Maya Ofir Magnat ist Theaterdirektorin, Performancekünstlerin und Sexualpädagogin aus Tel Aviv. Bei ihrer Arbeit beschäftigt sie sich vor allem mit Intimität, Sexualität und Technologie. Ihr erklärtes Ziel: Neue Wege, Intimität zu schaffen durch die Anwendung von Technologie.

futurezone: Maya, im vergangenen Jahr hast du einen Vortrag über digitale Performance gehalten. Dieses Jahr ein Gespräch zum Thema „Fucking Technology“. Wie passen beide Gebiete zusammen?

Maya Magnat: Die Themen, an denen ich Interesse habe, drehen sich um Intimität und Technologie, deshalb sind meine Projekte zu digitaler Performance ein Teil dieser Interessensgebiete. Mein diesjähriger Vortrag war quasi ein weiterer Schritt vorwärts in genau diesem Bereich.

Wie hat „Sex Tech“ überhaupt dein Interesse geweckt?

Es hat damit angefangen, dass ich untersucht habe, wie Menschen sich online verlieben und online Beziehungen eingehen. Mich hat besonders fasziniert, dass Menschen immer versuchen, sich irgendwie noch näher zu kommen, völlig unabhängig davon, welches Werkzeug sie dafür benutzen. Für uns bedeutet das eben gerade, Smartphones und Technologie wie beispielsweise Virtual Reality kreativ anzuwenden.

Siehst du denn Potenzial dafür, dass solche Technologien Intimität oder zwischenmenschliche Beziehungen zu einem bestimmten Grad ersetzen?

Ich denke, dass ein gewisses Risiko besteht. So gibt es Menschen, die sich Sorgen machen, dass Sex-Roboter menschliche Partner ersetzen könnten. Ich persönlich halte es aber nicht für sinnvoll, menschliche Intimität durch Technologie auszutauschen. Sie stellt eher eine weitere Art der Intimität dar, die uns neue Erfahrungen und Empfindungen ermöglicht, ohne die jetzigen abzulösen.

Also kommt es zu einer Verschiebung?

Ich würde es nicht Verschiebung nennen, es gleicht vielmehr einem sechsten, neuen Sinn. Einfach eine neue Welt an Erfahrungen, die wir nutzen, um unsere Wahrnehmung von Intimität und Lust zu erweitern.

Das klingt wie ein natürlicher Evolutionsverlauf, sich Werkzeugen für sexuelle Befriedigung zu bedienen. Wäre es also nicht Technologie, dann wäre es etwas anderes?

Ja, ich glaube schon. Es ist so als würde man sagen, dass Textnachrichten und Chatten einfach nur die Fortführung von Liebesbriefen darstellen. In der Vergangenheit haben wir noch solche Briefe verfasst, heute schreiben wir Textnachrichten. Es ist einfach nur die nächste Phase.

Mal abgesehen von dem Risiko, dass persönliche Intimität durch Technologie verloren gehen könnte, siehst du noch weitere Schattenseiten?

Auf jeden Fall. Technologie zu nutzen, um Intimität herzustellen, ist immer ein zweischneidiges Schwert. Während Technologie auf der einen Seite tatsächlich Intimität und Nähe schaffen kann, trennt sie uns auch voneinander. Jeder kennt sicherlich die Situation, wenn man mit seinem Partner im Bett liegt und beide mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, anstatt sich zu unterhalten. Das ist etwas, das uns allen passiert.

Hier handelt es sich um eine komplizierte Situation, der wir uns bewusst sein müssen. Es bedeutet natürlich nicht, dass wir unsere Smartphones wegwerfen sollten – das würden wir sowieso nicht tun – aber die Frage, was wir dagegen machen können, stellt sich.

Glaubst du denn, dass Menschen, die beispielsweise VR-Sets oder anderes technisches Spielzeug für Sex benutzen, diesem Szenario gewahr werden?

