Meinung 

Gemeinsam sind wir blöd

Schwarmintelligenz scheint zumindest bei Menschen nur eine Legende zu sein.
Schwarmintelligenz scheint zumindest bei Menschen nur eine Legende zu sein.
Foto: imago/ Imagebroker
Menschen sollen sich angeblich in der Gruppe klüger verhalten als eine Einzelperson. Von Schwarmintelligenz ist dann die Rede. In der Realität haben wir es aber eher mit Schwarmdummheit zu tun.

Alle Scheinwerfer sind auf ihn gerichtet, der Quizshow-Kandidat beginnt zu schwitzen, er kennt die richtige Antwort nicht. Doch zum Glück darf er das Publikum befragen. Die Leute ringsherum im Studio sind im Durchschnitt zwar auch nicht klüger als er, auch sie können sich höchstens auf ein vages Bauchgefühl verlassen – aber oft genügt das. Auch diesmal ist es so: Die Antwort, für die sich das Publikum mehrheitlich entscheidet, ist korrekt. Der Kandidat jubelt und bedankt sich.

Das ist ein Beispiel für Schwarmintelligenz. Die Mehrheit hat zwar nicht immer Recht, aber erstaunlich oft liegt die Wahrheit in dem Bereich, für den sich besonders viele Menschen entscheiden.

Manchmal ist die Sache aber auch komplizierter – ganz besonders dann, wenn wir wissen, was die anderen denken und uns von ihnen beeinflussen lassen. Dann kann es passieren, dass wir felsenfest davon überzeugt sind, gemeinsam zur richtigen Antwort gelangt zu sein, aber trotzdem katastrophal daneben liegen. Die Schwarmintelligenz ist zur Schwarmdummheit geworden.

Im Kollektiv steigt nur die eigene Überzeugung, nicht das Wissen

Dieses Phänomen wurde mehrfach wissenschaftlich untersucht. So legte man etwa an der ETH Zürich Gruppen von Versuchspersonen verschiedene Schätzfragen vor – von der Anzahl der Mordfälle in der Schweiz bis zur Bevölkerungsdichte. Der wahre Wert wurde von manchen Leuten überschätzt, von anderen unterschätzt – das ist ganz normal. Danach wurden allerdings manchen Probanden der Mittelwert aller Schätzungen mitgeteilt, andere erhielten sogar die vollständige Liste aller abgegebenen Tipps, und dann hatten sie die Chance, ihre Schätzung zu revidieren. Wer eine Schätzung abgegeben hatte, die weit vom Mittelwert entfernt lag, spürte natürlich einen gewissen Druck, noch einmal über seinen Tipp nachzudenken.

Diese Prozedur wurde fünfmal wiederholt. Man könnte meinen, dass sich dadurch Fehler Schritt für Schritt beheben lassen und am Ende fast alle Schätzungen knapp an der Wahrheit liegen. Doch es kam anders: Zwar rückten die Schätzungen näher zusammen, Extremwerte verschwanden im Lauf der Zeit, aber der Mittelwert näherte sich dabei nicht weiter an das richtige Ergebnis an. Die kollektive Schätzung wurde nicht besser, nur die Zuversicht der Probanden stieg. Sie waren am Ende stark davon überzeugt, richtig zu liegen – dabei wäre ihr vages Bauchgefühl in der allerersten Schätzung im Schnitt genauso gut gewesen.

Auch Gruppendruck macht nicht klüger

In der Masse tendieren wir also dazu, unsere eigenen Überlegungen wegzuschieben und uns der Meinung der anderen anzuschließen. Diese Beobachtung passt zu einem anderen berühmten Experiment, das bereits in den 1950er Jahren vom Sozialpsychologen Solomon Ash durchgeführt wurde. Einer Gruppe von Personen wurde ein Kärtchen mit einer Linie gezeigt. Daneben waren drei Linien mit unterschiedlicher Länge zu sehen, und die Teilnehmer mussten raten, welche der drei Linien dieselbe Länge hat wie die erste Linie. Die Längen der Linien waren so gewählt, dass die Aufgabe recht leicht zu lösen war. Normalerweise lag die Fehlerquote der Versuchspersonen bei weniger als einem Prozent.

Allerdings war nur eine der anwesenden Personen eine echte Versuchsperson, alle anderen waren eingeweiht. Sie hatten die Anweisung, in zwei Dritteln der Fälle bewusst eine falsche Antwort zu geben. Und obwohl eigentlich für jeden normalen Menschen offensichtlich war, dass diese Antwort nicht stimmen kann, ließen sich viele Versuchspersonen überzeugen und schlossen sich der falschen Antwort an. Nur etwa ein Viertel der Probanden blieb standhaft und ließ sich vom Gruppendruck nicht einschüchtern.

Der Mitläufer in uns

Erklärt das vielleicht auch, warum manchmal wertlose Aktien zu Höchstpreisen gehandelt werden, bis die Blase dann doch mal platzt? Lässt sich auf diese Weise verstehen, warum bei vielen Meetings im Büro am Ende höchstens eine Kompromisslösung herauskommt, die auch nicht besser ist, als die ersten, unausgegorenen Ideen der einzelnen Teilnehmer? Ist es vielleicht sogar eine Antwort auf die Frage, warum in vielen Ländern recht eigenartige politische Parteien an die Macht kommen?

Solche Ergebnisse sollte man nicht zum Anlass nehmen, über dumme Mitläufer zu lachen. Wir sollten uns lieber selbst beobachten und uns eingestehen, dass auch wir solche Fehler begehen. Wir nehmen das Meinungsspektrum rund um uns wahr, passen unsere eigene Meinung an, kommen der Wahrheit nicht näher, aber sind plötzlich felsenfest davon überzeugt, Recht zu haben. Die modernen Filterbubbles verstärken diesen Effekt zusätzlich.

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Klüger wäre es, zunächst mal für sich selbst nachzudenken, und zu einer verlässlichen Überzeugung zu kommen. Die kann man dann mit anderen diskutieren. Vielleicht schaffen wir dadurch dann doch den Schritt von der Schwarmdummheit zur Schwarmintelligenz. Blind auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen, nur weil wir es mit unseren Freunden abgestimmt haben, ist jedenfalls keine gute Lösung.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf futurezone.at.

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