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Zittern ohne Scham: Wie ein Stift Tremor-Patienten helfen soll

Der Hightech-Stift Tremipen muss noch finanziert werden.
Der Hightech-Stift Tremipen muss noch finanziert werden.
Foto: Tremitas
Von Tremor Betroffene können Sachen kaum ohne Zittern in den Händen halten. Geräte zur Behandlung sind teuer und unhandlich. Ein Start-up allerdings will die Lösung dafür haben.

Tremor ist eine der häufigsten Bewegungsstörungen beim Menschen. Allein in der EU wird die Zahl der Betroffenen auf 40 Millionen geschätzt. Nicht nur Menschen mit Parkinson leiden etwa unter dem unkontrollierten Zittern ihrer Hände. Bei vielen tritt bereits im jungen Alter der sogenannte "essentielle Tremor" auf, der je nach Stärke und Krankheitsverlauf das Halten von Gegenständen erschwert und Betroffene in der Öffentlichkeit stigmatisiert.

30 Sekunden lockeres Halten

Da die Symptome bei vielen Tremor-Erkrankungen sehr unterschiedlich und je nach Tagesverfassung auftreten, ist es für Betroffene häufig schwer herauszufinden, ob sich die Erkrankung verstärkt oder die medikamentöse Behandlung angepasst werden sollte. „Das Problem ist, dass die Messung der Tremorstärke bisher nur stationär bei Neurologen möglich war und in der Regel auch nur zwei Mal im Jahr durchgeführt wird, da die Geräte dafür extrem teuer und klobig sind“, erklärt Tibor Zajki-Zechmeister, Gründer des österreichischen Start-ups Tremitas im futurezone-Interview.

„Wir haben daher mit dem Tremipen ein kleines Messgerät in Form eines Stiftes entwickelt, mit dem man den Tremor bequem zuhause messen kann. So können Betroffene – ähnlich wie bei einem Blutdruckpass – über einen längeren Zeitraum Buch führen und diese objektiv gemessenen Daten beim nächsten Arztbesuch mitnehmen“, sagt Zajki-Zechmeister. Die Messung ist denkbar einfach. Der Stift wird 30 Sekunden locker in der Hand gehalten. Der integrierte Bewegungssensor misst dabei die Tremorstärke sowie die Frequenz und Energie des Zitterns.

Der Großvater litt an Parkinson

Der in Österreich produzierte Stift ist das Ergebnis von sieben Jahren Forschungs- und Entwicklungsarbeit und geht auf die Bachelorarbeit des gelernten Medizintechnikers an der FH Kärnten zurück. Um die Finanzierung der ersten Charge auf die Beine zu stellen, bietet das Start-up den Tremipen ab sofort auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo an. Besonders schnelle Unterstützer können den Stift für 249 Euro statt für 599 Euro erwerben.

Mit dem Stift, der sich Zajki-Zechmeister zufolge an Betroffene, aber auch an Angehörige richtet, will der Medizintechniker dazu beitragen, dass das öffentliche Bewusstsein hinsichtlich Tremor-Erkrankungen zunimmt. „Viele, die unter einer Tremor-Erkrankung leiden, werden in der Öffentlichkeit seltsam angeschaut oder fälschlicherweise gar als Alkoholkranke auf Entzug eingeschätzt. Vieles rund um diese neurologischen Erkrankungen ist der breiten Bevölkerung nicht bekannt, obwohl diese so verbreitet sind.“

Der Start-up-Gründer weiß wovon er spricht, geht doch die Idee für die Erfindung ebenfalls auf Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld zurück. So litt etwa sein Großvater an Parkinson. Darüber hinaus wurde bei weiteren Familienmitgliedern die Diagnose „essentieller Tremor“ gestellt.


Klarer Unterschied zu Apps

Das Projekt kann auch mit einer Spende unterstützt werden. 30.000 Euro in 30 Tagen ist das selbst gesteckte Ziel. Kommt mehr Geld zusammen, werden weitere geplanten Funktionen wie eine App- und PC-Anbindung per Bluetooth umgesetzt, mit denen die Daten auch digital ausgelesen werden können. Sämtliche Schnittstellen dafür sind bereits vorbereitet und werden per Update nachgeliefert. Da der Stift für die Serienproduktion bereit ist, soll bereits im Juli ausgeliefert werden – sobald die strenge CE-Zertifizierung als Medizinprodukt erreicht wurde.

Die Zertifizierung garantiert, dass das Produkt medizintechnisch hält, was es verspricht – nämlich verlässliche und wissenschaftlich verbriefte Daten zu liefern, die bei einer Behandlung berücksichtigt werden können. Sie ist auch das, was den Stift von verfügbaren Smartphone-Apps unterscheidet, die sich den langwierigen Prüfungsprozess von bis zu vier Jahren ersparen. „Natürlich habe ich von Anfang an gewusst, dass unser Start-up in einem stark reglementierten Gewerbe unterwegs ist. Vom Ausmaß, das mit so einer Zertifizierung verbunden ist, war ich aber dann doch überrascht“, erklärt Zajki-Zechmeister.

Kopien? Anscheinend keine Gefahr

Dass seine Erfindung von großen Firmen, die über weit mehr Kapital und Entwicklerpersonal verfügen, kopiert werden könnte, fürchtet der Start-up-Gründer nicht. Abgesehen von der angemeldeten Patentierung hätten Branchenvertreter schon signalisiert, dass es sich bei dem Gerät um eine spezielle Nische handle. Geht der Plan auf und ist der Tremipen erfolgreich, sei eher vorstellbar, dass einer der etablierten Konzerne die Technologie lizenzieren oder kaufen wolle.

Dieser Artikel erschien zuerst auf futurezone.at.

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