Ob leicht bekleidete Bikini-Dame auf dem Möbelspeditions-LKW oder erfolgreicher, männlicher Unternehmenslenker im ZDF-Sonntagsabends-Film – immer wieder rege ich mich über stereotype Rollendarstellung von Männern und Frauen auf. Viel dramatischere Auswirkungen hat Diskriminierung jedoch, wenn eigene vorhandene Vorurteile durch digitale Medien immer wieder bestätigt werden und somit als allgemeine Meinung gewertet werden.

Dies ist der Effekt der sogenannten Filterblase, die auch vor Sexismus keinen Halt macht. Die Nadel zum Platzen heißt Eigenverantwortung: Bewusst machen, was da passiert, achtsam sein mit dem, was ich nutze und wie ich die reale Welt bewerte.

Kampf dem Gender-Bias

Allerspätestens seit #MeToo herrscht allerorts eine hohe Sensibilität für Sexismus und gender-bezogene Diskriminierung. In einem Großteil der Management-Etagen von Unternehmen ist angekommen, dass man sich politisch korrekt zu äußern hat und geschlechtsdiskriminierende Bewertungen und Vorurteile besser unter dem Deckel hält. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass diese aus den Köpfen der Menschen verbannt sind. Wir sind beispielsweise noch weit davon entfernt, bei Führungspositionen in Unternehmen ausgewogene Geschlechtsverhältnisse zu haben.

Die Zahl der Frauen, die frauenuntypische Jobs wählen, wie zum Beispiel in der IT, oder gar ihr eigenes Start-up gründen, ist immer noch gering. Rollenbilder für Männer und Frauen sind fest verankert in den Köpfen und schmälern so Innovationskraft und Performance von Unternehmen. Der Arzneischrank der Mittel gegen den sogenannten „Gender Bias“ ist in den letzten Jahren gefüllt worden.

Er reicht von formalen Frauenquoten in Unternehmen und Politik über „Genderkurse“ für Mitarbeiter, die diskriminierendes Verhalten bewusst machen sollen, bis hin zur konsequenten Darstellung von geschlechtsuntypischen Vorbildern in den Medien, also zum Beispiel die Feuerwehrfrau im Kinderbuch. Und so ganz langsam scheinen diese Maßnahmen ja auch zu wirken.

Digitalisierung – Öl ins Feuer der Sexisten?

In den letzten Jahren ist durch die Digitalisierung jedoch eine Kehrtwendung entstanden. Anstelle von bewusstem Neubesetzen etablierter Rollenbilder in den Köpfen führt die Nutzung von digitalen Medien und sozialen Netzwerken oft genau zum Gegenteil: Durch personalisierte Newsfeeds beispielsweise bei Facebook und Co, durch benutzerspezifische Suchergebnis-Anzeigen von Google und Informationsbeschaffung über eigens selektierte Instagram-Accounts, die in der Regel eigene Interessen widerspiegeln, entziehen wir uns – bewusst oder unbewusst – Meinungen und Nachrichten, die nicht unserem Standpunkt entsprechen.

Mädchen, die auf Jobsuche sind und sich mal für Mode interessiert haben, sehen nur noch Fashion-Influencer; der patriarchalische Top-Manager liest selten etwas über die weibliche junge digitale Disruptorin. Und das macht es so gefährlich: Eigene Meinungen werden noch pointierter und schärfer dargestellt, als sie in der Realität sind. Unsere eigenen Vorurteile, Bewertungsmuster und Schubladen verstärken sich noch mehr.

