Digital Life 

#FlashbackFriday: Technik, die kein Update brauchte

Vor hundert Jahren war es normal beim telefonieren vom Fräulein belauscht zu werden.
Vor hundert Jahren war es normal beim telefonieren vom Fräulein belauscht zu werden.
Foto: dapd
Am #FlashbackFriday wird es bei uns retro. Es geht um Erfindungen und Phänomene, die die Tech- und Online-Kultur prägten, häufig bis in die Gegenwart. Heute: Technik, die ohne Update funktioniert.

Aktuelle Technik kann faszinieren. Wir können das Smart Home mit der Stimme steuern, mit Google Maps die Welt entdecken und sogar einen Tesla Roadster per Livestream auf seinem Weg in die Weiten des Universums verfolgen.

Technik kann nerven

Doch nicht immer weiß die schöne neue Technikwelt zu begeistern. Häufig nervt sie auch einfach nur. Sei es, weil Windows unbedingt ein mehrstündiges Update vor Abgabe eines wichtigen Projekts durchführen muss oder die mobilen Daten schon wieder nach wenigen Tagen aufgebraucht sind und der Rest des Monats unfreiwillig auf's Netz unterwegs verzichtet werden muss.

Technik ist nicht nur umfangreicher und dadurch auch anfälliger geworden, sondern zumeist alternativlos. Wir machen uns abhängig von den kleinen Gadgets und Geräte, und eine Welt ohne Supercomputer mit Zugriff auf das Wissen der Menschheit scheint unvorstellbar.

Früher war alles besser?

Doch dem war nicht immer so. Für lange Zeit galt schlicht eine Regel: Ein Gerät wurde für eine einzige Aufgabe konzipiert. Dass diese Einschränkung nicht immer ein Nachteil ist, zeigt die Technik des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie war zwar einfach und nahm für heutige Verhältnisse gigantische Ausmaße an, dafür war sie jedoch solide und machte das, wofür sie geschaffen war. Vor allem aber: Sie brauchte kein Update

Mit dem Telefon telefonieren

Heute benutzen wir das Smartphone für vieles, am seltensten jedoch zum Telefonieren. Wir checken WhatsApp, unsere Mails und verbessern unser Selbstwertgefühl auf Instagram. Im Durchschnitt schaut der Deutsche 50 Mal am Tag auf sein Smartphone.

Was die psychologischen Folgen der Smartphone-Sucht sein können und wie ein digitaler Detox zum Erfolg wird, erklärte Beraterin und Autorin Lilian Güntsche im Gespräch mit futurezone. Immer mehr Menschen leiden unter der Angst etwas zu verpassen, so Güntsche Das ständige Benutzen des Smartphone führt zwangsläufig zu Stress.

Ein Mann war das erste Fräulein vom Amt

Im 19. Jahrhundert waren die Menschen noch nicht der Gefahr einer Smartphone-Sucht ausgesetzt. Damals konnten Telefone nur telefonieren. 1881 wurden die ersten Ortsnetze eingerichtet. Gespräche konnten zunächst nur innerhalb einer Stadt geführt werden. Ab 1883 waren auch Telefonate zwischen zwei Städten möglich.

Die Vermittlung der Gespräche wurde anfangs von Männern übernommen, schnell wurde jedoch klar, dass Frauenstimmen aufgrund der höheren Frequenz besser über das analoge Netz zu verstehen sind. Das “Fräulein vom Amt” begann ihren Dienst.

Mit dem Radio Radio hören

Sucht man bei Spotify nach Podcast zeigt einem die Musik-App eine schier endlose Auswahl an Formaten an. Podcasts werden immer beliebter. Den Anfangen machten Olli Schulz und Jan Böhmermann mit ihrem als Radiosendung gestarteten Format “Sanft und Sorgfältig”, das sich bei Spotify unter dem Namen “Fest und Flauschig” mittlerweile zum beliebtesten Podcast Deutschlands entwickelt hat.

Neben belanglosem Gerede gibt es zu jedem erdenklichen Thema ein Podcast, ob Sex-Podcast (die wir uns für euch angehört haben), politische Diskussionen oder wissenschaftliche Talks. Podcast können bei der Allgemeinbildung helfen. Ihre Vielfältigkeit kann manche aber auch überfordern.

