Meinung 

Der Kevin-Spacey-Aufschrei, der keiner war – eine Selbstkritik

Die Missbrauchsvorwürfe gegen Kevin Spacey werden derzeit in den Medien und sozialen Netzwerken diskutiert, leider wird ein wesentlicher Punkt außer Acht gelassen
Die Missbrauchsvorwürfe gegen Kevin Spacey werden derzeit in den Medien und sozialen Netzwerken diskutiert, leider wird ein wesentlicher Punkt außer Acht gelassen
Foto: Imago
Nach #Aufschrei und #MeToo folgte die Spacey-Affäre und die Welt scheint darauf zu warten, was als Nächstes kommt. Über eine Debatte, die auch von den Medien falsch geführt wird.

Was war da eigentlich vergangene Woche los? Es fing an mit einem Vorwurf: Kevin Spacey, Hollywood-Schauspieler, Oscar-Preisträger und Lieblings-US-Präsident der Netflix-Zuschauer in der Erfolgsserie „House of Cards“, soll vor mehr als 30 Jahren seinen jungen Kollegen Anthony Rapp sexuell bedrängt haben. Ein schwerer Vorwurf natürlich. Und weiter?

Spacey outed sich als schwul, meint, sich an den Vorfall mit dem Kollegen zwar nicht zu erinnern, entschuldigt sich dennoch, will eine Therapie beginnen, Veranstalter wie die des Gründerfestivals Bits & Pretzels – in deren Riege Spacey erst vor kurzem als Partner aufgenommen worden war – distanzieren sich von dem Schauspieler. Und alle Welt schaut gern dabei zu.

Die Situation verschärft sich drastisch, als sich plötzlich alle Serien-Fans betroffen fühlen – weil Netflix erst die Dreharbeiten zur nächsten „House of Cards“-Staffel stoppt und nur wenige Tage später die Zusammenarbeit mit Spacey gänzlich beendet. Wohl aus Rücksicht auf die „House of Cards“-Kollegen, die sich plötzlich ebenfalls als von Spacey sexuell belästigt outen. Auch den von Spacey produzierten Film „Gore“, der 2018 anlaufen sollte, will Netflix nicht mehr veröffentlichen.

Spacey hat nichts mit Space zu tun

Vom Boulevard bis zum Wirtschaftsmagazin, alle berichteten über Spacey. Ja, sogar wir, das Tech-News-Portal der ehrwürdigen Funke Mediengruppe berichten darüber. Und zwar, weil Spacey durch die Bits & Pretzels Start-up-Gründer unterstützt und eben diese Rolle in einer Netflix-Serie hat, hatte, wie auch immer. Start-ups und Streaming sind sicher zwei wichtige Themen für uns. Aber jetzt mal ehrlich: Spacey hat nichts mit Space zu tun. Schande über unser Haupt!

Warum sind alle Medien nur so wild auf eine Geschichte, die, rein vom Thema her, im Boulevard und in den Gesellschaftsrubriken ihren Platz hat? Im Online-Journalismus zählen heute Klickzahlen, das ist klar. Was früher die Auflage war, sind heute Visits und Unique User. Schwierig wird es jedoch, wenn diese Zahlen missbraucht werden, um ein Thema, das dennoch wichtig ist, nur zu pushen, weil der Name eines Hollywood-Schauspielers im Titel steht.

Öffentlichkeit ist gut, Skepsis ist besser

Sicher, der Vorwurf gegen Spacey ist in jedem Fall ernstzunehmen. Berichtenswert ist er auch, schließlich handelt es sich um eine Person des öffentlichen Lebens. Dennoch ist es wie mit #MeToo, #IHave und wie sie nicht alle heißen: Die Digitalisierung bietet die gute und sinnvolle Möglichkeit, gesellschaftliche Debatten öffentlich zu machen, andere zu ermutigen, ihre Meinung zu sagen und auf Missstände, die sie vielleicht selbst erlebt haben, aufmerksam zu machen. Doch was, wenn die Debatte falsch geführt wird?

Erzähle mir niemand, er wäre nicht skeptisch gewesen, als urplötzlich dutzende Frauen Alyssa Milanos Aufruf #MeToo folgten und ebenfalls behaupteten, Filmproduzent Harvey Weinstein hätte sie sexuell belästigt. Ging es einer Angelina Jolie und Rose McGowan nicht vielleicht auch ein ganz kleines bisschen darum, sich in einer Reihe mit anderen Berühmtheiten im gleichen Schicksal suhlen zu können – um ein wenig PR eben? Ich weiß, das klingt böse. Aber skeptisch sein ist nun mal auch der Job der Medien. Vorschnell auf einen Zug aufspringen jedenfalls nicht.

Kommen wir zum Thema zurück

Das geht doch sehr vom eigentlich Thema weg. Das Thema ist Sexismus. Wie er sich auswirkt, was man dagegen tun kann, wo er anfängt und wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Das scheint derzeit wie weggeblasen. Ein #Spaceyhas oder ein #AnthonyRappToo gab es diesmal nicht. Kein neuer #Aufschrei. Kein zweites #MeToo. Das Ganze wirkt wie eine Farce. Ist die Twitter-Gemeinde noch zu müde von den jüngsten Hashtag-Aktionen?

Liebe Medien, liebe Twitterer, liebe Kommentatoren in den Sozialen Netzwerken und überall sonst, liebes Hollywood: Führen wir die Debatte wieder dahin, wo sie hingehört: in die Kneipengespräche mit Freunden und Familie, in den Schulunterricht, in öffentliche Diskussionsforen mit Opfern, Tätern, Soziologen und Psychologen. Führen wir die Debatte vor allem für alle Menschen. Nicht nur für Männlein, Weiblein, Homo- und Heterosexuelle, sondern für Transgender, Intersexuelle, einfach alle. Auch das wird in „Hollywood-Debatten“ wie denen um Weinstein und Spacey allzu gern vergessen.

Doch ein PR-Gag?

Ob Kevin Spacey nun schuldig oder unschuldig sein sollte, angeknackst ist sein Ansehen durch die Aktion erst einmal. „Schuldig“, übrigens auch so ein Wort... Aber das ist eine ganz andere Diskussion.

Vielleicht war das Ganze auch einfach nur ein extrem cleverer Schachzug eines findigen PR-Managers, so nach dem Motto: „Hey, Spacey, da ist dieser Vorwurf. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, dich als homosexuell zu outen. Mach mal, entschuldige dich, Therapie und so weiter. Wenn die Wogen sich geglättet haben, kommen wir nächstes Jahr dann trotzdem mit der neuen „House of Cards“-Staffel raus, dann ist sowieso wieder alles egal.“ Egal? Eben. Genau das sollte nicht der Sinn einer öffentlichen Debatte sein.

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