An den Straßenecken der Metropolen Deutschlands ist er immer häufiger zu sehen: der Coworking-Space. Vor allem in den hippen Vierteln einer Stadt arbeiten Selbständige und Kreative in den geteilten Arbeitsbereichen.

Mittlerweile hat sich auch die Wissenschaft mit dem Phänomen des Coworking-Space beschäftigt und versucht herauszufinden, aus welchen Gründen Arbeiter den Shared-Space dem herkömmlichen Büro oder dem Homeoffice vorziehen. Doch zunächst beleuchten wir die geschichtlichen Grundlagen des Coworkings: Welche gesellschaftlichen Entwicklungen sind der Attraktivität des geteilten Arbeitsbereiches zuträglich.

Wie gesellschaftliche Veränderungen das Coworking ermöglichen

Der berufliche Lebensweg hat sich in den letzten Jahrzehnten dermaßen verändert, dass längst nicht mehr von der typischen “Karriere” gesprochen werden kann. Stellte früher der Nine-to-Five-Job, mit dem bestenfalls das gesamte Arbeitsleben im gleichen Unternehmen abgeleistet wurde, die Norm dar, erfordert die heutige Wissensgesellschaft vor allem Flexibilität von den Arbeitskräften.

Weniger als körperliche Arbeitsleistung ist in einer Wissensgesellschaft Know-How und Erfahrung erforderlich. Für die Ausübung des Berufs benötigt der Wissensarbeiter oft nur einen Computer mit Internetzugriff.

Da der Laptop überall mit hin genommen werden kann, hat sich auch die Organisationsstruktur großer Unternehmen in den letzten Jahren an diese neue Flexibilität angepasst. Setzten Firmen in der Vergangenheit noch auf eine große Belegschaft, werden heute immer häufiger Aufgaben an externe Experten abgeben. Oftmals endet die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Arbeiter, nachdem das Projekt erfolgreich abgeschlossen ist.

Generation Y kann Coworking

Laut Matthias Schürmann, Coworking-Space-Gründer und Autor des Buches “Coworking Space: Geschäftsmodelle für Entrepreneure und Wissensarbeit” sei besonders die Generation Y auf diese gesellschaftliche Umwälzung vorbereitet. Da ihre Vertreter nach 1980 geboren und als Digital Natives gelten, können sie mit dem “Arbeitswerkzeug Computer” ohne Probleme umgehen. Insgesamt verschwimmt bei den Digital Natives die Arbeits- und Freizeit: Nach dem Aufwachen werden beruflichen Mails gecheckt, während der eigentlichen Arbeit wird gerne mal auf Facebook gesurft.

Auch der Bildungsweg der Generation Y hat sich der “Projektifizierung der Arbeitswelt” angepasst. Vor und nach dem Studium werden Praktika absolviert, häufige Jobwechsel sind normal. Trotzdem bringt die Flexibilität auch persönliche Vorteile: eine Arbeitsstelle wird häufiger nach den eigenen moralischen Standards ausgewählt, ein hohes Gehalt ist zweitrangig. Um die “Rush Hour” des Lebens nicht zu verpassen, wird Familiengründung auf das vierte Jahrzehnt des Lebens verschoben, Nachwuchs ist nur noch eine “Option”, kein Lebenstraum mehr.

Wann Coworking eine Option ist

Warum sich Menschen gegen einen herkömmlichen Arbeitsplatz und für einen Coworking-Space entscheiden, hat Désirée Bender, ihres Zeichens Pädagogin und Soziologin sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, erforscht.

Auffallend ist, dass sich besonders Selbstständige für die Arbeit im Coworking-Space entscheiden, die zuvor im Homeoffice jahrelang “auf die Tapete geglotzt haben”. Da das Homeoffice als Kreativbremse wahrgenommen wird, sucht der Selbstständige im Coworkingspace nach Abwechslung. Anders als im typischen Büro weiß man im geteilten Office nie, wer am nächsten Tag neben einem sitzt. Passenderweise bezeichnete ein Befragter die Arbeit im Shared-Office als “Überraschungsei”.

Laut Bender sei der oft betonte Kreativitätszuwach bei Arbeiten im Coworkingspace vor allem der hohen Fluktuation der Nutzer dieser Orte zuzuschreiben. Die unterschiedlichsten Menschengruppen kämen zusammen und erhielten gegenseitigen Input für ihre Projekte.

Zudem birgt die Heimarbeit ein unüberschaubares Ablenkungpotential. Da beispielsweise die private Telefonnummer ebenfalls für die geschäftliche Kommunikation genutzt wird, kann der Arbeitsfluss durch Anrufe von Freunden und Familie erheblich gestört werden. Auf die Frage, warum viele Werktätige erst jetzt in einen Coworking-Space wechseln, hat ein Beteiligter der Studie eine anschauliche Antwort: Vor einigen Jahren verhinderten die Ausmaße seines Computers noch den ständigen Wechsel des Arbeitsplatzes. Heute, in Zeiten des Notebooks und Tablets, sei ein Ortswechsel wesentlich einfacher.

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Bürostrukturen bilden sich aus

Dennoch sei zu beobachten, dass sich in einigen Coworking-Spaces mit der Zeit büroartige Strukturen ausbilden. Besucht ein Arbeiter einen Ort regelmäßig, erwarten seine Klienten von ihm, das er an diesem spezifischen Ort anzutreffen ist.

Großraumbüro: Nicht nur Nachteile

Trotz der Freiheiten, die ein Coworking-Space mit sich bringt, birgt eine regelmäßige Nutzung auch Nachteile. Besonders werde laut Bender der Konsum der Arbeitenden gefördert. Während im Großraumbüro Kaffee und Snacks oft kostenfrei angeboten werden, lockt im Coworking-Space der nächste “Double-Shot-Espresso” – auf eigene Kosten natürlich.

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