Meinung 

Der große Logikfehler der Verschwörungstheorien

Aluhüte sollen ja vor Chemtrails und mehr schützen. Das glauben zumindest Verschwörungstheoretiker.
Aluhüte sollen ja vor Chemtrails und mehr schützen. Das glauben zumindest Verschwörungstheoretiker.
Foto: imago/photocase
Die Regierung sagt nicht immer die Wahrheit. Daher muss es Chemtrails, UFOs und internationale Weltverschwörungen geben! Diese Aluhut-Logik ist erstaunlich verbreitet.

Das World Trade Center wurde von der US-Regierung gezielt gesprengt. Die Mondlandung hat es nie gegeben. Und bis heute wird das außerirdische Raumschiff versteckt gehalten, das 1947 in Roswell abgestürzt ist. Alle diese Theorien sind Unsinn, doch alle diese Theorien werden trotzdem von vielen Leuten mit erbitterter Überzeugung vertreten.

Und alle diese Theorien beruhen auf demselben Logikfehler: Es gibt eine „offizielle Darstellung“ der Ereignisse, der man nicht so recht glauben will. Und wenn man dann Unstimmigkeiten in dieser Darstellung findet, deutet man das als Beleg für die eigene Gegenthese, auch wenn die noch viel unstimmiger ist.

Es ist, als würden wir mit jemandem plaudern, der von seinem Dackel erzählt, aber auffallend wenig Ahnung von Hunden hat. Das mag tatsächlich eine Ungereimtheit sein, die man aufklären muss – aber es ist sicher kein Argument für die noch viel unstimmigere These, dass er geheim im Keller feuerspeiende Drachen züchtet, die demnächst die Weltherrschaft an sich reißen werden.

An Bestehendem zweifeln ist gut

Der Ausgangspunkt jeder Verschwörungstheorie ist eigentlich etwas Positives – nämlich Zweifel, Forschergeist und der Drang, komplizierten Dingen auf den Grund zu gehen. Man hört die „offizielle Version“ einer Geschichte und will sich die Sache genauer ansehen. Dass man dabei auf Ungereimtheiten stößt ist nicht verwunderlich, sondern völlig selbstverständlich. Bei jeder Angelegenheit, die komplizierter ist als ein mittelgroßes Kindergeburtstagsfest, wird man irgendwelche ungewöhnlichen Details finden, wenn man lange genug danach sucht.

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Das kann jeder von uns selbst ausprobieren: Versuchen wir detailgenau zu rekonstruieren, wie unsere Familie vor fünf Jahren Weihnachten gefeiert hat. Oma ist völlig überzeugt davon, damals gemeinsam mit Onkel Walter das neue Weihnachtsgans-Rezept ausprobiert zu haben. Aber kann das sein? War das nicht eigentlich genau das Jahr, in dem Onkel Walter zu Weihnachten im Krankenhaus lag? Außerdem passen die Zeitangaben in meinem Tagebuch nicht zu der Uhrzeit auf dem Kassenbon von dem Kaffeehaus, in dem wir am nächsten Tag waren. Was ist da los? Welche schreckliche Wahrheit soll hier vertuscht werden?

Gar keine. Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis. Aufzeichnungen sind manchmal falsch, bei mutmaßlichen Beweisen kann es sich um Fehlinterpretationen handeln. Die Welt ist nun mal kompliziert.

Gibt es Widersprüche zwischen den Zeugenaussagen aus Roswell? Zweifellos! Aber das liegt einfach daran, dass die Zeugen erst Jahre nach dem Vorfall befragt wurden. Ging in der medialen Berichterstattung am 11. September alles mit rechten Dingen zu? Nein, sicher nicht. Natürlich wurden damals auch falsche Dinge behauptet, das ist bei jedem großen Medienereignis der Fall. Sagen Regierungen immer die Wahrheit? Keinesfalls. Aber das bedeutet nicht, dass zwielichtige Reptilien-Aliens die Macht an sich gerissen haben.

Aber ist die Gegenthese glaubwürdiger?

Einen Kratzer in Theorie A zu entdecken ist kein Beleg für Theorie B. Verschwörungstheoretiker finden seltsame Pixel in 9/11-Videos, sie erkennen seltsame Schatten auf den Mondlandungs-Aufnahmen, sie halten die Erklärungen der US-Armee über Roswell für unglaubwürdig. Das mag in Einzelfällen interessant sein, aber darum geht es eigentlich gar nicht. Die Frage ist, ob ihre Gegenthese glaubwürdiger ist. Und ihre Theorien von einer geheimnisvollen Weltverschwörung, von außerirdischen UFOs oder von der Fälschung der Mondlandungs-Aufnahmen im Fernsehstudio sind natürlich am allerunglaubwürdigsten.

Das Problem ist, dass Anhänger von Verschwörungstheorien die Beweislast herumschubsen, wie es ihnen gerade passt: Bei der offiziellen Darstellung zählt jede kleine Unstimmigkeit bereits als Widerlegung, bei der eigenen Verschwörungstheorie hingegen zählt jeder kleine Hinweis bereits als Beweis. Der Wahrheit kommt man mit dieser Taktik nicht näher. Aber man kann damit Geschichten konstruieren, die sich mit abenteuerlustigem Kribbeln im Bauch weitererzählen lassen, mit denen man zum YouTube-Star wird oder eine Menge Bücher verkaufen kann.

Und daher werden Verschwörungstheorien wohl auch in Zukunft nicht aussterben. Und falls doch, sind garantiert die Aliens daran schuld. Die haben nämlich einen Pakt mit den Regierungen der Erde geschlossen, alle Verschwörungstheorien zu unterdrücken. Die Regierungen streiten das natürlich ab. Aber Sie werden doch nicht alles glauben, was die Regierung sagt!

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.

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