Start-ups 

"Wir stehen erst an der Spitze des Eisbergs": ESA-Manager Frank Salzgeber im Interview

Modell eines Sentinel-Satelliten, der in Zukunft Naturkatastrophen frühzeitig erkennen soll.
Modell eines Sentinel-Satelliten, der in Zukunft Naturkatastrophen frühzeitig erkennen soll.
Foto: AP Photo/European Space Agency/ESA
Frank Salzgeber, Technologietransfer-Manager der Weltraumorganisation ESA, über Start-ups, Innovation und warum Raumfahrt die Basis der zukünftigen Digitalisierung ist.

"Mein erster Held war 28 Millimeter groß und blau", erzählte Frank M. Salzgeber beim Business Angel Summit Anfang Juli im Tiroler Kitzbühel. Gemeint war eine Figur aus der Lego Space Classics-Serie aus dem Jahr 1978. Später habe er das Gefühl gehabt, er sei betrogen worden, denn statt Aliens und fremden Planeten habe die Menschheit Facebook bekommen, sagt Salzgeber, der bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA für Technologietransfer zuständig ist. Die Raumfahrttechnologie sei aus dem modernen Leben dennoch nicht mehr wegzudenken. "Sie ist die Basis der zukünftigen Digitalisierung", sagt Salzgeber: "Es wird kein autonomes Fahren oder Fliegen und keine globale Internet-Versorgung ohne Technologie aus der Raumfahrt geben."

Salzgeber macht Raumfahrttechnologie großen Unternehmen und auch Start-ups schmackhaft. Insgesamt 16 Gründerzentren betreibt die ESA in 13 europäischen Ländern, von denen welche der ersten in Deutschland entstanden. 500 Start-ups hat die Weltraumorganisation bereits mit Geld, Know-how und Verbindungen unterstützt. Die futurezone hat Salzgeber am Rande des Business Angel Summits zum Gespräch getroffen.

futurezone: Sie suchen Firmen, die Technologie aus der Raumfahrt wirtschaftlich nutzen wollen. Wie gehen Sie dabei vor?
Frank Salzgeber:
Man kann den Hund nicht zum Jagen tragen. Die Firmen müssen schon auf uns zukommen. Das Problem bei Technologietransfer ist nicht, das man die Technologie nicht braucht, sondern die Bereitschaft der Firmen, Innovation von draußen kommen zu lassen. Sie müssen dafür offen sein.

Das ist bei vielen Firmen nicht der Fall?
Viele Firmen bewegen sich zu sehr in ihrer eigenen Blase, Chemiker gehen nur auf Chemie-Events und so weiter. Aus der Landwirtschaft wissen wir aber, dass Selbstbefruchtung nicht immer funktioniert. In den Bergen sagt man, heirate nie deine Cousine, weil da genetischer Sondermüll rauskommt. Ich habe bis jetzt auch noch keine Industrie gefunden, wo wir nicht irgendetwas anzubieten hätten, an Technologien, Algorithmen oder Know-how.

Sie unterhalten auch 16 Gründerzentren in Europa, eines davon auch in Graz. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit Start-ups für die ESA?
Auch Start-ups müssen bereit sein, dass ihnen geholfen wird. Ende des Jahres werden wir 19 Inkubationszentren haben und 140 Start-ups unterstützen. Die Gründerzentren sind eine Partnerschaft. Das Land, Forschungseinrichtungen und auch wir geben etwas dazu. Start-ups bekommen von uns 50.000 Euro und technische Unterstützung, wir platzieren sie auch auf Events und sie können auch von unserer Marke profitieren. Wir wollen dafür nichts. Es heißt, dass man auf den Schultern der Riesen weiter sieht. Wir sind einer der Riesen.

Wie sieht die Zusammenarbeit der ESA mit einem Start-up aus?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wir haben in England ein Start-up, das an einem digitalen Röntgengerät arbeitet, das nur 40 Kilo wiegen soll. Die Software, der Sensor, die Bildverarbeitung und die Algorithmen kommen alle aus der Raumfahrt. Herkömmliche Röntgengeräte nutzen heute immer noch Vakuum-Röhren, das ist eine 120 Jahre alte Technologie. Unser Start-up greift Philips, Siemens und General Electric an. Sie haben das Potenzial den Markt zu killen.

