Sie stehen auf dem Balkon vor einem Wäscheständer, in der Küche vor weißen Einbauschränken oder im Kinderzimmer unter vertäfelten Dachschrägen: In dieser rührend normalen Umgebung haben es Lisa und Lena Mantler zu einer Art Weltruhm gebracht. Hier, zu Hause in Schwaben, drehen sie ihre Videos – 15 Sekunden Spaß, Lächeln und Lippenbewegen zu Popsong, dazu eine kleine Choreografie, angelehnt an gängige Gesten und Bewegungen der US-Musikwelt.

Das Popstarspiel haben Jugendliche schon früher gespielt – nur unter anderen Vorzeichen. Ohne Kameras. Und vor allem: ohne Öffentlichkeit. Den Zwillingen stand das alles zur Verfügung. Und plötzlich machte die „Bravo“ Schlagzeilen wie „Lisa und Lena: So reagieren ihre Lehrer auf den Fame“. Fame ist Neudeutsch, also Englisch, für Ruhm. Er hat diese beiden Teenager erwischt, und plötzlich ist es eine Nachricht, dass sie als Babys von ihren Eltern adoptiert wurden.

Mehr als dreißig Millionen Follower

Eigentlich können Lisa und Lena nichts dafür. Sie haben nur, wie Millionen andere, vor zwei Jahren die App „Musical.ly“ auf ihr Handy geladen. Sie haben damit gespielt und das Ergebnis, ihre kleinen Videos, bei Musical.ly und bei der Plattform Instagram hochgeladen.

Das allein ist kein Garant fürs Berühmtwerden. Denn die Welt muss auch hinsehen wollen. Millionen Jugendliche versuchen alles Mögliche im Netz, um berühmt zu werden. Es ist wie im richtigen Leben: Nur den wenigsten gelingt es. Die 15-jährigen Mädchen aus der Nähe von Stuttgart gehören dazu. Ihnen folgen auf Musical.ly mehr als zwanzig Millionen Menschen aus aller Welt, auf Instagram mehr als elf Millionen. Ihre Fotos – Schnappschüsse, die zu anderen Zeiten schlicht in den Fotoalben der Familie gelandet wären – bekommen Hunderttausende „Herzchen“ auf Instagram. Und wenn sie Autogramm-, also Selfiestunden geben, stehen die Fans in Massen an. Wie kommt’s?

Zahnspangen und ein Rest von Normalität

Offenbar hat hier alles zusammengepasst. Lisa und Lena sind hübsche Teenager, und sie zeigen in ihren Videos viel Humor. Sie haben ein offenes Zahnspangenlächeln – und alles in doppelter Ausführung. Der Zwillingseffekt ist nicht zu unterschätzen.

Dazu kommt der Rest von Normalität: Sie gehen in ihrem Heimatort zur Realschule und freuten sich Ende Juli wie alle Schüler über den Beginn der Sommerferien. So bleiben sie greifbar, auch wenn sie den Ferienbeginn mit einem millionenfach beachteten Video feierten.

„Leli“, wie die Zwillinge abgekürzt werden, verkörpern wie alle guten Promis etwas, das ihren vor allem 10- bis 14-jährigen Fans fehlen dürfte. Dauerfröhlichkeit. Ewiger Spaß. Und eben den berühmten „Fame“.

Die neue Fanpost

Zu den Herzen unter ihren Fotos und Videos hagelt es Komplimente, Liebeserklärungen, Bitten um privaten Kontakt. Das sieht dann so aus: „Lisa and lena i love you“, oder kurz „Omg cuties“ (Oh mein Gott, ihr Süßen). Mal mit Begründung: „YOU HAVE EVERYTHING!!! I love you“ (Ihr habt alles!!! Ich liebe euch), mal ohne: „Hab euch lieb!!“.

Vielleicht sind es nur Äußerlichkeiten, die diese Botschaften mit ihren Herzchen, ihrem Abkürzungsfimmel und den vielen Symbolen von der Fanpost unterscheidet, die zu Zeiten der ZDF-„Hitparade“ wäschekörbeweise an die eingeblendeten Autogrammadressen gingen.

Ganz normale Teenager?

Beschimpfungen sind auch keine neue Erfindung – nur sind sie heute, wie die Liebeserklärungen, öffentlicher. „Die können nicht mal singen“ – in die Richtung geht das. Randerscheinungen in der Sonnenscheinwelt der Zwillinge. Gerade verbringen sie ihre Ferien in Japan. Fans besuchen. Die Kulisse ihrer Videos ändert sich, es ist nicht mehr nur der heimische Wäscheständer, sondern die große, weite Welt.

Wie lange das so weitergehen kann, weiß natürlich niemand. Aber Lisa uns Lena haben schon mal eine eigene Modelinie herausgegeben, solange es läuft. Jimo71 heißt ihr Label, das O als stilisiertes Auge. Und wovon träumen sie noch? Das Wort „Schauspielerei“ ist schon gefallen. Da sind sie wieder: ganz normale Teenager.

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