich sind das keine Erfolgsrezepte, sondern Trivialitäten. Aber es genügt, um die Erfolgsbücher der Erfolgsmenschen zum Erfolg werden zu lassen, sodass ihr Erfolgsguru-Status noch weiter gefestigt wird. Für sie ist es ein gutes Geschäft – die Leser solcher Bücher haben davon rein gar nichts.

Klüger wäre es, die Macht des Zufalls anzuerkennen. Natürlich wird es nichts nützen, sich zu Hause aufs Sofa zu legen und zu warten bis der Erfolg zufällig an der Tür klingelt. Selbstverständlich ist es sinnvoll, sich anzustrengen, hart zu arbeiten und möglichst kluge Entscheidungen zu treffen. Aber wir müssen uns damit abfinden, dass der Erfolg auch dann ausbleiben kann, wenn man alles richtig macht – und dass es Leute gibt, die atemberaubend dumme Entscheidungen treffen, aber es mit sehr viel Glück trotzdem ganz nach oben schaffen: An die Spitze von Firmen, auf die Titelseite von Hochglanz-Magazinen, oder sogar ins Weiße Haus.

Zu erkennen, dass Erfolg ein riesengroßes Glücksspiel ist, kann eine große Erleichterung sein: Wenn man selbst Erfolg hat, dann hilft diese Erkenntnis, den Bodenkontakt zu verlieren und sich nicht gleich selbst zum Superhelden zu erklären. Und wenn die Dinge nicht so gut laufen, dann muss man den Fehler nicht immer nur bei sich selbst suchen. Vielleicht haben wir gar nichts falsch gemacht. Vielleicht war einfach der Zufall diesmal nicht auf unserer Seite.

Meinung 

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Foto: Dana Berry / AP/Dana Berry

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