Zwei schallisolierte Glaskästen auf einer Bühne. In jedem dieser beiden Kästen sitzen fünf junge Männer. Über der Bühne sind riesige Monitore angebracht. Um sie herum tausende, jubelnde Zuseher. Die zehn Männer bekommen in ihren Boxen nicht allzu viel von der Atmosphäre mit, sie dürfen sich vom Trubel nicht ablenken lassen, denn ihr Job erfordert höchste Konzentration: Sie sind Profisportler der etwas anderen Sorte, ihr Sport heißt Dota 2 und ist ein Videospiel.

Ende Oktober findet das ESL One Hamburg statt. Es ist das erste Major Turnier des Dota Pro Circuits 2017-18, die acht teilnehmenden Teams kämpfen dort vor zehntausenden Zuschauern um ein Preisgeld von einer Million US-Dollar. Damit befindet sich das Turnier in Punkto Preisgeld und Zuschauer in Schlagdistanz zu den prestigeträchtigen Tennisturnieren der ATP Tour, wie etwa der Gerry Weber Open in Halle in Westfalen oder den German Tennis Championships in Hamburg. Die breite Öffentlichkeit wird vom ESL One Hamburg dennoch nur wenig mitbekommen, denn jenseits von Gamer-Kreisen finden E-Sports nur wenig Beachtung.

Deutschland ist (k)ein weißer Fleck

Fakt ist: E-Sports boomen. Sie sind zu einem Millionengeschäft geworden, angetrieben vom asiatischen Markt und dem Interesse der jungen Generation, die keine so großen Ressentiments gegenüber Videospielen hat und keinen Unterschied zwischen Fußball, Skispringen, Golf oder professionellem Gaming macht. Zugegebenermaßen haben es die etablierten Medien nicht leicht, von den Vorgängen in der Szene zu berichten: die Gamer-Community bleibt gerne unter sich, spezialisierte Nachrichten-Portale richten sich in erster Linie an Leser, die selbst Gamer sind und dementsprechend über ein Grundverständnis der Funktionsweise der Spiele verfügen. Die Übertragungen werden in einer Form aufbereitet, der Einsteiger kaum folgen können. Das ist alles andere als niederschwellig.

Dabei braucht sich Deutschland in Sachen E-Sports nicht zu verstecken. Nicht umsonst findet hier eines der größten Turniere des Jahres statt, nicht umsonst ist der nach Karrierepreisgeld derzeit erfolgreichste E-Sportler der Welt der Berliner Kuro „KuroKy“ Salehi Takhasomi. KuroKy ist Dota 2-Profi und wird als Kapitän von Team Liquid in Hamburg vor Ort sein und versuchen, seiner Favoritenrolle gerecht zu werden. In Deutschland wird dennoch kaum jemand davon mitbekommen, denn die wenigsten wissen was Dota 2 überhaupt ist.

Was ist Dota 2 für ein Spiel?

Dota 2 ist ein MOBA (Multiplayer Online Battle Arena), in dem zwei Teams zu je fünf Spielern gegeneinander antreten. Jedes Team besitzt eine Basis mit einem Hauptgebäude (dem sogenannten Ancient), Ziel des Spiels ist es, den Ancient des gegnerischen Teams zu zerstören. Dazu wählt jeder Spieler zu Beginn des Spiels einen von derzeit 113 Helden aus, die alle über unterschiedliche Fähigkeiten verfügen. Diese Helden werden im Laufe jedes Spiels stärker indem sie Erfahrungspunkte und Gold sammeln. Durch Erfahrungspunkte steigen die Helden in höhere Levels auf, was ihr Kampfgeschick und ihre Heldenfähigkeiten (Skills) verbessert, mit Gold können spezielle Gegenstände erworben werden, die die Helden ebenfalls besser machen.

Ziel eines MOBA ist es, möglichst ausgeglichene Ausgangsbedingungen für beide Teams herzustellen. Die beiden Basen befinden sich folglich auf den gegenüberliegenden Seiten einer (fast) symmetrischen Map. In der Mitte der Karte befindet sich ein Fluss, der sie in zwei Hälften teilt. Verbunden sind die beiden Basen durch drei Wege (Lanes), die von jeweils drei Türmen gesäumt werden, die automatisch feindliche Einheiten attackieren. Zwischen den Lanes befinden sich Waldgebiete (Jungle).

