Veröffentlicht inScience

„Maschinen sind nur so gut, wie ihre Erfinder“

Die Unternehmerin Tabitha Goldstaub über die Bedeutung von intelligenten Maschinen und wie sie uns dabei helfen können, die Welt zu verbessern.

Tabitha Goldstaub
"Wenn Maschinen uns Tätigkeiten abnehmen

futurezone: Der Traum von und die gleichzeitige Furcht vor künstlicher Intelligenz beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten. Wo stehen wir heute?
Tabitha Goldstaub:
Es gibt diese Angst vor einer düsteren, dystopische Zukunft, in der intelligente Maschinen die Menschheit obsolet machen. Diese Art von künstlicher Intelligenz, die selbstständig komplexe Entscheidungen treffen kann, ist aber eher das Thema visionärer Forscher. In der Realität sind wir eher mit Systemen konfrontiert, die bestimmte Aufgaben intelligent lösen können, seien es selbstfahrende Autos oder Maschinen, die Krebs besser und schneller als Menschen entdecken.

Ist die Angst vor der übermenschlichen Maschine so unberechtigt?
Die Geschwindigkeit dieser nächsten industriellen Revolution ist tatsächlich atemberaubend. Vieles, das Hunderte Jahre entfernt schien, ist durch den technologischen Fortschritt in fünf bis zehn Jahren denkbar. Dadurch entstehen aber auch großartige Möglichkeiten. Wenn Maschinen uns Tätigkeiten abnehmen, haben wir mehr Kapazitäten frei, um innovativ zu sein und die großen Probleme wie Klimawandel, Armut und Hunger zu lösen.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen durch künstliche Intelligenz?
Viele ethische Fragen sind ungelöst. Eine Maschine kann künftig auf Basis der Daten, die ihr gefüttert werden, entscheiden, warum jemand keine oder nur eine sehr teure Versicherung bekommt. Hat die Maschine so entschieden, weil ich in einer gefährlichen Straße wohne oder weil ich eine Frau bin? Welche Daten, von denen ich vielleicht gar keine Ahnung habe, sind da eingeflossen? Wie wurden sie gewichtet? Diese Intransparenz ist problematisch.

Man könnte argumentieren, dass eine Maschine nüchtern urteilt. Vielleicht erhalte ich ja eine günstigere Versicherung, da mein Bezirk gar nicht so gefährlich wie sein Ruf ist.
Daten können vieles objektivieren. Gleichzeitig übernimmt eine Maschine viele Vorurteile und problematische Annahmen, da sie ja von uns Menschen programmiert wird und aus unserem menschlichen Verhalten lernt. Das bekannteste Beispiel war Microsofts intelligenter Chat-Bot „Tay“, der auf Twitter selbstständig agierte und aufgrund von Interaktionen mit Hasspostern in wenigen Stunden homophobe, rassistische und sexistische Antworten formulierte.

Sie haben zuletzt einen öffentlichen Aufruf getätigt, dass Frauen in der Entwicklung von künstlicher Intelligenz unterrepräsentiert sind. Inwiefern ist eine männlich geprägte künstliche Intelligenz problematisch, ja gar gefährlich?
Es ist kein Geheimnis, dass ich eine Feministin bin. Hier geht es aber nicht um Gleichberechtigung oder Feminismus, sondern um Prozesse, die tatsächlich lebensgefährlich sein können. Ein Beispiel: Männer und Frauen haben völlig andere Symptome bei einem Herzinfarkt. Ein Gerät, das nur Erfahrungen und Daten männlicher Testpersonen verarbeitet und dadurch quasi eine männliche künstliche Intelligenz entwickelt, erkennt im schlimmsten Fall den Herzinfarkt bei einer Frau nicht.

Das ist übrigens nicht weit hergeholt. Bei Autounfällen starben unerklärlich viele Frauen, bis man drauf kam, dass die Sicherheitsmaßnahmen anhand von schweren und großen Crashtest-Puppen entwickelt wurden, die Männern nachempfunden waren.

Das heißt, die Maschinen der Zukunft sind maximal so intelligent wie ihre Erfinder?
Natürlich könnte noch bessere Technologie dazu führen, dass gewisse Vorurteile in der Gesellschaft abgebaut werden. Aber es läuft immer darauf hinaus: Wie soll eine Maschine besser oder gerechter entscheiden als wir, wenn wir ihr die falschen Dinge lernen. Im Gegenteil: wenn Googles künstliche Intelligenz Frauen gewisse Job-Angebote gar nicht anzeigt, weil sie Frauen dafür für ungeeignet hält, dann wird die Ungleichheit dadurch sogar noch verstärkt.

Das ist ein Problem, das vermutlich nicht nur Frauen betrifft.
Das gilt natürlich auch für andere sozial benachteiligte Schichten, Minderheiten und andere Gruppen, die in der überwiegend männlichen und weißen Technologiebranche unterrepräsentiert sind. Schon jetzt gibt es Gesichtserkennungs-Apps, die bei Menschen mit schwarzer Hautfarbe nicht funktionieren, weil die Software auf Basis von Testpersonen mit heller Haut entwickelt wurde. So etwas ist besorgniserregend, gerade wenn wir überlegen, Verantwortung an Maschinen abzugeben.

