Meinung 

Datenseen – Die Machtzentralen der Zukunft und warum dort nicht nur männliche Entwickler mitschwimmen dürfen

Miriam Mertens arbeitet aktuell an ihrem eigenen Start-up im Bereich Mindfulness & Leadership.
Miriam Mertens arbeitet aktuell an ihrem eigenen Start-up im Bereich Mindfulness & Leadership.
Foto: Miriam Mertens
Die falsche Hoffnung der Datenverweigerer

Die Themen künstliche Intelligenz und Big Data haben mit dem Facebook-Datenskandal vor wenigen Wochen Einzug in die Massenmedien gehalten – zugegebenermaßen auf sehr negative Art und Weise. Datenklau von Millionen von Nutzerdaten, Wahlbetrug durch Manipulation am Wähler, der komplett gläserne, hilflose Nutzer – viele Horrorszenarien werden an die Wand gemalt.

Kaum verwunderlich, dass es in der öffentlichen Diskussion wenig um Chancen und Vorteile der neuen Technologien wie Deep Learning oder Automatisierung und Co geht. Bisherige Facebook-Verweigerer lachen sich ins Fäustchen, verängstigte Nutzer melden ihre Accounts ab.

Ich möchte mich über besorgte Bürger in keinster Weise lustig machen. Ja, wir brauchen deutlich mehr Transparenz und Macht darüber, welche Daten über uns gespeichert werden und zu welchem Zweck diese genutzt werden. Sollte es sich als korrekt herausstellen, dass Facebook beispielsweise millionfach ausgehende und eingehende Anrufe auf Handys mitprotokolliert – und das in Unwissenheit der Nutzer – ist das nicht korrekt und muss Konsequenzen haben.

Datensammeln ist eine unausweichliche Entwicklung

Für mich ist der Fall Facebook aber nur die Spitze des Eisbergs – oder anders ausgedrückt – eine unschöne Schaumkrone einer Welle an Macht, die auf uns zugerollt kommt: die Big Data Wave am Strand der Hilflosen.

Die Datensammelwut von Unternehmen wie dem blauen sozialen Netzwerker ist kein böswilliger Einzelfall, sie machen es nur einfach schon recht lange und intensiv. Datensammeln ist eine unausweichliche Entwicklung der Digitalisierung. Wir hinterlassen jeden Tag zahlreiche digitale Abdrücke, bei jedem Telefonat, bei jedem Surf im Internet, bei Arztbesuchen, Einkäufen und Geldtransaktionen.

Mit jedem vernetzten Device, ob Thermomix im WLAN oder vernetzte Temperaturregelung, was in den eigenen vier Wänden Einzug erhält, werden mehr Datenpunkte über uns und unser Leben gesammelt. Das birgt für uns zunächst unendlich viele Vorteile, vor allem in Schnelligkeit und Bequemlichkeit, mit der wir unser tägliches Leben meistern.

Daten und Algorithmen – die Machthebel der Zukunft braucht Frauen

Der Fall Facebook hat jedoch eins deutlich gemacht (und deswegen kann ich ihm viel Gutes abgewinnen): Jeder von uns sollte sich mit den Mechanismen von digitalen Daten, dem Zweck der Datensammlung, Zielen und möglichen Voraussagen, die damit getroffen werden, beschäftigen und sie verstehen. Die, die entsprechende Programme zur Sammlung von Daten programmieren, bauen den Machtapparat der Zukunft. Die, die Algorithmen aufsetzen, um aus den Daten automatisierte Entscheidungen zu fällen, betätigen seinen Hebel.

Big Data und künstliche Intelligenz dürfen keine Themen mehr nur für Techis und Nerds sein. Denn es führt zu einer Machtallokation, bei denen, die es beherrschen. Entscheidungen von automatisierten Systemen beruhen auf Daten und Algorithmen und diese wiederum auf bestimmten Wertesystemen.

Leider repräsentieren diese aktuell noch zu viel zu homogene, meist männliche Softwareentwickler. Warum das gerade im Bereich künstliche Intelligenz aus Werte-Gesichtspunkten problematisch ist, hat die KI-Verantwortliche von Google, Fei-Fei Li anschaulich dargestellt: Nerds in Kapuzenpullis dürfen nicht unser Leben bestimmen. Zumindest nicht nur sie, sondern ebenso zum Beispiel Frauen, oder Nicht-Informatiker, oder Menschen, die andere Wertesysteme vertreten.

Ein deutsches Großunternehmen machte jüngst Schlagzeilen mit der Aussage, dass ihre Führungsetage in erster Instanz von einem "HR-Auswahl-Bot" selektiert wird. Hoffentlich kennt dieser auch die Vorteile von diversen Leadership-Teams.

Digitalisierung ist eine Chance für uns alle

Machtallokation in den Händen weniger und auch noch homogener Menschen ist nie gut. Das hat die Vergangenheit gezeigt. Jetzt, wo es Machtverschiebungen und neue Machtaggregation durch Digitalisierung gibt, entsteht eine Chance für alle, sich aktiv daran zu beteiligen. Daher mein Appell an alle, die die Themen künstliche Intelligenz und Big Data als nicht relevant für sich gesehen haben:

Unterschätzt nicht die Chancen, aber vor allem auch die Macht, die hierin liegt. Geht raus, schaut Euch die Hintergründe und Mechanismen an, fordert Eure Rechte und noch besser – gestaltet aktiv entsprechende Produkte, Lösungen oder Regularien. Wir brauchen heterogene Diskussion und Lösungsfindung, mit dem Blickwinkel aller aus unserer Gesellschaft.

Über Miriam Mertens

Miriam Mertens' Leidenschaft gilt der Tech-Branche, Startups und dem Weltfrieden – und das am besten alles drei in Kombination. Sie ist anerkannte Kennerin und Gestalterin der deutschen Start-up-Szene und arbeitet aktuell an ihrem eigenen Start-up im Bereich Mindfulness & Leadership mit dem Ziel, Menschen zu helfen, die Komplexität der Digitalisierung besser zu managen und zu gestalten.

Miriam arbeitete mehrere Jahre als Programmiererin und Unternehmensberaterin, hält einen MBA der renommierten Kellogg School of Management und der WHU. Sie gründete bereits 2001 ihre erste eigene Firma, eine Webdesign-Agentur, 2010 eine Non-Profit-Organisation mit Schwerpunkt Leadership und 2014 einen Coworking-Space mit Start-up-Mittelstands-Community.

In den vergangenen drei Jahren verantwortete sie den Bereich Start-up-Kooperationen bei der Deutschen Telekom und gründete dort das Tech-Startup-Programm TechBoost, was bis heute mehr als 100 deutsche Startups fördert.

Sie ist Mitglied im Bundesverband Deutscher Startups und im Innovation Circle des Deutschen Innovationspreises.

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