Im Jahr 2013 schrieb die EU-Kommission eine Studie zum Thema Piraterie aus. Sie sollte herausfinden, ob der Konsum von illegal kopierten und der legale Erwerb von Inhalten zusammenhängen. Der Titel: „Estimating displacement rates of copyright content in the EU“. Die Studie wurde auch durchgeführt: Mit Musik, Filmen/Serien, Büchern und Games wurde die Situation in vier Branchen verglichen. Sechs EU-Mitgliedsstaaten dienten als Beispiel: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Spanien und Schweden. Die Ergebnisse hätten Folgen für den Umgang mit dem Urheberrecht innerhalb der EU haben können.

Wie Netzpolitik.org berichtet, blieb die Ausschreibung deshalb auch der einzige Hinweis auf die Existenz der Studie. Bis jetzt. Denn die EU-Abgeordnete Julia Reda (Piraten/Grüne Fraktion) forschte nach. Sie nutzte ihr Recht auf eine Informationsfreiheitsanfrage. Diese basiert auf dem bundesweiten Informationsfreiheitsgesetz, das bisher bereits in zwölf Bundesländern auch auf Landesebene eingeführt worden ist. In Bayern, Hessen, Niedersachsen und Sachsen fehlt es noch. Es gewährt jeder Person einen rechtlichen Anspruch auf Zugang zu Informationen von Bundesbehörden – voraussetzungslos.

Die Studie wurde bereits 2015 fertiggestellt. Seither ist sie unter Verschluss gehalten worden. Nun hat Reda Zugang zu ihr erhalten. Der „Final Report“ ist als PDF verfügbar. Netzpolitik.org vermutet als Hauptgrund für die Geheimhaltung, „dass die Studie keine Rechtfertigung für die Kommissionspläne zur Verschärfung des EU-Urheberrechts des damals zuständigen Kommissars Günther Oettinger liefert“.

Die Ergebnisse: Legale Inhalte werden nicht verdrängt

Der Zusammenhang zwischen dem Erwerb von kopierten und legalen Inhalten ist den Studienergebnissen nach nämlich nicht von grundsätzlicher Bedeutung. Auf Seite 7 heißt es: „In general, the results do not show robust statistical evidence of displacement of sales by online copyright infringements.“ Einen Verdrängungseffekt, wie ihn Oettinger als Grundlage für die Verschärfung des EU-Urheberrechts nutzte, gibt es also nicht.

Davon ausgenommen sind lediglich Blockbusterfilme: Zehn illegale Nutzungen von Blockbustern verursachen durchschnittlich bis zu vier Kinobesuche weniger und sorgen damit für insgesamt fünf Prozent weniger Umsatz. Ob sich an diesem Verhältnis seit der Fertigstellung der Studie durch Streaming-Anbieter etwas geändert hat, ist eine andere Frage.

Im Games-Bereich zeigt die Studie sogar einen positiven Trend auf: Illegale Nutzung führe zu mehr legaler Nutzung. Die Autoren sehen die Industrie dafür verantwortlich, die es erfolgreich geschafft habe, illegale Spieler zu zahlenden Spielern zu machen: „Tactics used by the industry include, for example, offering gameplay with extra bonuses or extra levels if consumers pay.“ Eine solche Argumentation hört man häufiger, gerade im Musikgeschäft: Illegale Downloads werden mehr, die CD-Verkäufe sinken, doch im Vergleich zum Vorjahr sind sie gestiegen und so weiter.

Statistische Verzerrung der Blockbuster-Ergebnisse

Ein weiterer, interessanter Aspekt: Der Chefökonom der EU-Kommission hatte bereits 2016 die Studienergebnisse für einen wissenschaftlichen Aufsatz genutzt. Darin behandelte er ausschließlich den Zusammenhang bei den Blockbusterfilmen, die anderen Branchen blieben außen vor. Ein klarer Fall von Publicationsbias, also einer statistischen Verzerrung beziehungsweise selektiven Nutzung der mit öffentlichen Mitteln finanzierten Studie, findet Netzpolitik.org.

Verschärfung des Urheberrechts irrelevant

In direktem Zusammenhang stehen der Erwerb von illegalen Inhalten und die Umsätze von legalen Inhalten, außer bei Blockbusterfilmen, nicht. Den Ergebnissen der Studie zufolge sind legale Angebote mit fairen Preisen vielleicht kein Allheilmittel gegen Online-Piraterie. Aber sie sind ein Indiz dafür, worauf Politik und Wirtschaft, Gesetzgeber, Urheber und Anbieter in Zukunft setzen könnten.

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