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Schlau wie Sherlock: Kann man sich ein fotografisches Gedächtnis antrainieren?

Sherlock Holmes ist der Erinnerungskünstler Nummer eins. Aber gibt es ein fotografisches Gedächtnis wirklich oder ist das alles nur ein Mythos?
Sherlock Holmes ist der Erinnerungskünstler Nummer eins. Aber gibt es ein fotografisches Gedächtnis wirklich oder ist das alles nur ein Mythos?
Foto: BBC
Manche Leuten können sich Dinge unglaublich schnell einprägen. Sie scheinen ein fotografisches Gedächtnis zu haben. Kannst du das auch lernen? Die Antwort wird dich erstaunen.

Sherlock Holmes ist der wohl prominenteste Gedächtniskünstler der Popkultur. Er schafft es Situationen mit nur einem Blick zu erfassen und sich Details von Haar auf dem Jackett bis zum Dreck unter den Fingernägeln so sehr einzuprägen, dass er sie jederzeit wieder vor seinem geistigen Auge abrufen kann. Beneidenswert, oder? Aber Halt: Was davon ist Fiktion und was Wahrheit? Gibt es ein sogenanntes fotografisches Gedächtnis wirklich? Und wenn ja, kann man es sich antrainieren? Fragen über Fragen. Wir haben die Antworten.

YouTube-Video: Sherlock Holmes Gedankenpalast

Fotografisches Gedächtnis: Gibt es das überhaupt?

Menschen mit hervorragenden kognitiven Fähigkeiten werden oft beneidet. Das gilt für Schach-Profis ebenso wie für Erinnerungskünstler wie Sherlock Holmes. Dann ist häufig von einem fotografischen Gedächtnis die Rede. Aber hat das überhaupt einen seriösen, wissenschaftlichen Hintergrund?

Ja und nein. In der Fachsprache nennt sich das eidetisches Gedächtnis, was vom altgriechischen Wort "eidos" für Gestalt abgeleitet wurde. Auch die Bezeichnung ikonisches Gedächtnis ist bekannt. Gemeint ist die Fähigkeit, visuelle Informationen nach einem kurzen Blick langfristig bildlich abrufen zu können.

Neben dem Meisterdetektiv Holmes sind auch reale Personen als Eidetiker bekannt. So zum Beispiel der Künstler Steven Wiltshire, der nach einem kurzen Rundflug über Rom die italienische Hauptstadt in einem detaillierten Panorama einfach aus dem Gedächtnis heraus nachzeichnen konnte.

Es schlummert in uns allen

Tatsächlich sind viele solcher Geschichten aber Mythen. Jedenfalls sind ihre Umstände nicht besonders stichhaltig, berichtet auch Edgar Erdfelder, Professor für Psychologie an der Universität Mannheim im Wissenschaftsmagazin Spektrum. Wie so häufig, sind es hauptsächlich die vermeintlich Begabten selbst, die so spektakulär davon berichten. Aussagekräftige Experimente auf gedächtnispsychologischer oder neurokognitiver Basis findet man nicht.

Vermutlich gehen vieler der Sensationsereignisse auf gut geübte Gedächtnistrainings der betreffenden Personen zurück.

Das bedeutet aber nicht, dass es das fotografische Gedächtnis nicht gibt. Denn unser Gehirn ist schon dazu in der Lage, sich gewisse Bilder mental einzuprägen. Damit aber ist die Fähigkeit nicht individuellen Menschen vorbehalten, sondern schlummert theoretisch in uns allen.

Experiment erfolgreich

Das hat auch der US-amerikanische Psychologe George Sperling herausfinden wollen. 1960 wies er schließlich nach, dass ein Nachbild eines zuletzt betrachteten Fixationsortes für wenige Sekunden in unserem Gedächtnis gespeichert wird. Er zeigte den Teilnehmern eines Experiments für 50 Millisekunden eine Matrix aus drei Zeilen mit jeweils vier Buchstaben. Diese sollten anschließend wiedergegeben werden.

Im Durchschnitt können in einer solchen Situation vier bis fünf der zwölf Buchstaben wiederholt werden. Aber: Erklingt nach den Buchstaben ein hoher, mittelhoher oder tiefer Ton, der angibt, welche Zeile wiederzugeben ist, können im Schnitt fast alle Buchstaben wiederholt werden. Das Nachbild hielt bis zu vier Sekunden an.

