Meinung 

Große Menschen sind gefährlich

Dass große Menschen gefährlich sein sollen, ist ein klarer Fall von fehlinterpretierter Korrelation.
Dass große Menschen gefährlich sein sollen, ist ein klarer Fall von fehlinterpretierter Korrelation.
Foto: Pixabay
Schamlos gelogen, aber die Zahlen dahinter stimmen? Das geht in der Statistik kinderleicht dank sogenannter Scheinkausalitäten.

Die Statistik lässt keinen Zweifel zu: Großgewachsene Menschen sind eine Bedrohung für uns alle. Es gibt einen ganz eindeutigen Zusammenhang zwischen der Körpergröße und der Tendenz zu Gewaltverbrechen. Die Lösung ist klar: Wir müssen Kinder mit wachstumshemmenden Hormonen behandeln, damit sie eine Größe von 150 cm niemals überschreiten. Laut Statistik sollten wir es dadurch schaffen, die Kriminalität innerhalb einer Generation dramatisch zu reduzieren.

Korrelation ist nicht gleich Kausalität

Das ist natürlich Unfug. Aber wo liegt hier der Fehler? Tatsächlich lässt sich der Zusammenhang zwischen Größe und Gewalt nicht leugnen. Er ist hochsignifikant. Zustande kommt er dadurch, dass Frauen im Durchschnitt kleiner sind als Männer und ein Großteil der Gewaltverbrechen von Männern begangen wird. Kinder sind noch kleiner und kommen in der Gewaltstatistik kaum vor.

Klar – eine statistische Korrelation mag es hier tatsächlich geben. Aber sie bedeutet noch lange keinen kausalen Zusammenhang. Die Körpergröße geht aus bestimmten Gründen oft mit Gewalt einher, aber sie ist nicht die Ursache für Gewalt. Daher würde ein künstliches Einschrumpfen der kommenden Generation nichts bringen.

Ähnlich verhält es sich mit der lokalen Geburtenrate und der Anzahl der Störche. Wenn man statistisch zeigt, dass diese beiden Zahlen zusammenhängen, dann hat man noch lange nicht bewiesen, dass Störche kleine Kinder bringen. Beides hängt in Wahrheit von einer dritten Größe ab – von der Urbanität der Region. Störche wohnen gerne am Land, und Familien mit vielen Kindern ebenso.

Wenn wir statistische Zusammenhänge gefunden haben, müssen wir also immer fragen: Haben wir uns die richtige Variable ausgesucht? Oder haben wir es bloß mit einem Störfaktor zu tun, der mit der wahren Ursache zwar korreliert, aber für sich genommen die falsche Geschichte erzählt?

Ein Fehler, der extreme politische Konsequenzen haben kann

So dumm und banal das Beispiel mit dem kinderbringenden Storch auch ist – in politischen Diskussionen wird genau dieser Fehler immer wieder begangen, auch von klugen Menschen, auf allen Seiten des politischen Spektrums. Wir alle verwechseln immer wieder Kausalität und Korrelation.

Man sieht das zum Beispiel an den Diskussionen über Ausländerkriminalität: Tatsächlich ist der Anteil der Asylwerbern unter den Tatverdächtigen höher als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Sind Menschen aus diesen Ländern also einfach krimineller? Haben wir es einfach mit zutiefst gewalttätigen Kulturen zu tun? Rasch wird der emotional aufgeheizte Stammtisch zur Diskussionsrunde selbsternannter Kulturanthropologen.

Die meisten Straftaten werden von jungen Männern begangen, ganz besonders von sozial entwurzelten Männern mit schwierigen Familienverhältnissen. Genau das ist aber auch die Personengruppe, die am ehesten wagt, in fremde Länder aufzubrechen und daher unter Asylwerbern massiv überrepräsentiert ist. Die maßgebliche Variable ist nicht das Herkunftsland, sondern die Lebenssituation. Durch solche Analysen lassen sich Probleme nicht wegerklären, aber nur so kann man ihre Ursache verstehen.

Ähnliches gilt für das Phänomen, dass Hautfarbe mit Intelligenz korreliert: Bei den GCSE-Tests in Großbritannien stellte man fest, dass nicht-weiße Jugendliche signifikant schlechter abschnitten als hellhäutige. Mindert dunkle Haut die Intelligenz? Sind die Testfragen rassistisch?

Ganz anders sieht die Sache plötzlich aus, wenn man nicht nur die Hautfarbe, sondern zusätzlich auch den sozioökonomischem Status und das Geschlecht miteinbezieht: Reichere Kinder bekommen mehr Punkte – das erklärt die Unterschiede viel besser. Unter den weniger Reichen ist der Anteil der nicht-weißen Familien höher, aber die Hautfarbe ist nicht die Ursache für schlechten Schulerfolg. Weiße männliche Jugendliche mit schlechtem sozioökonomischen Hintergrund waren die Gruppe, die insgesamt am allerschlechtesten abschnitt.

In vielen Diskussionen lauern solche Fehlerquellen: Weintrinker leben länger. Ist Wein gesund? Oder liegt es daran, dass reiche Leute sich mehr Wein und gleichzeitig bessere Gesundheitsversorgung leisten können? Frauen verdienen weniger Geld. Sind sie also beruflich weniger leistungsfähig? Sind die Chefs bewusst diskriminierende Sexisten? Oder hat es doch mit tief in der Gesellschaft verwurzelten Ungleichheiten zu tun – etwa mit der Vorstellung, dass sich brave Frauen um die Kinder kümmern sollten oder dass weiblich dominierte Branchen irgendwie minderwertig seien?

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Gründe finden, Probleme lösen

Wenn wir ein Problem lösen wollen, müssen wir nach den richtigen Variablen suchen. Es mag schon sein, dass Sportwagenfahrer statistisch gesehen häufiger die Geschwindigkeitsbeschränkungen überschreiten als andere. Das ist aber kein Argument, allen Sportwagenbesitzer Strafmandate zu verpassen – bestrafen soll man genau jene Autofahrer, die zu schnell fahren. Wenn man die Kriminalität senken will, ist es falsch, Leute aus bestimmten Herkunftsländern für gefährlich zu erklären. Wenn man die Geburtenrate steigern will, ist es wenig zielführend, massenhaft Störche anzusiedeln. Wir müssen immer nach echten, ursächlichen Zusammenhängen suchen. Das ist manchmal mühsam, aber immer notwendig.

Der Autor

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf futurezone.at.

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