Selbstverständlich nicht die ganze Zeit. Ich denke Menschen gebrauchen einfach Dinge, die ihnen Befriedigung und Vergnügen bereiten. Trotzdem glaube ich, dass sie das Gefühl des „zusammen allein“ kennen. Die amerikanische Sozioligin Sherry Turkle hat es beschrieben als eine Situation, in der man sich einerseits mit jemandem verbunden fühlt, andererseits aber abgeschnitten, wenn man mit jemandem online kommuniziert. Vielleicht wissen diese Personen einfach nur nicht, wie sie es in Worte verpacken sollen.

Was ich als meinen Job wahrnehme, ist, ihnen zu sagen „Hey, das ist es, was gerade passiert, lasst uns darauf achten und es nicht als gegeben oder etwas, gegen das wir nichts tun können, hinnehmen.“

Was ist mit Menschen, die einsam sind oder Schwierigkeiten haben, anderen näher zu kommen? Sie könnten Technologie nutzen, um zu bekommen, was sie brauchen, ohne mit anderen in Kontakt zu treten. Würden sie sich dadurch nicht noch mehr isolieren als zuvor?

Das hängt von der jeweiligen Person ab. In den meisten Fällen haben Menschen einen Grund, sich für Technologie zu entscheiden, um eine Verbindung oder „Partnerschaft“ aufzubauen. Einige von ihnen werden daraus lernen, letztendlich auf einen menschlichen Partner zuzugehen, andere nicht. Wieder andere werden mit ihrer Online-Beziehung oder der Beziehung zu ihrer Puppe zufrieden sein. Und wenn das so ist, dann gut für sie. Nicht jeder von uns muss eine Beziehung haben oder verheiratet sein.

Das bedeutet also, dass jemand, der noch nie eine Beziehung zu einem menschlichen Partner hatte, von einem Sex-Roboter lernen kann, wie man auf einem persönlichen Level mit anderen Menschen umgeht?

Ja, das glaube ich. Ein Sex-Roboter kann auch als therapeutisches Mittel genutzt werden, besonders in der Zukunft, wenn wir über noch ausgereiftere Roboter verfügen werden. Gerade für Menschen, die Angstzustände haben und nicht in der Lage sind, mal eben aus dem Stegreif eine Frau oder einen Mann anzusprechen, können Roboter ein wichtiges Tool darstellen.

Ist unsere Gesellschaft denn bereit für „Sex Tech“, speziell im rechtlichen Kontext? Eine gewisse Regulierung sollte es schon geben, oder?

Ja, das sollte es, aber an diesem Punkt sind wir noch nicht. Wenn wir darüber reden, sprechen wir immer noch von Science Fiction. Auch, weil es bisher noch eine Minderheit ist, die sich dafür interessiert.

Werden Gesetzgeber Sex Tech überhaupt ernst nehmen? Oder wird es sich wieder um etwas handeln, das alle nutzen, aber über das keiner spricht?

Das ist interessant. Wenn man darüber nachdenkt, wie Gesetze rund um Sexualität heute aussehen, stellt man fest, dass sie sich größtenteils nur mit den Begrenzungen und Extremen, wie sexueller Belästigung, und Vergewaltigung, beschäftigen. Wenn also jemand dein Sexspielzeug hackt, wird das dann als Vergewaltigung betrachtet?

Worauf also sollten Menschen achten, wenn sie sexuelles Vergnügen und Technologie kombinieren?

Ich glaube wir sollten Sex Tech in allen möglichen Varianten ausprobieren, weil es neu ist, überrascht und Spaß macht. Dennoch gibt es die Illusion, dass uns Technologie dabei hilft, jegliche Probleme zu lösen, die wir im Bett haben, und das stimmt einfach nicht. Wir sind die einzigen, die uns helfen können, auch wenn wir dadurch neue Erfahrungen machen. Um generell aber guten Sex zu haben, müssen wir miteinander reden, dem anderen zuhören und nur tun, worauf beide Partner Lust haben.

Maya, vielen Dank für das Interview.

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