Wenn sich die deutsche Politik mit dem Ausbau des Breitbandnetzes befasst, dann klingt das immer sehr zukunftsbewusst und ambitioniert. Erst im März dieses Jahres startete das verantwortliche Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) die „Zukunftsoffensive Gigabit-Deutschland“.

Bis Ende 2018 soll jeder Haushalt in Deutschland mit einer Internetgeschwindigkeit von mindestens 50 Megabit pro Sekunde erreichbar sein. Bis 2025 soll Deutschland sogar flächendeckend mit Gigabit-Anschlüssen fit für die digitale Zukunft gemacht werden. Der Netzausbau ist dem BMVI jährlich immerhin drei Milliarden Euro wert, aus der Wirtschaft kommen Investitionen von 80 Milliarden Euro hinzu. Insgesamt wird der Ausbau rund 100 Milliarden Euro kosten.

Doch Deutschland hinkt hinterher

Der zuständige Bundesminister Alexander Dobrindt (CSU) verspricht, dass Deutschland nach dem versprochenen Ausbau zur Weltspitze in Sachen Breitbandinfrastruktur gehören wird. Im Moment ist man aber noch weit davon entfernt. Jahrelang hatte man auf die Wirkmächtigkeit des Marktes vertraut und keinerlei finanzielle Anreize für einen Ausbau der Infrastruktur geboten.

Anders als in den Ländern mit der weltweit besten digitalen Infrastruktur, wie Südkorea oder die skandinavischen Länder, gab es hierzulande weder Subventionen noch steuerliche Anreize für infrastrukturelle Investitionen. Erst seit 2014 bessert sich die Situation. Seither werden jährlich Milliardensummen bereitgestellt, um den Rückstand aufzuholen.

Gigabit-Breitband: Ein Strategie-Konflikt zwischen Kupfer und Glasfaser

Dass es höchste Zeit für einen Ausbau der Digitalinfrastruktur ist, bestreitet kaum jemand. An der Frage, wie dieser Ausbau vonstattengehen sollen, entbrennt aber ein Streit. Zwar gibt die Bundesregierung strategische Ziele vor, die erreicht werden sollen, doch gibt es keinerlei Vorgaben, auf welchem Wege diese erreicht werden sollen.

Marktführer Telekom will die Vorgaben des BMVI durch eine Aufrüstung bereits bestehender Leitungen erfüllen, regionale Unternehmen und Initiativen aus der Wirtschaft wiederum setzen sich für eine Umrüstung auf Glasfaserkabel ein.

Die Telekom setzt auf das sogenannte Vectoring-Verfahren. Dabei wird die Leistungsfähigkeit der Kupferkabel verbessert, die bisher zu großen Teilen für den Datentransfer in Deutschland sorgen. Die Vorteile des Vectorings liegen auf der Hand: Durch weniger aufwändige Tiefbauarbeiten ist es kostengünstiger umzusetzen und erlaubt dennoch größere Datengeschwindigkeiten als bisher. Durch weitere Verbesserungen lässt sich mittels Vectoring in Zukunft wohl sogar eine Übertragungsgeschwindigkeit von über 100 Megabit pro Sekunde erreichen. Danach aber sind den Kupferkabeln physikalische Grenzen gesetzt.

Anders verhält es sich mit Glasfaserkabeln, der zukunftsträchtigen – aber kostenintensiveren – Alternative zu Kupferkabeln. Glasfaser erlaubt Übertragungsgeschwindigkeiten von mehreren Gigabit pro Sekunde, der zu erwartende Anstieg der Gesamtdatenmenge durch die zunehmende Digitalisierung der Wirtschaft und immer datenintensivere Freizeitangebote wie Virtual-Reality-Applikationen oder HD-Streaming sind mit Glasfaserkabeln problemlos möglich.

Kupferkabelnetz nicht ausreichend

Während andere europäische Länder wie beispielsweise Spanien den Netzausbau mit Glasfaserkabeln vorantreiben, lag Deutschland beim Glasfaser-Ausbau weltweit noch 2016 auf dem vorletzten Platz. Die Zielvorgaben der Bundesregierung werden deshalb ohne den nötigen Ausbau des Glasfaser-Netzes nur mittelfristig für die Verbesserung der Situation sorgen. „Wir halten uns immer noch mit der Frage auf, ob wir überhaupt mehr Geschwindigkeit brauchen“, sagte Hannes Ametsreiter, Deutschland-Chef von Vodafone, der Tageszeitung Die Welt.

Langfristig wird das Kupferkabel-Netz der Telekom nicht ausreichen, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gewährleisten zu können. Die Telekom wehrt sich gegen diese Vorwürfe. Nur mit Vectoring ließen sich die Zeitvorgaben des BMVI mit den bereitgestellten Summen umsetzen. Zudem müsse auch langfristig nicht jede Leitung die hohen Anforderungen industrieller Netze leisten, die nur mit Glasfaserkabeln möglich sind – „bedarfsorientiert“ ist das Schlagwort, das man in diesem Zusammenhang regelmäßig zu hören bekommt.

Kleinere Unternehmen und lokale Projekte, wie beispielsweise M-Net (München), htp (Großraum Hannover) oder Deutsche Glasfaser (ländliche Gebiete in vier Bundesländern) sehen das anders und forcieren den Glasfaser-Ausbau.

Und Gigabit-Breitband fürs Smartphone?

Weitaus besser als der Ausbau der Kabelleitungen schreiten die Arbeiten am Mobilfunknetz voran. Laut lte-anbieter.info sind bereits 85–93 Prozent der Bundesbürger mit dem derzeitigen Standard LTE-Funk in 4G versorgt. Bis 2020 sollen mit Einführung des neuen 5G-Standards dann Übertragungsraten von bis zu 10 Gigabit pro Sekunde möglich sein (das wäre schneller als alle DSL-Anschlüsse).

Hier ist Deutschland tatsächlich im weltweiten Vergleich sehr gut aufgestellt, wenngleich eine aktuelle Studie der Bundesnetzagentur für den Zeitraum vom September 2015 bis zum September 2016 zeigt, dass die versprochenen Bandbreiten vieler Anbieter viel zu hoch angesetzt sind. Das betrifft auch die Kabelnetzanschlüsse.

Fazit: Breitband-Ziele kaum erfüllbar

Eines ist klar: Die Datenmengen werden weiter steigen. Schlagwörter wie Industrie 4.0, Internet der Dinge und Virtual Reality gelten als Zukunftstechnologien und haben eines gemeinsam: Sie sind extrem datenintensiv. Auch die Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G ist nur möglich, wenn die Funkmasten über Netzanschlüsse mit entsprechender Übertragungsgeschwindigkeit versorgt sind.

Aber es geht nicht nur um Übertragungsgeschwindigkeit. Die neuen Technologien benötigen auch Leitungen mit möglichst niedriger Latenzzeit (Reaktionsgeschwindigkeit). Zudem werden die Sicherheit der übertragenen Daten und die Energieeffizienz der Datenübertragung zu einem immer wichtigeren Thema.

Das BMVI scheint zwar alle diese Aspekte im Auge zu haben, aber der derzeitige Entwurf zum Netzausbau in Deutschland ist auf lange Sicht unzureichend. Zudem müssen die großen Versprechungen überhaupt erst erfüllt werden. Man darf gespannt sein, ob die hochgesteckten Ziele bis 2025 erreicht werden können – und ob sie sich dann nicht schon wieder als überholt herausstellen.

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