Zu jeder vollen Minute werden in der Basis nicht-spielbare Einheiten gespawnet, sogenannte Creeps. Diese bewegen sich automatisch über die Lanes auf die gegenüberliegende Basis zu und bekämpfen feindliche Helden und Creeps. Die Creeps beider Teams sind gleich stark. Solange keine der Helden eingreift, treffen sie sich in etwa auf Höhe des Flusses in der Mitte der Karte und bekämpfen sich gegenseitig, ohne dass eine der beiden Seite die Oberhand gewinnen kann. Die Spieler können mit ihren Helden feindliche Creeps attackieren, um auf diesem Weg Gold und Erfahrungspunkte zu erlangen und langsam in Richtung der feindlichen Basis vorzurücken. Noch mehr Gold und Erfahrungspunkte gibt es dafür, einen der feindlichen Helden zu töten. Zusätzlich ist der ausgeschaltete Held danach für einige Zeit außer Gefecht gesetzt: umso höher das Level des Helden, desto länger ist die Respawn-Zeit.

Flinke Finger, taktischer Anspruch

Das klingt zunächst simpel, aber mehrere Faktoren tragen dazu bei, dass MOBAs, und insbesondere Dota 2, strategisch und taktisch zu den komplexesten Spielen überhaupt gehören. Das Taktieren beginnt bereits bei der Heldenauswahl. Bei Profiturnieren werden im Captain’s Draft zunächst Helden gebannt, die dann von keiner der beiden Seiten gewählt werden können, und dann abwechselnd die fünf Helden pro Seite ausgewählt, mit denen die Partie gespielt wird. Da jeder Held über individuelle Stärken und Schwächen verfügt, ergeben sich unzählige Möglichkeiten guter Combos. Außerdem sind manche Helden besonders stark gegen bestimmte andere Helden, wodurch die Teams versuchen, sich mit ihrer Heldenwahl gegenseitig auszukontern.

Während des Spiels geht es dann nicht weniger taktisch zu. Wie in anderen Mannschaftssportarten gibt es auch bei Dota 2 Aufstellungen. Ähnlich wie beim Basketball sind die Positionen von eins bis fünf durchnummeriert. Man unterscheidet zwischen Carries (also jenen Helden, die das Spiel „tragen“ sollen) und den unterstützenden Supports. Jede Position hat eine Aufgabe zu erfüllen, im Profibereich bleibt kein Spielraum, um aus der Rolle zu fallen – Mannschaftsdienlichkeit ist bei Dota 2 das oberste Gebot. Carries werden meist von den geschicktesten, reaktionsschnellsten Spielern gespielt, Supports müssen hingegen fähig sein, ein Spiel zu lesen und im taktisch richtigen Moment einzugreifen. Alle Spieler müssen aber nicht nur über die nötigen motorischen Fähigkeiten verfügen, um ihre Helden zu kontrollieren, sondern auch über das nötige Wissen rund um die Skills, Stärken und Schwächen aller 113 Helden.

Der König des E-Sports

Um MOBAs zu meistern, ist also eine Kombination aus taktischem, strategischem und spielerischem Geschick nötig. Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb gerade dieses Videospiel-Genre in E-Sports-Kreisen besonders beliebt ist. MOBAs sind ihrem Wesen nach für ein möglichst ausbalanciertes, kompetitives Spielerlebnis konzipiert. Alle Spieler starten mit den gleichen Voraussetzungen in die Partie, die Map ist so angelegt, dass sie keine der beiden Seiten bevorzugt. Nach jedem noch so einseitigen Spiel wird der Zähler wieder auf null gestellt. Das Spiel startet in einem perfekten Gleichgewicht: würde keiner der Helden eingreifen, würden die Creeps beider Fraktionen ewig aufeinander losstürmen, ohne das eine Seite die Oberhand gewinnt.

Fazit

Dota 2 ist aufregend – nicht nur für Spieler, sondern auch für die Zuschauer. Die einzelnen Partien dauern 30 bis 60 Minuten, längeres gegenseitiges Abtasten der Teams ist selten, die Geschwindigkeit ist hoch, ständig passiert irgendetwas, gerade als Neuling kann man der Action anfangs kaum folgen. Die verschiedenen Helden und die kleinen Details des Spiels nach und nach kennen zu lernen, trägt aber entscheidend zum Spaß- und Suchtfaktor von Dota 2 bei. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, der muss nicht extra nach Hamburg reisen: fast rund um die Uhr werden auf YouTube oder Twitch Dota 2-Partien gestreamt.

Wer noch mehr über das Spiel wissen möchte, der kann im zweiten Teil dieser Einführung etwas zur Entstehungsgeschichte von Dota 2 lesen. Außerdem werfen wir dort einen kurzen Blick auf andere MOBAs.

Lest auch unseren zweiten Teil zum Thema „Dota 2“, es gibt noch einiges mehr zu berichten!

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