Wie kann man mehr Frauen für eine Karriere in der Technologie-Branche begeistern?
Bis auf einige Ausnahmen wie Sheryl Sandberg oder Marissa Mayer sind Frauen in der Branche einfach nicht sichtbar. Für Frauen ist eine Karriere deshalb einfach schwerer vorstellbar, obwohl viele Mädchen in der Schule in Fächern wie Mathematik und Informatik sogar besser als Buben sind. Es gibt aber einige gute Initiativen, außerdem sind bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz ganz andere Fähigkeiten gefragt als bei klassischer Computerwissenschaft.

Inwiefern sind die Anforderungen andere?
Natürlich bleiben Mathematik und Statistik wichtig. Damit Maschinen lernen, kreativ zu denken und unvermutete Lösungen zu finden, brauchen wir Philosophen, Psychologen, Linguisten, Künstler und Musiker als Vorbilder. Damit sinkt die Hemmschwelle für Frauen, aber auch für Männer mit technologiefernen Ausbildungen und Berufen, in der Technologiebranche tätig zu werden.

Wirtschaftsforscher warnen davor, dass der technologische Fortschritt – Stichwort Industrie 4.0 – Millionen Arbeitsplätze kosten wird.
Systeme mit künstlicher Intelligenz werden Arbeiten produktiver und effizienter erledigen als Menschen. Die Frage ist daher nicht, ob sie Arbeitsplätze ersetzen werden, sondern wie schnell wir diese umschichten können. Wie können wir Menschen umschulen? Welche neuen Jobs können wir schaffen? Erschwerend kommt dazu, dass diese industrielle Revolution mit enormer Geschwindigkeit auf uns treffen wird.

Wie könnten neue Jobs aussehen?
Ich denke, dass der verstärkte Einsatz von Maschinen für automatisierte Tätigkeiten den Faktor Mensch wertvoller machen wird. Überall dort, wo wir die uns ureigenen menschlichen Fähigkeiten brauchen, sei es in der Krankenpflege oder in der Kinderbetreuung, Anwälte, Psychologen, Philosophen, Journalisten – diese Jobs werden sogar besser bezahlt sein als heute.

Das hilft dem Reinigungspersonal oder den Arbeitern in der Fabrik aber wenig.
Auch die Produktion, Erhaltung und Überwachung der Maschinen wird Arbeitskräfte benötigen. Momentan sind in dieser Branche nur Wissenschaftler mit Doktortitel beschäftigt, künftig wird aber jeder mit der Technologie umgehen können – so wie man heute mit wenigen Klicks und ohne viel Vorwissen selber eine Webseite basteln kann, was vor 20 Jahren noch unmöglich war. Aber es wird auch neue Möglichkeiten geben, etwa kleinräumig Nahrungsmittel anzubauen, oder Roboter gute Manieren beizubringen.

Was bedeutet das für die Schule von morgen? Ist es mit Tablets im Klassenzimmer getan?
Mehr Technologie in Schulklassen ist eine Grundvoraussetzung. In Zukunft muss es aber weniger um die Vermittlung von Wissen oder Informationen gehen – die ist ohnehin in wenigen Sekunden abrufbar und wird von den intelligenten Maschinen auch entsprechend aufbereitet werden. Viel wichtiger ist die Vermittlung, wie man ein Problem löst. Wie man die richtigen Fragen stellt, um zum Ziel zu kommen. Und wie man Informationen richtig einordnet – kann man der Quelle trauen, was sind die Fakten. Lehrer müssten ihren Schülern viel mehr kritisches Denken beibringen. Und das ist weder teuer, noch braucht es dafür viel Technologie in der Klasse.

Können das Schulsystem und das Lehrpersonal diese Anforderungen erfüllen?
Meine Hoffnung ist, dass Lehrpersonen künftig mehr Zeit für ihre Schüler haben, weil sie zeitaufwändige Arbeiten wie das Korrigieren und Benoten von Hausübungen und Schularbeiten an intelligente Maschinen auslagern können. Was das System betrifft – da denke ich, dass Schüler besser auf das wirkliche Arbeitsleben vorbereitet werden sollten. Firmen müssten sich mehr einbringen und klar machen, was später im Beruf gefordert ist.

Zur Person
Bereits in jungen Jahren hat sich die Unternehmerin Tabitha Goldstaub in ihrer Heimat Großbritannien als Gründerin der Videoplattform Rightster (BraveBison) einen Namen gemacht. Ihre neue Firma CognitionX bündelt jegliche Informationen, Events und Ausbildungsmöglichkeiten zum Thema künstliche Intelligenz. Das Interview fand am Rande einer Diskussionsveranstaltung der Telekom Austria Group mit CEO Alejandro Plater und Kanzler Christian Kern vergangene Woche in Wien statt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf futurezone.at.

Du willst mehr von uns lesen? Folge uns auf Google News.