Social Media-Forscher Carl Miller auf der IFA 2017 in Berlin
Social Media-Forscher Carl Miller auf der IFA 2017 in Berlin Foto:

Das Internet ist für uns eine Selbstverständlichkeit, ein Teil des Alltags. Die digitale Welt hat ihr echtes, ihr physisches Pendant in fast jedem Aspekt beeinflusst. Das Internet hat verändert, wie wir arbeiten und lieben, wie wir leben und besonders, wie wir diskutieren.

Das Internet hat den politischen Diskurs in der Gesellschaft, und, dass wird seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 immer deutlicher, auch die Politik selbst verändert. Trump nutzte die sozialen Netzwerke als Sprungbrett zur Präsidentschaft, seine Anhänger tummelten sich auf dem elektronischen Marktplatz und heizten die Stimmung in den Filterblasen weiter an.

Wie eine digitale Echokammer verzerrten Social Bots die Relevanz der trumpschen Aussagen, der ständige Widerhall verbreitete sie in den “Mainstream-Medien” und verhalfen ihnen zu einer denkwürdigen Salonfähigkeit. Heute dient Twitter dem US-Präsidenten als Pressezentrale, längst ist der Micro-Blogging-Dienst ein Werkzeug seiner Tagespolitik.

Was kommt jetzt?

Da stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Wie wird unsere Gesellschaft in Zukunft mit Politik umgehen, wie wird das Internet die Realpolitik beeinflussen? Wie verändert das Netz unsere Demokratie?

Diese Fragen versuchte Carl Miller in einem Vortrag auf der IFA zu beantworten. Miller ist Social Media-Forscher und Direktor des Instituts für Social-Media-Analyse bei dem überparteilichen britischen Thinktank “Demos”. Er stellte sechs Vorhersagen auf, die beschreiben, wie sich die Kultur der Politik in den nächsten Jahren verändern könnte.

Prognose: Politische Parteien werden unwichtig

Laut Miller werden Parteien für die Politik in Zukunft unwichtig. Als Beispiel führte er die politische Karriere des italienischen Kabarettisten Beppe Grillo an. Der Comedian gehört zu den erfolgreichsten Bloggern Italiens und veränderte innerhalb weniger Jahre die politische Landschaft des Landes. 2009 gründete er die Partei „Movimento 5 Stelle“ (Fünf-Sterne-Bewegung). Bereits bei den Parlamentswahlen 2013 konnte sie 25,55 Prozent der Wählerstimmen für sich gewinnen und wurde drittstärkste Kraft im italienischen Parlament.

Miller macht für den schnellen Erfolg vor allem die weitreichende Vernetzung der Bürgerbewegung verantwortlich. Die junge Gruppe hatte keine gewachsene Parteistruktur und auch keine prominenten Unterstützer im Establishment wie Zeitungen und Unternehmen. Stattdessen wurde das Netz genutzt und auf soziale Netzwerke und Blogs gesetzt. Vor einigen Jahren sei dieser schnelle politische Erfolg noch nicht möglich gewesen.

Für die Zukunft sieht der Wissenschaftler vor allem eine weitere Zersplitterung der Parteienlandschaft voraus. Die großen Volksparteien werden unwichtiger, während kleine Parteien eine Organisationsstruktur günstig aufrecht erhalten können. Miller sieht darin auch einen Vorteil: Bei einer Parteienvielfalt im Parlament kommen mehr Meinungen zu Sprache, der politische Diskurs würde wieder Aufwind erfahren.

Prognose: Der Wahlkampf automatisiert sich, Bots gewinnen an Relevanz

Der Twitter-Nutzer ilduce 2016 versah jeden Tweet mit dem Hashtag #MakeAmericaGreatAgain, den auch Donald Trump im Wahlkampf benutzte. idluce twitterte hauptsächlich Zitate von dem italienischen Diktator Mussolini. Irgendwann antwortete Trump auf einen Tweet des Bloggers.

Doch wie sich herausstellte, war der Twitter-Account ilduce2016 nur ein Bot. Aktivsten programmierten ihn und ließen ihn bewusst faschistische Aussagen posten, mit dem Ziel, dass Trump auf einen der Tweets antworte. So wollten sie beweisen, dass sich auch Politiker von Bots manipulieren lassen.

