Digital Life 

Der Selbstversuch: Woher kennt Google mich so gut?

Redakteur Jan Mölleken hat sich sein digitales Archiv in der Google-Cloud genauer angeschaut – und hat dabei Überraschendes erlebt.
Redakteur Jan Mölleken hat sich sein digitales Archiv in der Google-Cloud genauer angeschaut – und hat dabei Überraschendes erlebt.
Foto: Reto Klar
Google ist sprichwörtlich überall – jetzt hilft uns das Tech-Unternehmen sogar beim Bezahlen an der Kasse. Doch was weiß der Online-Gigant wirklich über mich?

Seit einer Woche können Nutzer in Deutschland ihren Einkauf mit ihrem Smartphone und dem Google-Pay-Dienst bezahlen. Ich bin begeistert von Technik. Und deshalb finde ich das ziemlich praktisch, selbst wenn ich dem Unternehmen damit noch etwas mehr über mich verrate. Kürzlich fragte mich ein Freund, ob es eigentlich noch etwas gebe, was Google nicht über mich wisse. „Vermutlich nicht“, antwortete ich im Scherz.

Als ich gründlicher darüber nachdenke, fällt mir auf: Google spielt tatsächlich eine große Rolle in meinem Alltag. Auch wenn ich privat eher ein iPhone von Apple nutze, steckt meine SIM-Karte oft testweise in neuen Smartphones mit Googles Betriebssystem Android. Außerdem nutze ich die Google Suche, den Chrome-Browser, die Google-Docs-Textverarbeitung und natürlich auch das Video-Portal Youtube, das auch zu Google gehört. Aber weiß Google deswegen alles über mich? Ich begebe mich auf Spurensuche im Google-Konto.

So gut kennt Google dich

Wer wissen will, was der Internetkonzern über ihn speichert, hat es nun vergleichsweise einfach: Entsprechend der neuen Datenschutzgrundverordnung, besser bekannt als DSGVO, können Kunden die von ihnen gespeicherten Daten komplett herunterladen. Vorher wählt man, welche der 51 Google-Dienste einbezogen werden sollen. Mein Ergebnis: 8,59 Gigabyte an Daten – obwohl ich Fotos und Videos schon herausgelassen habe. Ich erhalte etliche Ordner und Dateien, die sich teils nur umständlich öffnen lassen – für einen Überblick zu kompliziert.

Ich will wissen, was Google über mich denkt. Hier hilft ein Blick auf die Anzeigenpersonalisierung: Dort kann man sehen, wie Google die eigenen Interessen einschätzt. Meine Ergebnisse: „Bücher und Literatur“, „Rockmusik“, „Computer und Videospiele“, „Handys“ oder auch „Eltern“. Passend, aber nicht übermäßig spezifisch – dennoch, falsch ist keines der 18 Interessenfelder, die Google aus meinen Nutzungsdaten gefolgert hat.

Dein digitales Tagebuch

Doch welche Daten sind das eigentlich? Prüfen lässt sich das unter dem Punkt „Meine Aktivitäten“. Das ist eine Art persönliches Google-Protokoll. Es wird nach Tag, Monat und Jahr aufgelistet, was man gegoogelt hat, welche Webseiten besucht, welche Videos auf Youtube angesehen und wo man in dieser Zeit mit seinem Smartphone war.

Ich wähle im Filter den vergangenen Dienstag, als Google Pay vorgestellt wurde. Und finde 254 Einträge – mein digitaler Tag im Minutentakt. Los geht es um elf Minuten nach neun, da habe ich mit dem Fahrrad angehalten und auf Google Maps im iPhone nach dem Ort der Pressekonferenz gesucht. Google weiß das natürlich. Und zeigt mir sogar den Kartenabschnitt, den ich mir angeschaut habe.

Diese Apps hast du benutzt

Wenige Minuten später auf der Pressekonferenz habe ich das Android-Smartphone aus der Tasche geholt, das Android-Menü benutzt, kurz auf Whats-App geschaut und einige Fotos gemacht. Jeder Schritt ist minuziös aufgelistet. Etwa, dass ich zehn Wikipedia-Artikel aufgerufen habe. Um 11:38 Uhr habe ich nach dem Finanzdienstleister Wirecard gesucht und zuletzt um 16:11 Uhr den „Raumsonde“-Artikel geöffnet.