Fotografisches Gedächtnis trainieren: Ist das möglich?

Wenn wir das fotografische Gedächtnis oder eidetische Gedächtnis theoretisch alle in uns tragen, entsteht unweigerlich die Frage, ob wir lernen können, so zu denken. Die Antwort ist wieder: Ja und nein.

Sich an alle jemals gesehenen Details von Bildern zu erinnern, ist jedenfalls nicht möglich. Jedoch gibt es verschiedene Ansätze, um das fotografische Gedächtnis zu trainieren. Merkstrategien sind hierbei das A und O, das wissen die Gedächtnis-Profis der Welt wie etwa erfolgreiche Schachspieler, die sich an Hunderte von Partien in nahezu allen Zügen erinnern können.

YouTube-Video: Ein Trick, um sich (fast) alles besser zu merken

Versuch's mal mit der Loci-Methode

Ein Beispiel: die Loci-Methode, bei der du dir einen vertrauen Raum oder eine vertraute Route vorstellst, entlang derer du die zu lernenden Fakten, Zahlen oder Ähnliches in Form von Gegenständen "platzierst". Dabei gilt es folgende Dinge zu beachten, wie Sofatutor schreibt:

  1. Der Raum oder der Weg sollten dir vertraut sein (Beispiel: Du liegst am Morgen in deinem Bett).
  2. Die Reihenfolge der Routenpunkte sollte sinnvoll sein (Beispiel: Du machst die Lampe auf deinem Nachttisch neben deinem Bett an).
  3. Die Routenpunkte sollten auffällig sein (Beispiel: Du siehst zum Kaktus neben dem Nachttisch).
  4. Die Routenpunkte sollten nicht zu klein sein (Beispiel: Du öffnest das Fenster in deinem Schlafzimmer).
  5. Die Routenpunkte sollten nicht zu weit und nicht zu nah entfernt voneinander sein (Beispiel: Du kommst auf dem Weg ins Bad an deinem Kleiderschrank vorbei).
  6. Die Gegenstände sollten nicht beweglich und immer an einem bestimmten Platz sein (Beispiel: Im Bad öffnest du den Badezimmerschrank).
  7. Die Gegenstände sollten unterschiedlich und recht unähnlich sein (Beispiel: Du gehst zum Waschbecken im Bad).

Jetzt kann das Verknüpfen beginnen. Dein fotografisches Gedächtnis trainierst du, indem du den Gegenständen auf der vertrauten Route Informationen zuschreibst, zum Beispiel US-Präsidenten. In dem Beispiel sieht das wie folgt aus:

  1. Ein Ford-Auto (Ford) parkt auf deinem Bett
  2. Eine Katze (Carter) räkelt sich auf deinem Nachttisch
  3. Ein großes Reagenzglas (Reagan) steckt neben deinem großen, stacheligen Kaktus
  4. Ein Busch (Bush) ragt in dein Fenster rein
  5. Aus deinem Schrank ertönt ein lauter Klingelton, weil du dein Handy dort reingelegt hast (Clinton)
  6. Busch-Sprößlinge wachsen auf deinem Handtuchregal
  7. und Opa steht zusammen mit Mama (Obama) am Waschbecken und putzt sich die Zähne.

Clever, oder? Außerdem gibt es noch diesen Trick zum Gedächtnistraining, mit dem du dir Namen besser merken kannst. Zudem trainieren diese Tricks dein Gehirn.

Gedächnitstraining à la Sherlock: Der Traum vom fotografischen Gedächtnis

Jeder träumt wohl davon, ein fotografisches Gedächtnis zu besitzen. Das würde das Leben um einiges einfacher machen. Es gibt auch Tipps und Tricks, um das Gedächtnis zu trainieren, schließlich tragen wir das Potenzial für ein eidetisches Gedächtnis in uns. Eine angeborene Fähigkeit ist das allerdings nicht.

Um auch nur annähernd wie Sherlock Holmes zu werden, bedarf es einiger Übung. Aber du kannst ihm wenigstens dabei zusehen: Erfahre hier alles zu "Sherlock" Staffel 5.

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