Laut Miller, könne die Gefahr der Manipulation durch Bots in Zukunft immer größer werden.

— ilduce2016 (@ilduce2016) February 28, 2016

Laut Miller, könne die Gefahr der Manipulation durch Bots in Zukunft immer größer werden.

Prognose: Der Wahlkampf wird zum Schlachtfeld

“Dort wo sich Menschen über Politik austauschen, wird gekämpft. Die sozialen Netzwerke werden der Kriegsschauplatz von morgen” äußerte sich Miller über die Gerüchte, dass Russland und andere Länder Cyber-Armeen aufstellen.

Ländern finanzieren Einheiten, die gezielt die sozialen Medien des Gegners überschwemmen, um ihre Einfluss zu vergrößern. Nutzer können nicht mehr sicher sein, welche Aussage von einem Bürger getätigt werden und welche von einem Soldaten eines fremden Landes. Es herrscht nationaler Wahlkampf und internationaler Krieg zugleich.

Prognose: Politik wird kalifornisiert

Miller sieht die Organisation des Staates und der Regierung auf dem Stand des 19. Jahrhunderts. Bürger fordern flexible Alternativen, Start-ups werden diesem Bedürfnis nachkommen. Sie werden neue E-Government-Lösungen anbieten und die Verwaltung privatisieren.

Miller denkt sogar noch weiter, er könne sich vorstellen, dass auf künstlichen Inseln, fernab von bestehenden Strukturen, Start-ups neue Gesellschaftsform erproben werden.

Prognose: Politik per Blockchain, Meinungsaustausch per Software

2014 besetzte die Sonnenblumen-Bewegung das Parlament Taiwans für 24 Tage. Die Bürgerrechtler traten für weitreichende Veränderung in der taiwanischen Gesellschaft ein und wurden von Akademikern im ganzen Land unterstützt. Nach der Besetzung ging die Regierung auf die Aktivisten zu und fragte, wie ein Vorfall dieser Art in Zukunft verhindert werden könne.

Unter anderem wurde die Demonstrantin Audrey Tang zur Ministerin ernannt und die Plattform vTaiwan gegründet. Auf dem Portal können sich die Bürger Taiwans über politische Themen austauschen, Filterblasen werden dank intelligenter Algorithmen verhindert. So wird ein Querschnitt der Haltung der Gesellschaft für die Nutzer sichtbar.

Miller kann sich auch vorstellen, dass die Verwaltung in Zukunft auf die Blockchain-Technologie zurückgreift. Im Voraus werden Regeln im Softwarecode festgehalten. Der Vorteil: Abläufe werden dezentral berechnet, jeder hat Einblick in die Blockchain. Korruption wird dadurch unmöglich.

Prognose: Politik wird unwichtig

“Das Internet ist weitestgehend ein rechtsfreier Raum, einige wenige befriedete Gebiete, wie Facebook und Google, sind in privater Hand. Der Rest ist ein digitaler wilder Westen” beschreibt Miller.

Die meisten User bewegen sich im Internet auf Plattformen, die im Besitz großer Firmen sind, der Staat hat dadurch wenig Einflussmöglichkeiten. Mit dem Internet sind die größten Unternehmen der Menschheitsgeschichte entstanden. Private Akteure werden in Zukunft Aufgaben öffentlicher Institutionen übernehmen, die Politik selbst wird möglicherweise irrelevant.

Fazit: Wir müssen uns anstrengen

Wenige Aussagen Millers klingen optimistisch, doch er erinnert an die Vordenker des Internets: J.C.R Lickider, amerikanischer Psychologieprofessor und Vorreiter der Informatik, hatte bereits 1962 die Idee, ein globales Computernetzwerk zu errichten. Zu seiner Zeit gab es nur wenige Rechner. Jedes Smartphone ist heute schneller, als ein damaliger Super-Computer.

Doch Lickider sah in dem Verbund großes Potential. Das Netzwerk könne für eine Demokratisierung der Massen genutzt werden. Der Bürger könne einfacher an Entscheidungsfindungen teilhaben.

Wir Bürger sollten an Lickider Vision festhalten, so Miller. Es braucht Engagement, um die negativen Seiten des Netzes zu begrenzen, doch sollten wir die positiven Seiten nicht vergessen, seien es Katzenvideos oder die Möglichkeit einer demokratischen Organisation des Staates.

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