Netzpolitik

Operation Tinfoil: Anonymous-Hacker nehmen Attila Hildmann vom Netz

Anonymous hat einen großen Teil von Attila Hildmanns Reichweite gebrochen.
Anonymous hat einen großen Teil von Attila Hildmanns Reichweite gebrochen.
Foto: Getty Images/Gu/STEFANIE LOOS/AFP
Artikel von: Philipp Rall
Der vegane Kochbuchautor Attila Hildmann hat einen überragenden Großteil seiner Reichweite einbüßen müssen. Der Grund: ein einstiger Verbündeter.

Erst durch Kochbücher, später durch antisemitische Verschwörungsideologien – der Name Attila Hildmann ist in Deutschland bekannt. Vor allem im Laufe der Corona-Pandemie scharte der vegane Koch mehr und mehr Menschen um sich. Die Rede war von der New World Order (NWO), der Umvolkung und einer gesteuerten oder gar gefälschten Pandemie. Seit langem hat ihn daher auch das internationale Hacker-Kollektiv Anonymous auf dem Schirm.

Anonymous: Was steckt hinter dem berüchtigten Kollektiv?
Anonymous: Was steckt hinter dem berüchtigten Kollektiv?

"Ich bin Attila
Ich bin nur einer
Vergebt mir
Vergesst mich
Erwartet nichts"

Attila Hildmann: Das letzte Kapitel

"Wir haben die Hildmann-Chroniken des Anonymous Kollektivs erneut geöffnet – um am finalen Kapitel über Attila zu schreiben", schreibt Anonymous Deutschland am Montagmorgen in einem Tweet. "Wir haben seine Mails, Domains, TG-Kanäle – und wir waren nicht allein." Doch wie ging das Ganze überhaupt los?

Anonymous: Enger Hildmann-Vertrauter wendet sich an AnonLeaks

Schon in der Vergangenheit hatte AnonLeaks neben Hildmann selbst auch über Kai berichtet. Er sei maßgeblich am Aufbau von der Telegram-Infrastruktur des Verschwörungsgläubigen beteiligt gewesen, sein "IT-Fuzzi". Er war wohl die letzte Person, die das Team von AnonLeaks als geheimen Verbündeten und Zuspieler erwartet hätte – zurecht. Denn nicht lange ist es her, dass Kai bis über beide Ohren im Netz Attila Hildmanns hing.

AnonLeaks zufolge handelt es sich bei Kai um einen Verschwörungsgläubigen, nicht aber um einen Nazi. Er glaube an eine gesteuerte Pandemie und die NWO, vermute dahinter aber nicht zwingend eine jüdische Verschwörung. Hildmann habe er anfangs noch für "einen korrekten Dude" gehalten. Er habe zwar Artikel gesehen, in denen der Kochbuchautor als "veganer Verschwörungsnazi" oder "Nazikoch" bezeichnet worden sei, genoss diese Titel jedoch zunächst mit Vorsicht.

Er arbeitete eng mit Hildmann zusammen. Würde er feststellen, dass die Vorwürfe doch stimmten, könne er sich ja noch immer noch gegen ihn wenden. Den ersten deutlichen Hinweis habe Kai durch Attila Hildmann selbst erhalten. Beim Einrichten dessen Handys habe er festgestellt, "dass seine ganzen Bilder von vor drei Jahren schon irgendwie so eine Nazi-Scheiße sind". Im Laufe der Zeit sei er zu dem Schluss gekommen, "der Typ ist nicht nur gefährlich, der muss auch einfach aufgrund dessen, was er schon gemacht hat und was er schon verursacht hat, muss er seine Strafe bekommen".

