Meinung 

Kosmische Kraftorte und Kartoffel-Kühe

Foto: pexels
Niemand soll große Worte erfinden, um intellektuell überlegen zu wirken. Man muss nicht alles mit großen, komplizierten Theorien begründen. Ein Plädoyer für grundlose Freude.

Ich sehe einem Fünfjährigen beim Malen zu. Mit knallbunter Begeisterung rührt er mit dem Pinsel in der Wasserfarbe herum und patscht dann fröhlich unbeholfene Formen auf das Papier. Zum Glück kommentiert er seinen kreativen Prozess in Echtzeit, sonst wäre es ein bisschen schwierig, dem Geschehen zu folgen. „Hier steht eine Kuh!“ erklärt er, während er eine feuerwehrrote Kartoffel mitten aufs Bild malt.

„Wunderhübsch!“ sage ich. „Aber warum ist deine Kuh denn rot?“ Er sieht mich mitleidig an, als wäre ich ein Goldfisch mit pathologischer Lernschwäche. „Na weil das schöner aussieht!“ Natürlich, er hat Recht, mehr ist dazu nicht zu sagen. Ich schäme mich ein bisschen, so blöd gefragt zu haben.

Was der Fünfjährige verstanden hat: Man muss nicht alles im Leben mit einer ausgeklügelten Theorie begründen. Mir fällt es manchmal schwer, das zu akzeptieren – schließlich bin ich theoretischer Physiker. Interessanterweise habe ich dieses Problem mit vielen Esoterikern gemeinsam: Physiker freuen sich, wenn sie etwas mit schönen Formeln begründen können, Esoteriker freuen sich, wenn sie etwas mit „uraltem Erfahrungswissen“ oder auch mit frisch dahergeschwurbelten Behauptungen begründen können. Beide Seiten übersehen: „Ich mache das so, weil es mir gefällt“ ist manchmal eine völlig ausreichende Begründung. Erst durch kompliziert klingende Theorien wird oft aus einer harmlosen Vorliebe ein handfester Blödsinn.

Kraftorte und Chakren-Wellness

So kennt zum Beispiel jeder von uns Plätze, die er besonders schön findet – die einsame Klippe am Meer, die Hügelkuppe vorm Wald oder auch die Parkbank neben den Rosensträuchern. Nun könnte man natürlich einfach sagen: „Dort setze ich mich gerne hin, dieser Ort gibt mir Kraft und hilft mir beim Entspannen“. Das wäre zweifellos in Ordnung.

Aber vielen Leuten genügt das nicht. Sie biegen sie sich wagemutige Theorien zurecht: Es muss sich um mystische Kraftorte handeln, an denen die archaische Erd-Energie gebündelt an die Oberfläche tritt, wo die Erdstrahlenstruktur in Resonanz mit kosmischen Magnetfeldern gerät und schon unsere Vorfahren ihre spirituelle Chakrenenergie aufgeladen haben. Solche erfundenen Theorien sagen zwar nichts aus, sie liefern keine zusätzlichen Erkenntnisse, aber wer sie erzählt, kann sich einen Moment lang wichtig und überlegen fühlen. Genau deswegen verbreiten sie sich.

Dasselbe kann man in der Wellness-Szene beobachten: Einfach baden zu gehen, in der Sauna zu schwitzen und sich massieren zu lassen wäre zwar schön aber viel zu einfach. Es muss heute ein Kristallbad im belebten Informationswasser sein, eine Amethyst-Sauna und eine Hot Stone Chakra-Massage. Wer möchte, kann sich stundenlang erklären lassen, warum diese seltsamen Esoterik-Zusätze unsagbar wichtig sind und durch welche mysteriösen Mechanismen sie wirken. Diese Theorien lassen sich zwar nicht wissenschaftlich bestätigen, aber sie klingen gut. Durch sie wird das Bad nicht gesünder, die Sauna nicht wirkungsvoller und die Massage nicht angenehmer, aber man kann dafür deutlich mehr Geld verlangen.

Hört zu! Ich bin so klug!

Und mindestens genauso seltsam geht es in der Kunst zu. Wer das ausprobieren möchte, muss sich nur bei einer Vernissage in ein Rudel hochakademischer Kunstexperten begeben und ganz laut sagen: „Oh dieses Bild ist aber schön! Das gefällt mir.“ Die Menge ringsum wird entsetzt verstummen, es wird totenstill, sodass man fast die Bläschen im Prosecco platzen hören kann. Und bevor die intellektuell aufgeladene Menge gewalttätig zu revoltieren beginnt, entschärft man die Situation gerade noch rechtzeitig mit einem Satz wie: „Die Art, wie hier eine anti-konventionelle Farbwahl als Vektor fungiert, um bürgerliche Wahrnehmungsgewohnheiten radikal zu dekonstruieren, lässt sich wohl am besten im Sinn einer, wie Derrida sagen würde, seriellen Ästhetik auflösen, jenseits normativ interpretativer Deutungsraster.“

Das hat natürlich keinerlei Aussagekraft oder Sinn, niemand kann sagen, was es bedeuten soll, aber alle atmen auf. Eine obskure Theorie wurde geliefert – wenn auch eine unverständliche. Das genügt.

Und darum hänge ich mir lieber die feuerwehrrote Kartoffelkuh des Fünfjährigen an die Wand. Die muss nicht mit frisch erfundenen Schein-Theorien aufgeladen werden. Sie ist was sie ist. Theorien sind etwas Wunderschönes – wenn sie etwas Nützliches und Neues beitragen. In manchen Situationen gibt es allerdings nicht viel mehr zu sagen als „das gefällt mir“ oder „das gefällt mir nicht“. Auch das sollten wir anerkennen. Wer sinnlose Schein-Theorien erfindet, um sich besonders schlau fühlen zu können, sieht am Ende oft nicht intellektuell überlegen aus, sondern ziemlich lächerlich.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf futurezone.at.

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