Warum, weiß Google nicht, nur dass ich dabei an einem Windows-PC saß. WhatsApp wurde laut Liste auf dem Android-Smartphone siebenmal geöffnet, Twitter nur zweimal. Dass beide Apps auf meinem parallel genutzten iPhone deutlich öfter aktiv waren, kann man hier nicht sehen.

Dafür aber, dass ich um 13:25 in der App Share the Meal 2,80 Euro via Goo­gle Pay gespendet habe – ein Test für die Bezahlung mit Google Pay. Als ich davon einen Screenshot machen wollte, habe ich das per Sprachbefehl versucht. Hat nicht geklappt, aber ich kann mir noch einmal anhören, wie ich „Mach einen Screenshot“ sage.

Google weiß, ob du zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bist

Ich rufe den Standortverlauf auf und klicke im Kalender wahllos auf einen Tag im vergangenen Jahr, den 19. Juli 2017. Keine Ahnung, was ich da unternommen habe – mal schauen, was Google noch weiß: Aha. Morgens war ich eine Dreiviertelstunde zu Fuß im Park – vermutlich mit meinem Sohn. Danach bin ich mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Das Verkehrsmittel habe ich Goo­gle nie mitgeteilt: Algorithmen erkennen an Route und Geschwindigkeit zuverlässig, ob ich zu Fuß, mit dem Rad, per Straßenbahn oder mit dem Auto unterwegs bin.

Mittags dann wieder mit dem Rad zu einer Adresse in Berlin-Mitte. Ach ja, der Termin über Lernroboter. Daran erinnere ich mich, weil Google mir die dort entstandenen Fotos direkt einblendet. Abends habe ich wohl noch einen Spaziergang zu einer Adresse gemacht, die mir fremd vorkommt. Ein Fehler? Ich google sie und erkenne das Gebäude wieder, vor dem ich meine Frau einmal von einem Weiterbildungskurs abgeholt habe.

Der Standort-Verlauf weckt alte Erinnerungen

Ich blättere vor und zurück: Tage, Monate, Jahre. Immer wieder sehe ich blaue Routen, die sich oft durch meinen Wohnort Berlin, manchmal aber auch viel weiter ziehen. Die meisten dieser Tage hatte ich längst vergessen. Und selbst die, die ich noch im Gedächtnis habe – den Urlaub in Italien letztes Jahr etwa – bergen versteckte Erinnerungen.

Ich stolpere über ein Routenknäuel und erinnere mich, wie wir orientierungslos und lachend nach der Hauptstraße suchten. Je länger ich blättere, desto mehr werden mir die blauen Linien zu Erinnerungsfäden, zur Handschrift eines Reiseprotokolls, das ich nie geschrieben habe.

Zwischendurch gibt es immer wieder Tage, an denen die Karte leer bleibt, teils wochenlang. Wohl weil ich dann weder ein An­droid-Gerät in Benutzung noch eine Google-App auf dem iPhone aktiviert hatte. Hier endet Googles Wissen abrupt – und seltsamerweise bedauere ich das, als wären es fehlende Seiten im Tagebuch.

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Diese Vorteile hat Googles Datensammelei

Ich erinnere mich an die Frage meines Freundes: Google weiß tatsächlich erschreckend viel über mich. Gleichzeitig ist das Wissen voller Lücken. Obwohl ich Google freiwillig sehr viel verrate, bleibt mein Werbeprofil allgemein, sehe ich meist Werbebanner, die mich nicht interessieren. Immerhin – all dieses Wissen über mich könnte ich jetzt mit einem Klick löschen; und ich kenne viele Menschen, die das nach solch einer Entdeckungsreise, ohne zu zögern, täten. Ich kann das gut verstehen.

Dann denke ich an Googles automatische Hinweise, wenn es mal wieder Stau auf dem Weg zur Arbeit gibt, daran, wie ich neulich im Verlauf diese tolle Webseite wiederentdeckt hatte, von der ich nicht mehr wusste, wie ich sie gefunden hatte, an die vielen Digital-Bequemlichkeiten. Vieles davon funktioniert nur, wenn Google all diese Dinge über mich weiß. Ich zögere und lasse den Mauszeiger unentschlossen über der Schaltfläche zum Löschen schweben. Mir fällt wieder der Tag in Italien ein, als wir uns verfahren haben. Grinsend schließe ich das Browserfenster.

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