Nazis missbrauchten das Radio

Übersichtlicher war die Auswahl an vertonten Inhalten vor rund hundert Jahren. Am 22. Dezember 1920 sendete die Deutsche Reichspost ein Weihnachtskonzert als erste Radioübertragung des Landes. Die erste regelmäßige Radiosendung Deutschlands war der Wirtschaftsrundfunk, der über Wirtschaftsnachrichten und Börsenkurse berichtete.

Das Potential des Mediums entdeckten die Nationalsozialisten für sich und nutzen es für propagandistische Zwecke. 1939 besaßen bereits 12 Millionen Haushalte im Deutschen Reich einen Volksempfänger. Große Teile der Bevölkerung waren täglich der Nazi-Ideologie ausgesetzt.

Podcasts von heute sind also kein neues Phänomen. Das Trägermedium mag sich geändert haben, doch sind es nicht mehr als Radiosendungen, die aktuell unter neuem Namen eine Renaissance erfahren.

Mit der Schreibmaschine schreiben

In den meisten Berufen stellt ein Computer, ob stationär oder als Notebook, den Mittelpunkt des Arbeitsalltags dar. Doch der Arbeitslaptop hat einen entscheidenden Nachteil: Neben der Nutzung beruflicher Anwendungen können mit ihm auch Facebook angesurft und auf Amazon geshoppt werden.

In einer Umfrage gaben 25 Prozent der Teilnehmer an, dass sie täglich am Arbeitsplatz das Internet für private Zwecke verwendeten. Dass es dabei über kurz oder lang zu Problemen mit dem Chef kommen kann, liegt auf der Hand.

Die Falle der Kreativen

Doch nicht nur im beruflichen Umfeld stört das Ablenkungspotential des Notebooks. Jeder, der mindestens ein Semester an einer Universität studiert hat, kennt das Problem. Der Abgabetag einer Hausarbeit rückt näher und dennoch ertappt man sich dabei, wie man auf YouTube Videos über die größten Food-Skandale der Geschichte anschaut, anstatt an seiner Gliederung zu feilen.

Zeit ohne Ablenkung

Voller Ablenkung und Versuchungen war die Welt des Schreibens nicht immer. Ganz im Gegenteil: Jahrhundertelang konnten im Büro oder Zuhause nur mühsam von Hand geschrieben werden. Eine Erleichterung für alle Büroangestellten, Kreativen und Studenten war die Erfindung der Schreibmaschine.

Begeistert von der ersten in Serie hergestellten Schreibmaschine “Skrivekugle”, zu deutsch Schreibkugel, war der Philosoph Friedrich Nietzsche. So sehr sogar, dass er dem Gerät ein Gedicht widmete:

Schreibkugel ist ein Ding gleich mir von Eisen

Und doch leicht zu verdreh'n zumal auf Reisen.

Geduld und Takt muss reichlich man besitzen

Und feine Fingerchen, um's zu benützen.

Das Gerät hatte mit typischen Schreibmaschinen noch nicht viel gemein, sondern erinnert eher an eine medizinische Apparatur der Renaissance. Ein Papier wurde auf eine einen Kolben gespannt, über dem die Schreibkugel mit den Buchstabentasten schwebte. Der Erfinder Malling Hansen wollte mit seinem Gerät Menschen mit schwachen Augenlicht ermöglichen, druckreife Schriften zu erstellen.

Aufgrund der Konstruktion konnte das Blatt nicht während des Schreibens kontrolliert werden. Wurde ein Fehler im Nachhinein entdeckt, musste die Seite komplett neu geschrieben werden – die Backspace-Taste war schließlich noch nicht erfunden. Einen Vorteil hat der Computer dank seiner Rechtschreibkorrektur und Löschtaste dann doch.

Waren die Menschen früher, die an Schreibmaschine, Volksempfänger oder Telefon saßen, also konzentrierter? Wir wissen es nicht. Sicher ist, dass wir als Technostress heute die kranke Seite der Digitalisierung bezeichnen. Und dass wir uns heutzutage nur allzu gerne ablenken lassen und die neuen Technologien noch viel stärker Teil unseres Alltags geworden sind, als es die Gerätschaften von gestern je hätten sein können.

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