Über Kontrollfreaks und "staatliche Hacker"

Statt sich von Hildmann und dessen Machenschaften abzuwenden, habe sich Kai unersetzlich gemacht. Er habe sogar vorgegeben Veganer zu sein – alles nur, um dabei zu bleiben. Über Monate hinweg sammelte Hildmanns Admin Daten über den Verschwörungsideologen, seine Anhänger und Zulieferer. Ein erster Ausstiegsversuch im Oktober 2020 sei jedoch fehlgeschlagen. Der Grund: Attila Hildmann sei ein Kontrollfreak. An AnonLeaks habe Kai sich nicht gewandt, weil er damals noch davon ausgegangen sei, es handele sich bei dem Team um "staatliche Hacker".

Erst am 18. August 2021 fasste er sich schließlich ein Herz. Seitdem hat sich AnonLeaks mit Kais Erzählungen befasst, sie überprüft und die gesammelten Daten gesichtet. Durch den Artikel, den das Team am Montag, den 13. September, veröffentlichte, wird klar, welche Masse an Informationen dabei überhaupt zusammenkam.

Anonymous ergattert über 2.000 Kontakte

AnonLeaks kenne nun Hildmanns Lieferanten. Wir kennen die Anwaltskorrespondenz zwischen den Anwälten der Unternehmen und zu den Fällen Beck und Kahane", heißt es darin. "Wir wissen, welchen Betrag Attila bei Vattenfall in Raten bezahlt, welches Konto vom Finanzamt wegen Steuerschulden gepfändet wurde."

Auch habe das Team "die Mails, mit denen sich Ralf S. (AfD Stadtrat aus Ludwigshafen) und Jutta S. (die bei der Lufthansa war) als Administratoren für den Demokraten-Chat bewarben, und können belegen, dass beide logen, als sie behaupteten, das sei gar nicht so".

Operation Tinfoil

Im Rahmen von Operation Tinfoil haben Anonymous-Aktivisten schon so manchen Verschwörungsideologen ausgeknippst. Will heißen: Webseiten wurden übernommen, Daten abgeschöpft und veröffentlicht. Zum Teil wurden Spenderlisten veröffentlicht, zum Teil Nutzer:innen-Listen – was immer sich findet. Im Fokus der Operation standen in der Vergangenheit Personen wie Ken Jebsen, Heiko Schrang und Xavier Naidoo. Doch wie funktioniert das?

Tag X: "Attila glaubt alles"

Nach wochenlanger Planung schlug das Kollektiv am Montag auch bei Attila Hildmann zu. Domains wie attilahildmann.de, wtube.org und viele weitere wurden defaced, also übernommen und verändert. "Lustigerweise liefen schon eine Menge Domains auf Kai", schreibt AnonLeaks. Die wichtigsten aber noch nicht. "Also entstand hier die Idee, Attila dazu zu bringen, auch diese Domains “sicherheitshalber” zu Kai zu transferieren."

Sie machten Hildmann glaubhaft, die Staatsanwaltschaft würde alles, auch die Domains, pfänden und konfiszieren. "Er bat förmlich darum, dass Kai die Domains übernahm. Attila glaubt alles." Die meisten Webseiten mit Bezug zu dem Verschwörungsgläubigen seien infolge dessen vom Netz genommen worden, die Mails würden auf die AnonLeaks-Server umgeleitet.

Selbst den YouTube-Kanal "TheFreshVegan" hat Anonymous nicht verschont. Sämtliche Videos wurden gelöscht und der Kanal defaced. Telegram-Gruppen wurden mit entsprechendem Hinweis und Video geschlossen. "Das alles wurde natürlich nicht gemacht, bevor nicht ein großer Teil der Daten gesichert wurde."

Reaktion bleibt abzuwarten

Unklar ist nun, welche Organisationen oder Behörden sich der gesammelten Informationen annehmen werden. AnonLeaks würde entsprechende Zugänge bereitstellen, habe in der Vergangenheit aber etwa mit der Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Computer- und Datennetzkriminalität aus Cottbus und den Berlinern schlechte Erfahrungen gemacht. Weiteres bleibt abzuwarten.

Quelle: AnonLeaks

Du willst mehr von uns lesen? Folge uns auf Google News.

Neueste Videos auf futurezone.de

Neueste Videos auf futurezone.de