Unten der Moderator vor der blauen Wand
Unten der Moderator vor der blauen Wand

Im ersten Teil der Reihe haben wir uns mit Stop-Motion-Animation befasst und darüber hinaus ein paar Grundlagen des filmischen Apparats erklärt. Es ging dabei vor allem um Trickfilme, die mittels tausender Einzelaufnahmen von Zeichnungen oder dreidimensionalen Modelle eine künstliche Welt erzeugen. Wie aber lassen sich reale Darsteller in diese künstlichen Welten integrieren?

Im Laufe der Jahrzehnte hat die Filmindustrie je nach den technischen Gegebenheiten der Zeit verschiedene Verfahren entwickelt mit denen sich mehrere separate Filmaufnahmen in ein Bild zusammenfügen lassen. Die heutigen digitalen Methoden, mit denen am sogenannten „Compositing“ verschiedener Filmaufnahmen gearbeitet wird, leiten sich von älteren, analogen Techniken ab, die die Filmgeschichte seit der Frühzeit begleiten. Um die Grundprinzipien des Compositing zu verstehen, macht es also Sinn, in die Vergangenheit zurückzugehen.

Doppelbelichtung

Drückt man bei einer analogen Fotokamera auf den Auslöser, fällt für Sekundenbruchteile Licht durch eine Öffnung auf einen Kunststoffstreifen, der mit einer lichtempfindlichen Emulsion beschichtet ist. Die Lichtstrahlen hinterlassen durch eine photochemische Reaktion einen Abdruck auf dieser Emulsion. Nach dem Schießen eines Bildes muss die Filmrolle dann üblicherweise manuell weiterbewegt werden. Vergisst man das und drückt noch einmal auf den Auslöser, wird das gleiche Negativ noch einmal belichtet, wieder hinterlassen Lichtstrahlen einen Abdruck auf der Emulsion und überlagern sich mit den Abdrücken der ersten Belichtung. Fotografen nutzen diese Effekt seit langem, um surrealistische Effekte zu erzielen.

Derselbe Effekt lässt sich auch mit einer Filmkamera bewerkstelligen. In einer Filmkamera wird der Filmstreifen in einer festgesetzten Geschwindigkeit an der Öffnung vorbeigezogen, durch die periodisch Licht einfällt (die Geschwindigkeit des Streifens und das Öffnen und Schließen sind dabei synchronisiert). Spult man die Kamera zurück, kann man den gleichen Abschnitt des Filmstreifens dann, wie bei der Doppelbelichtung einer Fotografie, ein weiteres Mal belichten.

Um damit nicht bloß Überlagerungseffekte zu erzielen, kann ein Teil des Bildausschnitts im Voraus mit einer Maske verdeckt werden. Diese muss irgendwo zwischen der Kameraöffnung und dem Motiv angebracht werden. Zunächst verwendeten Filmemacher dafür schwarzes Glas, durch das kein Licht dringen konnte. In den Filmaufnahmen blieb der jeweilige Ausschnitt dann unbelichtet. Im Anschluss belichtete man den Filmstreifen daraufhin ein zweites Mal, allerdings verdeckte man dieses Mal alle Bereiche, die bereits belichtet waren. So wurde beim zweiten Belichtungsvorgang nur jene Stelle belichtet, die zuvor schwarz geblieben war.

Matte Painting

Wie die freigelassene, schwarze Stelle gefüllt wird, ist der Fantasie überlassen. Für Filme, die besonders aufwändige Kulissen oder fantastische Elemente beinhalten, benutzte man schon bald bemalte Glasscheiben als Hintergründe, die man mit dem oben beschriebenen Verfahren ins Bild integrierte. Da man die schwarzen Glasscheiben, die zur Maskierung von Bildausschnitten genutzt werden „Mattes“ nennt, bezeichnet man dieses Verfahren als „Matte Painting“.

Ein berühmtes Beispiel für eine Filmszene, die mittels Matte Painting entstand, ist das Schlussmotiv aus dem ersten Teil der Indiana Jones-Reihe, in der die Bundeslade von US-Behörden in einem riesigen Warenhaus verstaut wird. Das riesige Lager im Hintergrund ist ein gemaltes Matte Painting.

Der Einsatz von Matte Paintings hatte vor allem ökonomische Gründe. Dadurch konnten aufwändige Außenaufnahmen mit vielen Statisten und riesigen Kulissen eingespart werden. Auch heute werden deshalb noch Matte Paintings als Hintergründe verwendet. Sie werden jedoch digital erstellt und durch das Chroma-Key-Verfahren in den Film integriert (dazu unten mehr).