Was zeichnet Raumfahrttechnologie aus?
Raumfahrt ist bekannt dafür, dass es leicht und robust sein und funktionieren muss. Wir bauen mit unseren Industriepartnern die Infrastruktur für die digitale Welt und das ist auch der Grund dafür, warum große Finanzierer in diesen Markt investieren. Da ist Bildverarbeitung, da ist Telekommunikation. Jeder, der eine Satellitenschüssel auf dem Dach hat, setzt Raumfahrttechnologie ein. Da geht es auch um raumbezogene Daten, Erdbeobachtung, Big Data und Algorithmik.

Auch bei der Technologieentwicklung arbeiten Sie stark mit der Industrie zusammen. Wie definieren Sie ihre Rolle dabei?
Wir hatten 2016 ein Budget von 4,3 Milliarden Euro. 90 Prozent geben wir an die Industrie weiter. Wir sind wie der Architekt, der das Haus bauen lässt und die Qualitätssicherung macht. Wir geben die Zielrichtung vor. Das ist auch der Unterschied zur NASA, die sehr viel selbst entwickelt hat. Sie hat aber auch ein höheres Budget.

Immer mehr private Unternehmen, wie etwa SpaceX oder Virgin Galactic, drängen in die Raumfahrt. Welche Auswirkungen hat das auf das Selbstverständnis von Weltraumorganisationen?
Wir sind erst am Anfang. Es wird kein autonomes Fliegen oder Fahren ohne die Raumfahrt geben. Wenn ich Internet für alle haben will, geht das nur über die Raumfahrt. Die Raumfahrt ist die Basis der zukünftigen Digitalisierung. Und in Infrastruktur investieren die Leute gerne. Raumfahrt ist zwar etwas Verrücktes, aber am Ende ist sie reines Business. Wir stehen erst an der Spitze des Eisbergs.

Sehen Sie diesen Trend auch in Europa?
Nehmen wir das Beispiel Galileo. Viele fragen: "Warum brauchen wir das?" Aber welches Signal wird wohl eher für politische oder wirtschaftliche Zwecke seines Landes manipuliert werden: Das russische? Das chinesische? Das amerikanische oder das europäische Satellitensignal? Europa basiert auf Vertrauen, abgesehen davon, sind wir 27 Mitgliedsländer. Wir könnten gar keine Einigung über eine solche Manipulation erzielen. Das ist der Vorteil der EU. Deshalb werden auch mehr Start-ups nach Europa kommen. Es ist hier schöner und freier zu leben, man kriegt bessere Studenten und bessere Mitarbeiter. Da seh ich die Chance für Europa und für Österreich. Wir sind ein idealer Standort. Jetzt müssen wir nur noch die Finanzierung hinkriegen.

Die ESA plant mit dem Moon Village auch die Besiedelung des Mondes. Sind Sie da schon mit Firmen im Gespräch?
Beim Moon Village geht es um Wasser, Abwasser, Energie, Gas und Straßen. Wir haben kein Technologieproblem, sondern ein Problem mit dem Geschäftsmodell. Und deshalb würde ich eher den Chef der Wiener Stadtwerke fragen, wie das Geschäftsmodell eines solchen Dorfes am Mond aussehen könnte, als ein Tech-Unternehmen. Wie kann ich Kraftwerke finanzieren und wie schaffe ich es, eine Stadt zu bauen? Da muss ich anders denken. Das Geschäftsmodell muss sich selber tragen.

Bis wann werden wir den Mond besiedeln?
Ich glaube, dass das in den nächsten zehn Jahren passieren wird. Da ist der Drive drinnen, ob mit oder ohne Amerikaner sei dahingestellt.

Und den Mars?
Der Mars wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren folgen. Vor ein paar hundert Jahren war Amerika sehr weit weg, heute ist man in acht Stunden da. Zum Mars dauert es ein bisschen länger, aber wir werden ihn auf jeden Fall erschließen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf futurezone.at.

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