Zum Abschluss des letzten Artikels der Serie „Hollywoods Trickkiste“ waren wir bei Filmen angelangt, in denen Schauspieler mittels Green-Screen-Technik in eine fast vollständig computeranimierte Umwelt eingebettet werden. Filme wie The Jungle Book (2016) oder Avatar (2009) gehen aber noch einen Schritt weiter: Ein Großteil des Casts dieser Filme wurde im Motion-Capture-Verfahren aufgenommen. Dabei schlüpfen die Schauspieler in spezielle Anzüge, die mit Sensoren versehen sind.

In diesen Filmen sind zwar noch Schauspieler am Set, die miteinander interagieren, doch ein Großteil des Casts wird im fertigen Film nie in natura zu sehen sein. Nur ihre Bewegungen werden aufgezeichnet, auf deren Basis dann am Computer möglichst wirklichkeitsgetreue Figuren erstellt werden. So wurde in den Filmen der Herr der Ringe-Franchise etwa Gollum zum Leben erweckt und auch in der Neuauflage von Planet der Affen wurde der Protagonisten-Affe Caesar wieder von einem Menschen gespielt.

Motion Capture: Schauspiel oder kein Schauspiel?

Mit Gollum gelang dem Motion-Capture-Verfahren der endgültige Durchbruch. Großen Anteil daran hatte der britische Schauspieler Andy Serkis, der für die Rolle in den Motion-Capture-Anzug schlüpfte. Seither gilt er als Koryphäe dieses Fachs, spielte Caesar in den Planet der Affen-Reboots, den Riesenaffen King Kong in Peter Jacksons gleichnamigem Film aus dem Jahr 2005 und Oberbösewicht Supreme Leader Snoke in Star Wars: The Force Awakens (2015). Seinen Job machte er so gut, dass er immer wieder für prestigeträchtige Awards wie die Oscars im Gespräch ist. Bisher wurde diese neue Form des Schauspiels aber von den wichtigsten Preisverleihungen nicht berücksichtigt.

Serkis spielte auch in Steven Spielbergs Interpretation des Comic-Klassikers Tim und Struppi mit, der 2011 in die Kinos kam. In Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn wurde nicht nur eine einzelne Figur im Motion-Capture-Verfahren aufgenommen, sondern der gesamte Cast. Der fertige Film sieht folglich wie ein CGI-Animationsfilm aus und galt als einer der Favoriten auf den Oscar für den Besten Animationsfilm. Anders als andere große Awards, wie etwa die Golden Globes oder der Verband der Animationsfilmschaffenden ASIFA (Association internationale du film d’animation), nominierte die für die Oscars zuständige Academy of Motion Picture Arts and Sciences den Film nicht in dieser Kategorie – mit der Begründung, der Film sei kein Animationsfilm, sondern ein Realfilm mit einer hohen Dichte an Spezialeffekten.

Vorläufer: Rotoskopie

Wie kommt es zu dieser Einordnung? Dazu lohnt es sich einen Blick auf vergleichbare Techniken zu werfen, die dem Motion-Capture-Verfahren vorausgehen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Rotoskopie-Verfahren: Dabei werden konventionell aufgenommene Filmszenen Einzelbild für Einzelbild von einem Animator abgezeichnet. Da ein Film aus mehreren zehntausend Einzelbildern besteht, ist Rotoskopie sehr aufwendig und wird meist nur für einzelne Szenen verwendet, so wurden etwa die Lichtschwerter in der Star Wars-Originaltrilogie nachträglich rotoskopisch in den Film eingefügt. Es gibt jedoch auch abendfüllende Spielfilme, die komplett im Rotoskopie-Verfahren entstanden sind, wie beispielsweise Waking Life (2001) und A Scanner Darkly (2006) des amerikanischen Regisseurs Richard Linklater.

Wurden rotoskopische Zeichnungen anfänglich noch per Hand angefertigt, so wurde auch dieses Verfahren mittlerweile digitalisiert. Nachgezeichnet wird heute am Computer und vor allem zur Nachkorrektur von computergenerierten Effektszenen. Die Grenzen zwischen visuellen Effekten und Rotoskopie verlaufen zunehmend. Das Prinzip gleicht dem des Motion Capturing. In beiden Fällen wird auf Basis von Realfilmaufnahmen eine künstliche Welt erstellt, im Gegensatz zum Motion-Capturing ist die Rotoskopie aber ein zweidimensionales Verfahren.

Motion Capture – die Zukunft?

Von der Software hinter dem CGI-Gollum, dessen gesamter Körperapparat – vom Skelett über die Muskeln bis zum Gewebe – simuliert ist, ist es nur ein kurzer Weg zu einem Modell, das keine durch Sensoren aufgezeichnete Bewegung mehr braucht. Mit The Congress (2014) von Ari Folman gibt es sogar einen Spielfilm, der die Möglichkeiten solcher Verfahren thematisiert. Im Film entscheidet sich die Schauspielerin Robin Wright dazu, ihr Erscheinungsbild und ihre Persönlichkeitsrechte an ein Filmstudio abzutreten. Eine virtuelle Version ihrer Person wird erstellt und sie kann sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, während ihr virtuelles Alter Ego für Filme verwendet wird.

The Congress ist (noch) Science Fiction, doch es gibt Anzeichen dafür, dass sich die Unterhaltungsindustrie in diese Richtung entwickelt. 2012 sorgte etwa das Festival Coachella mit dem Auftritt eines Hologramms des verstorbenen Rappers Tupac für Aufsehen. Wie sich später herausstellte, handelte sich, technisch gesehen, gar nicht um ein echtes Hologramm, sondern um Spiegeltricks. Die mediale Aufmerksamkeit, die der Auftritt bekam, lässt aber darauf schließen, dass weitere Entwicklungen in diese Richtung folgen werden.

Motion Capture: Das Ende des photochemischen Zeitalters

Dass Neuerungen dieser Art überhaupt möglich sind, liegt zu großen Teilen daran, dass seit den 90er Jahren zunehmend digitale Verfahren Einzug ins kommerzielle Filmschaffen fanden. Mittlerweile hat die digitale Filmtechnik photochemische Verfahren abgelöst. Das hat weitreichende Folgen dafür, wie wir Filme und andere Bewegtbilder wahrnehmen.

Deshalb wird es im nächsten Teil der Serie „Hollywoods Trickkiste“ darum gehen, wie digitale Bilder überhaupt entstehen und was sie von photochemischen Aufnahmen unterscheidet.

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