Blue Screen

Lawrence Butler entwickelte 1940 eine Technik, mit der die Mattes nicht mehr mechanisch, durch das Abdecken und Neubelichten eines Filmstreifens mittels eines Optical Printers, sondern chemisch erzeugt wurden. In Butlers Verfahren wurden Aufnahmen vor einem blauen Hintergrund gemacht, der dann anschließend im Kopierprozess durch andere Aufnahmen ersetzt wurde. Die Verschmelzung der beiden Bildebenen wurde dadurch wesentlich besser.

Mit Verfahren wie dem Blue Screen und seinen Verfeinerungen (wie Disneys „sodium vapor process“) konnten erstaunliche Effekte erzielt werden, etwa die minutenlangen Sequenzen in Mary Poppins (1964), in denen Mary Poppins und der Rauchfangkehrer Bert sich in einer fantastischen Zeichentrickwelt bewegen.

Chroma Keying

Was bei Filmen aufwändig durch das Zusammenspiel von Licht und Chemie entsteht, kann für Video elektronisch erzeugt werden. Chroma Keying bezeichnet ursprünglich ein Verfahren zur Farbfreistellung bei Videos. Dabei können einzelne Farbwerte eines Videobilds ausgeblendet oder durch ein anderes Videobild ersetzt werden. Chroma Keying wird im Fernsehen schon lange bei Nachrichtensendungen angewendet, zum Beispiel beim Wetterbericht, wenn der Moderator vor einem blauen Hintergrund steht, während die TV-Zuseher den Moderator vor einer animierten Wetterkarte sehen.

Seit der großflächigen Verwendung von Computern zur Erzeugung von Spezialeffekten in den 1990ern hat sich der Begriff Chroma Keying auch für die (digitale) Filmproduktion durchgesetzt. Im Filmbereich werden vor allem grüne Hintergründe für die Aufnahmen verwendet – man spricht deshalb nicht mehr vom „Blue Screen“, sondern vom „Green Screen“. Diese Farbwahl hängt damit zusammen, dass bei grünem Hintergrund weniger Lichtintensität nötig ist und auch Kostüme und Requisiten seltener grüne als blaue Farbtöne aufweisen. Zudem nutzen die meisten digitalen Bildsensoren eine Bayer-Matrix, wie im Bild dargestellt.

Statt lichtempfindlichen Silbersalzen in einer chemischen Emulsion werden die Lichtstrahlen in einer digitalen Kamera von Sensoren registriert. Diese zeichnen jeweils nur Lichtstrahlen in einem bestimmten Spektrum auf, einige also nur rotes Licht, andere nur blaues und wieder nur grünes. Sind die Sensoren in einer Bayer-Matrix angeordnet, überwiegen die Sensoren für grünes Licht, sie sind doppelt so oft vorhanden wie rote und blaue Sensoren. Je nach technischen Anforderungen, werden aber auch immer noch blaue und andersfarbige Hintergründe verwendet.

Rückprojektion

Unabhängig von diesen Verfahren gab es noch weitere Möglichkeiten jenseits des mechanischen, chemischen oder digitalen Compositing, um verschiedene Bildinhalte in einem Filmbild unterzubringen. So spielten in der Frühzeit des Kinos perspektivisch bemalte Leinwände, wie sie auch im Theater verwendet wurden, eine wichtige Rolle. Damit konnten jedoch nur statische Hintergründe erzeugt werden. Später ging man deshalb dazu über, mittels Rückprojektion bewegte Bilder als Hintergrund zu verwenden. Diese Methode nutzten Filmemacher gerne für Autoszenen. Die Schauspieler saßen dabei in einer Autoattrappe in einem Filmstudio und im Hintergrund wurde die vorbeirasende Landschaft projiziert.

State of the Art

Die Weiterentwicklung der Technik und macht es möglich, dass immer wirklichkeitsgetreuere Effekte erzeugt werden können. In modernen Filmproduktionen ist häufig gar nicht mehr unterscheidbar, welche Effekte und Kulissen am Computer entstanden sind.

Die Neuverfilmung des Disney-Klassikers „Das Dschungelbuch“ (1967) aus dem Jahr 2016 ist dafür ein beeindruckendes Beispiel. Bis auf den Protagonisten Mogli und seinen Vater sind alle Figuren und fast die gesamte Umwelt computeranimiert. Wie auch in Filmen wie Avatar (2009) oder den Neuauflagen der Planet der Affen-Reihe aus den vergangenen Jahren, werden die nicht-menschlichen Figuren jedoch nicht komplett am Computer animiert, sondern auf Basis von Bewegungsabläufen realer Darsteller erzeugt. Im nächsten Teil dieser Serie werden wir uns eingehender mit diesem Verfahren – dem Motion Capturing – befassen.

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Stop-Motion-Animation: Frame für Frame zum Kinofilm

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