Dieser Effekt durch digitale Informationsbeschaffung ist bereits seit sieben Jahren unter dem Begriff Filterblase bekannt, den Eli Pariser 2011 in seinem gleichnamigen Buch prägte und hierzu im Economist sagte: „Eine Welt, die aus dem Bekannten konstruiert ist, ist eine Welt, in der es nichts mehr zu lernen gibt … [weil] es eine unsichtbare Autopropaganda gibt, die uns mit unseren eigenen Ideen indoktriniert.“

Filterblase entsteht durch extensive Nutzung vorselektierender Medien

Doch erst durch die massenhafte Nutzung dieser Medien und immer weiter gehende Professionalisierung in der Personalisierung von Content kommt der Filterblasen-Effekt zu Tage – und das eben nicht nur bei Wahlwerbung von Brexit- und Parlamentswahlen, sondern genauso bei der alltäglichen Darstellung von Rollenmustern von Männern und Frauen.

Und hierbei ist es meiner Meinung nach sogar noch gefährlicher: Solche Inhalte wirken viel subtiler und unbewusster, als die Fake News zum angeblichen kriminellen Flüchtling, die im Web schnell als solche entlarvt ist.

Löscht die Filter im Kopf

Doch nun wieder auf die sozialen Medien zu schimpfen und sie für die immer noch herrschende Diskriminierung und Sexismus verantwortlich zu machen, würde vor allem eins tun: uns alle als aufgeklärte Nutzer und Mitmenschen von der Eigenverantwortung entlasten, die wir haben! Denn die sozialen Netzwerke, personalisierten Shopping-Portale und individualisierten Nachrichtenportale spiegeln uns genau das wieder, was wir vorher eingestellt und eingegeben haben!

Gegen Sexismus und Diskriminierung kann man nur eins tun: sich täglich fragen, ob Stereotype, die wir alle im Kopf haben, korrekt sind, oder ob mal wieder der Autopilot der Bewertung angegangen ist und Menschen in falsche Schubladen gesteckt hat.

Was heißt das ganz konkret:

  1. Setzt Euch bewusst Informationen außerhalb Eurer Filterblase aus, zum Beispiel über Informationsbeschaffung auf nicht-personalisierten und neutralen Portalen.
  2. Lebt und denkt achtsam. Was heißt das? Überprüft jeden Tag die eigenen Labels, die ihr Menschen gebt und entfernt sie am besten ganz. Nicht umsonst werden in Tech-Konzernen wie Google und SAP Heerscharen an Mindfulness-Trainern angeheuert, um Mitarbeiter beurteilungsfreies Denken zu lehren.
  3. Geht raus in die reale Welt und nutzt Eure echten, persönlichen, sozialen Kontakte, um Euch Meinungen zu bilden.

Die „Delete“-Funktion für die eigenen Filter im Kopf steht jedem zu Verfügung – wir müssen sie nur anschalten. Dann werden auch digitale Portale und Algorithmen folgen, die in der Regel nur das tun, was wir vorgelebt haben!

Über Miriam Mertens

Miriam Mertens‘ Leidenschaft gilt der Tech-Branche, Startups und dem Weltfrieden – und das am besten alles drei in Kombination. Sie ist anerkannte Kennerin und Gestalterin der deutschen Start-up-Szene und arbeitet aktuell an ihrem eigenen Start-up im Bereich Mindfulness & Leadership mit dem Ziel, Menschen zu helfen, die Komplexität der Digitalisierung besser zu managen und zu gestalten.

Miriam arbeitete mehrere Jahre als Programmiererin und Unternehmensberaterin, hält einen MBA der renommierten Kellogg School of Management und der WHU. Sie gründete bereits 2001 ihre erste eigene Firma, eine Webdesign-Agentur, 2010 eine Non-Profit-Organisation mit Schwerpunkt Leadership und 2014 einen Coworking-Space mit Start-up-Mittelstands-Community.

In den vergangenen drei Jahren verantwortete sie den Bereich Start-up-Kooperationen bei der Deutschen Telekom und gründete dort das Tech-Startup-Programm TechBoost, was bis heute mehr als 100 deutsche Startups fördert.

Sie ist Mitglied im Bundesverband Deutscher Startups und im Innovation Circle des Deutschen Innovationspreises.

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