Meinung 

Mit Gewalt zum Frieden: Ein fragwürdiges Konzept

Der schwarze Mob verursachte Chaos und Zerstörung im Namen von Frieden.
Der schwarze Mob verursachte Chaos und Zerstörung im Namen von Frieden.
Foto: APA/AFP/ODD ANDERSEN
Der breiten Öffentlichkeit schaden, um dem einen Prozent ein Statement abzugeben. Die Hamburger Ausschreitungen halten der Gesellschaft einen Spiegel vor.

Das war knapp! Um ein Haar hätten Donald Trump und seine Freunde beim G20-Treffen grimmige, weltbedrohende Beschlüsse getroffen. Doch zum Glück haben mutige Demonstranten vom Schwarzen Block noch beherzt eingegriffen, sich mit Polizisten geprügelt und ein Hamburger Stadtviertel verwüstet. Nun ist also alles gut. Sie haben uns alle gerettet. Friede, Liebe und Brüderlichkeit sind gesichert.


Also, nicht so direkt, eigentlich. Auf die Entscheidungen des G20-Gipfels hatten die Ausschreitungen ohnehin keinen Einfluss, und Werbung für ihre Anliegen haben die Gewaltdemonstranten auch nicht gemacht – ganz im Gegenteil. Sie haben dazu beigetragen, dass „links“ zum Schimpfwort wird, und dass Leitartikelautoren genauso wie Facebooker plötzlich ein erstaunliches Verständnis für Polizeigewalt entwickeln. Man könnte sagen, die ganze Aktion war eine riesengroße Dummheit, die niemandem genützt und allen nur geschadet hat.

Fehlerhafte Argumentation

„Aber so einfach kann man das nicht sagen!“, hört man dann. „Wir leben nun mal in einer Welt, in der viele Menschen systematisch benachteiligt und unterdrückt werden. Und deshalb muss man gegen das System kämpfen und erbitterten Widerstand leisten. Es geht doch ums Prinzip!“


Diese Argumentation ist gefährlich. Mit einem abstrakten „Prinzip“, das man angeblich verteidigen will, kann man jeden Unsinn rechtfertigen – dadurch wird er nicht weniger unsinnig. Wirrgeistige religiöse Fundamentalisten, die Abtreibungskliniken abfackeln, glauben auch, ein heiliges „Prinzip“ zu verteidigen. Autoritäre Diktatoren, die mit eiserner Faust die Medienfreiheit beschränken, glauben auch, damit einem höheren „Prinzip“ zu dienen. Niemand tut etwas, weil er einfach böse sein will. Jeder bastelt sich eine theoretische Rechtfertigung – das ist noch lange keine Entschuldigung für dämliche Taten.


Es ist ziemlich egal, welche Bedeutung eine bestimmte Handlung aus theoretischer Sicht vielleicht haben könnte, unter der Annahme, dass sie dazu beiträgt, die Weltrevolution zu starten und das Denken der Völker zu revolutionieren. Solche abstrakten Überlegungen sind Unfug. Entscheidend ist, welche direkten Konsequenzen die Tat in der realen Welt hat.

Die Folgen der sinnlosen Gewalt

Wer auf der Straße das Auto eines alleinerziehenden Vaters abfackelt, der lange dafür gespart hat, kann das nicht als bloße „Gewalt an Sachen“ schönreden, die auf bourgeoise Weise dem Systemerhalt dienen. (Die Nobellimousinen der Stadt stehen übrigens unterdessen gut geschützt in Tiefgaragen und sind vollkaskoversichert.)


Wer kleine Läden verwüstet und mit den Beutestücken auf der Straße Feuer entfacht, kann das nicht als aufrüttelnden Protest gegen den Klimawandel verkaufen. (Firmen, die tatsächlich Profit mit der Klimazerstörung machen, sitzen übrigens ganz woanders.)
Wer schwarz vermummt mit Stöcken auf öffentliche Busse schlägt und die Leute im Inneren in Todesangst versetzt, kann nicht behaupten, sich für die kleinen Leute einzusetzen, die vom Großkapital unterdrückt werden. All diese Handlungen sind einfach nur sinnlose, dumme kriminelle Akte, die man nicht mit irgendwelchen angeblichen „Prinzipien“ glorifizieren soll.


Die Gewalt hat sehr klare, unmittelbare Konsequenzen: Die Angst des traumatisierten Kindes, die Verzweiflung der Unternehmerin mit dem zerstörten Geschäftslokal, die Verletzung des Polizisten. Und es gibt auch noch wichtige indirekte Auswirkungen – etwa, dass in der Aufregung über die G20-Ausschreitungen unzählige geschmacklose Kommentare veröffentlicht wurden, die unsere Gesellschaft weiter spalten. Dass nutzlose Vergleiche zwischen linkem, rechtem und islamistischem Terror gezogen werden, die den politischen Diskurs noch schwieriger machen. Dass eine rationale Diskussion darüber, ob sich die Polizei richtig und taktisch klug verhalten hat, nun kaum mehr möglich scheint.
All diese Folgen waren absehbar. Die gewaltbereiten Schwachköpfe im Hamburg haben trotzdem geprügelt, zerstört und gezündelt. Das war dumm und es gehört bestraft. Solche Handlungen mit Verweis auf angeblich gut gemeinte „Prinzipien“ schönzureden, bringt keine moralischen Pluspunkte – ganz im Gegenteil.


Das heißt nicht, dass wir politische Diskussionen ohne Prinzipien, ohne Werte und ideologische Grundsätze führen sollten. Es ist schon wahr, dass man manchmal Unangenehmes in Kauf nehmen muss, um wichtige Grundwerte zu verteidigen. Doch wenn das Durchsetzen der Grundwerte nicht mehr das Ziel ist, sondern bloß als Ausrede missbraucht wird, wenn die tatsächlichen Auswirkungen einer Handlung den Grundwerten entgegenstehen, wenn man sich zum Täter macht, ohne dabei etwas Gutes zu tun, dann muss man seinen moralischen Kompass dringend neu eichen.

Der Autor

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

Meinung 

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Foto: pexels

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