Meinung 

Selbstversuch: Der Fitnesstracker und ich

Worin besteht der Reiz der freiwilligen Selbstüberwachung durch Fitnesstracker?
Worin besteht der Reiz der freiwilligen Selbstüberwachung durch Fitnesstracker?
Foto: Franz Gruber / KURIER
Der menschliche Hang zur freiwilligen Selbstüberwachung findet im Moment in Fitnesstrackern ihren Ausdruck. futurezone-Redakteur Patrick Dax wollte dieser Frage persönlich auf den Grund gehen.

Vor 30 Jahren bin ich um zwei Uhr morgens über die Mauer des Wiener Augartens geklettert, um im Kinderfreibad mit Freunden Bier zu trinken und zu baden. Heute klettere ich um sechs Uhr morgens über die Mauer des Parks, um zu laufen. Warum ich das mache? Weil der Augarten erst um 6:30 Uhr öffnet, und weil ich es kann. Besser gesagt, weil ich wissen wollte, ob ich es noch kann. Denn mein letzter Versuch, den Augarten laufend zu umrunden, endete vor etwas mehr als einem Jahrzehnt im Desaster. Ich gab auf halber Strecke auf und musste mich den Rest des Tages auf dem Sofa erholen.

Das Ziel

Diesmal war es anders. Ich begann langsam, wurde noch langsamer, erreichte aber das Ziel. Etwas mehr als 2,2 Kilometer, sagt die Parkverwaltung, misst eine Runde in dem Wiener Park. Gefühlt sind es fünf Kilometer, mein Fitnesstracker sagt 3,1 Kilometer. Womit wir bei einem weiteren Grund für meinen sportlichen Ehrgeiz sind. Ich wollte verstehen, worin der Reiz besteht, seine Aktivitätsdaten zu sammeln und – in besonders würdelosen Fällen – auch über Twitter oder Facebook zu verbreiten.

Begonnen hat mein Interesse am Fitness-Tracking mit der Health-App am iPhone, die wie ich eher zufällig bemerkte, seit Jahren meine Schritte und die von mir zurückgelegten Kilometer zählte. Das waren gar nicht so wenige. Mein Jahresschnitt lag bei mehr als 7.500 Schritten oder rund 5,3 Kilometer täglich. Dabei hatte ich das lange gar nicht bemerkt. Das Klicken durch meine Bewegungsdaten spornte mich an. In mir reifte der Wunsch, mehr über meine körperlichen Aktivitäten zu erfahren. Ein Fitnesstracker musste her. Die Apple Watch fiel für mich flach. Sie strahlt eine provinzielle Geckenhaftigkeit aus. Ich wollte auch nicht Teil einer Gruppe sein, die ihren Wunsch nach Selbstkontrolle in ein mehr als 400 Euro teures, technisch nicht einmal besonders bemerkenswertes Gadget aus farbigem Kunststoff kanalisiert. Und: Hielt nicht auch der freiheitliche Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer seine Apfel-Uhr, auffällig unauffällig, häufig während des Wahlkampfs in die Kamera?

Das Gadget

Damit wollte ich nichts zu tun haben. Ich entschied mich schließlich für die Withings Go. Die kostet nur etwas mehr als 50 Euro, hat ein sympathisch altmodisches E-Ink-Display und kann am Schlüsselbund in der Hosentasche ebenso getragen werden wie am Handgelenk. Man legt ein Schritt-, Schlaf- und Gewichtsziel fest und lässt sich dann von dem Gerät unauffällig beobachten. Auf dem Display wird jeder Schritt vermerkt, ist das Tagesziel – in meinem Fall 10.000 Schritte – erreicht, schließt sich ein Kreis auf dem Bildschirm, ein neuer tut sich auf. Ein Mal in der Woche schickt mir die Go ein E-Mail, in dem sie mich über meine Aktivitäten informiert und macht mir Komplimente („Sie scheinen das Ziel, immer aktiv zu werden, gut zu meistern.“) oder ruft mir aufmunternd zu: „Beharrlichkeit ist der Schlüssel zum Erfolg.“ Wenn es einmal nicht so gut läuft, heißt es: „Nicht aufgeben!“

Die Bilanz

Meine Bilanz kann sich sehen lassen. Ich legte bis zu 75 Kilometer oder 90.000 Schritte pro Woche zurück und verlor in knapp eineinhalb Monaten fünf Kilogramm an Gewicht. Nach dem Laufen ertappte ich mich öfters dabei, wie ich erschöpft, aber glücklich auf meine Fitnessdaten starrte. Während die Gewichtskurve nach unten zeigte, schossen die Aktivitätsbalken nach oben. Ich machte offenbar alles richtig und dachte darüber nach, wie sich auch meine tägliche Fahrradfahrt zur Arbeit in Aktivitätsdaten übersetzen ließe. Die Withings Go ist dazu nämlich nicht in der Lage, denn sie registriert zwar Schwimmbewegungen, Radfahren nimmt sie aber nicht wahr. Sollte ich mir vielleicht doch eine Apple Watch kaufen?

In einem Sportshop, auch solche Orte besuche ich mittlerweile, fiel mir ein Laufmagazin in die Hände. Sätze wie: „Leichtes Traben durch den Morgentau spricht den Körper ganzheitlich an und ist vor allem eine gute Ausdauer-Ergänzung für Kraftsport am Nachmittag“ verstörten mich zwar nachhaltig. Meiner Versessenheit nach Fitnessdaten und dem – wenn auch sanften – Zwang zum Laufen tat dies aber keinen Abbruch. Dann nötigte mich eine Entzündung am rechten Fußgelenk zu einer Pause. Zwei Wochen lang konnte ich kaum gehen. An Laufen war nicht zu denken. Das frühmorgendliche oder abendliche Traben durch den Park ging mir mit jedem Tag mehr ab. Laufen macht den Kopf frei, dachte ich mir, während ich den anderen Läufern im Park mürrisch nachblickte. Meine Laune verschlechterte sich. Als ich – wieder gesundet – nach eineinhalb Runden durch den Augarten, meinen ersten Lauf nach langer Zeit auf der Fitness-App nachverfolgen wollte, kam die große Ernüchterung. Der Tracker anerkannte meine Bemühungen nicht, er erkannte sie nicht einmal: „Gehen, Dauer: 33 Minuten“, beschied mir die App kalt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf futurezone.at.

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