Während sich die Ausstattung der Kinosäle und der Filmgeschmack des Publikums veränderte, blieb das Herzstück jedes Kinos – der Filmprojektor – über hundert Jahre lang weitgehend unverändert: Eine Abfolge von Einzelbilder wird in rascher Abfolge an einer Projektorlampe vorbeigezogen. Die Filmaufnahmen auf dem Kader werden durch eine Linse hindurch auf die Leinwand projiziert.

Kameraprinzip umgekehrt

Da ein sogenannter Shutter die Lichtzufuhr verdeckt, wenn der Filmstreifen bewegt wird, wechseln sich Filmkader und Dunkelheit ab. Pro Sekunde werden so 24 Einzelbilder projiziert. Das ist zu schnell für das menschliche Auge, weshalb wir die Bilderfolge als kontinuierliche Bewegung wahrnehmen – der Shutter sorgt dafür, dass das Bild nicht als verschwommen wahrgenommen wird.

Bei einer Kamera trifft bei Öffnen des Shutters Licht ein und trifft auf den Filmstreifen, dessen photochemische Emulsion mit dem Licht reagiert und so ein Bild festhält. Das Prinzip eines Filmprojektors kehrt also die Funktionsweise einer Kamera um. Die Kamera der Gebrüder Lumières, die als „Erfinder“ des Kinos gelten, konnte sogar gleichzeitig als Projektor verwendet werden.

Die digitale Revolution

Nachdem um die Jahrtausendwende immer mehr digitale Kameras zur Produktion von Kinofilmen eingesetzt wurden, begannen einige Jahre später auch die Kinos umzurüsten. In verblüffender Geschwindigkeit wurde im Zeitraum von 2009 bis 2012 die digitale Projektion als neuer Standard in Kinos durchgesetzt. In nur wenigen Jahren wurde die Umstellung so ganzheitlich vollzogen, dass heute praktisch keine analogen Filmprojektoren im Einsatz sind. Staatliche Förderungen oder finanzielle Anreize durch die Verleihe erlaubten es auch kleinen Kinos die Kosten für die Umstellung, die sich leicht auf mehrere zehntausend Euro belaufen können, zu tragen.

Während zunächst noch digital produzierte Filme auf Analogfilm belichtet wurden, um sie in Kinos zeigen zu können, müssen nun analog produzierte Kinofilme digitalisiert werden, um in den Verleih zu kommen. Das führte dazu, dass auch in der Filmproduktion immer weniger analog gedreht wird und einst florierende Unternehmen wie Rohfilmhersteller Kodak beinahe in Konkurs gingen und Filmkopierwerke auf der ganzen Welt eins nach dem anderen zusperren mussten. In Deutschland existieren mit dem Taunusfilm CineNova in Wiesbaden und Andec in Berlin nur mehr zwei Kopierwerke.

Die Kulturtechnik des analogen Films, die das vergangene Jahrhundert geprägt hat, wie kein anderes, wird nur noch von einigen Kinematheken und Programmkinos bewahrt.

Vom Publikum unbemerkte Revolution

Fast noch verblüffender als die Geschwindigkeit mit der die Umstellung vonstattenging, waren die ausbleibenden Reaktionen des Publikums auf den neuen digitalen Standard. Die digitalen Projektoren eroberten die Kinos und kaum jemand bemerkte den Unterschied. Bis auf die Anfangszeit, in denen Kinos zum Teil Aufschläge für digitale Vorführungen verlangten, um ihre Kosten zu refinanzieren, bemerkte der durchschnittliche Kinogänger kaum etwas von den gigantischen Veränderungen in der Vorführkabine.

Auf den ersten Blick hat die technische Umstellung ohnehin fast nur Vorteile gebracht. Digitale Bilder sind in der Regel stabiler, flackern nicht, nutzen sich nicht ab und es gibt nicht die Gefahr, dass der Filmstreifen während der Vorführung reißt.

An die Nachteile der digitalen Technik hingegen, waren die Konsumenten bereits durch ihre digitalen Geräte zuhause gewohnt: Die digitale Projektion (und auch die Aufnahmetechnik) hat Probleme mit Schattierungen, Kontrasten und schnellen Schwenks. Ein technisches Gebrechen wie einen Filmriss oder -stau konnte man früher zudem manuell beheben, bei Softwareproblemen hilft höchstens ein Systemneustart.

Die Zukunft? Eine Frage des Geldes

Die Kinos erhofften sich durch die Investitionen auf lange Sicht massive Einsparungen. Da die digitalen Vorführungen nun zentral über einen Server gesteuert werden können, braucht es nicht einmal jemanden, der auf den Startknopf drückt, geschweige denn einen Projektionisten pro Kinosaal, der während der Vorführung nach dem Rechten sieht. Auch die Transportkosten für Kinos und Verleihe sind massiv gesunken, da nun nicht mehr dutzende Kilo schwere Filmrollen, sondern nur mehr handliche Festplatten verschickt werden müssen.

Noch ist aber nicht abzusehen, ob die technologische Entwicklung nicht zu einem substantiellen Kostenfaktor werden könnte. Anders als bei analogen Filmprojektoren, die bei guter Wartung jahrzehntelang eingesetzt werden konnten, bleibt abzuwarten, wann die digitalen Projektoren auf den neuesten Stand der Technik aufgerüstet werden müssen.

Ein heute gängiger 4K-Projektor wird in ein paar Jahren im Vergleich zu neueren Modellen nur mehr inakzeptable Bildqualität bringen. Im schlimmsten Fall kann die Software und Hardware dann nicht mehr durch ein Upgrade verbessert werden, sondern muss zur Gänze ausgetauscht werden.

DCPs als Notlösung

Immerhin hat die Filmindustrie mittlerweile standardisierte Formate etablieren können, sodass zumindest verhindert werden kann, dass mittelfristig Kompatibilitätsprobleme zwischen neuen Filmdateien und alter Vorführungssoftware auftreten. Statt Filmrollen in Blechdosen werden heute sogenannte DCPs (Digital Cinema Package) verschickt.

Bei einer DCP handelt es sich um ein Datenpaket, dass alle Bestandteile eines Kinofilms umfasst. Die DCP eines Films wird auf einer Festplatte gespeichert und an die Kinos geschickt, die den Film dann von der Festplatte auf ihre eigenen Server laden. Um den Film zeigen zu können, benötigen sie dann einen Schlüssel, der die Kodierung der DCP aufhebt. Diese Schlüssel werden von den Verleihen verschickt und gelten nur für den Zeitraum der Leihe. Nach Ablauf der Gültigkeit des Schlüssels kann die DCP vom Kino nicht mehr gezeigt werden.

Warum dieses aufwändige Verfahren, wenn man auch einfach DVDs oder Blu-rays mit einem FullHD Beamer projizieren könnte? Die Unterschiede liegen in den technischen Details. Zwar ist der Unterschied zwischen der Vorführung einer Blu-ray und einer digitalen Kinoprojektion einer DCP für einen Laien kaum zu erkennen, die Auflösung einer DCP ist aber um einiges höher, ebenso die Farbtiefe und die Abtastrate.

Das liegt daran, dass in DCPs alle Einzelbilder eines Kinofilms gespeichert sind (also wie bei einer Filmrolle, die aus einer Abfolge von Einzelbildern besteht), während Home-Entertainment-Formate mit Keyframes arbeiten und in dieser Hinsicht wie Videotechnologie funktionieren. Die genaue Funktionsweise dieser Formate und was es mit diesen ominösen Keyframes auf sich hat, wird Gegenstand des nächsten Artikels unserer Film-Serie sein.

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