Meinung 

Das Internet braucht mehr männlichen Sex!

Weibliche Sexualität wird von Frauen ausgiebig beleuchtet. Männliche Blogger, die sich sinnvoll mit männlichem Sex auseinander setzen, sind dagegen rar.
Weibliche Sexualität wird von Frauen ausgiebig beleuchtet. Männliche Blogger, die sich sinnvoll mit männlichem Sex auseinander setzen, sind dagegen rar.
Foto: imago/ Photocase
Es ist längst überfällig, dass die Netzkultur auch einen Blick auf die männliche Sexualität wirft, findet unser Kolumnist Philipp Bovermann.

Es gibt im Internet wunderbare Blogs über die weibliche Sexualität. Ich habe dort viel gelernt. Zum Beispiel, dass die Klitoris nicht nur dieser kleine Knubbel ist, für den ich ihn gehalten hatte, sondern im Körperinneren weitergeht und als Ganze in etwa die Form eines Schwans hat. Neulich habe ich meine Freundin betrachtet, untenrum, und mir vorgestellt, dass da so ein stolzer, zärtlicher Schwan in ihr verborgen liegt. Das fand ich eine schöne Vorstellung. Dann dachte ich mir: Ich habe da angeblich irgendwo eine Prostata. Nur wo? Und was genau macht die eigentlich?

Die Frauen sind in puncto sexueller Selbstverständigung einfach weiter, seit die weibliche Lust in unzähligen Artikeln zum „Mysterium“ erklärt wurde, das es zu entdecken gelte. Erst kürzlich zog wieder eine Reporterin für das „Y-Kollektiv“ los, um etwas über Vulvas zu lernen. Eine „verbotene Zone“, wie sie im Video sagt. Das sei aber auch kein Wunder, denn „es gibt nicht mal ein richtig gutes Wort, das wir alle gerne benutzen.“

"Frauen eignen sich die Produktionsmittel der Lust an"

Dieses Argument habe ich inzwischen schon etliche Male gehört oder gelesen. Und mir jedes Mal gedacht: „Penis“ klingt doch jetzt eigentlich auch nicht besser. Es klingt wahlweise nach „Phallus“, Patriarchat, #metoo. Oder nach schrumpligem, kleinen Gürkchen. Toxische Potenz – oder Versagen und Schmach. Dazwischen gibt es scheinbar nichts. Nur ein gepresstes Keuchen bei der Ejakulation.

Frauen organisieren Masturbations-Workshops, ganz öffentlich auf Facebook, die ehemalige Kollegin Marina nimmt auch teil. Sie machen tantrische Meditation und „Vulva Watching“ und rezensieren Sex Toys. Es soll mittlerweile Dildo-Partys geben, auf denen nicht nur verschämt kichernde Frauen Sekt in sich reinschütten, um dann doch nichts zu kaufen, sondern so richtig hip. Die Frauen eignen sich die Produktionsmittel der Lust an. Darauf können sie zu Recht stolz sein.

Und die Männer? Auf lvstprinzip.de schreibt die Sexbloggerin Theresa Lachner: „Wenn ich mit Sextoys um mich werfe und die Freuden zervikaler Orgasmen predige, ist das Female Empowerment. Wenn ein Mann sich einen runterholt: irgendwie erbärmlich.“

Die einzige männliche Sex-Bewegung verzichtet auf Masturbation und Pornografie

Da hat sie wohl Recht. Die einzige Auseinandersetzung mit der männlichen Sexualität durch die Männer selbst findet im Netz unter dem Hashtag #nofap statt. Es geht bei dieser Bewegung um den Verzicht auf Masturbation und Pornografie, weil das angeblich stärker macht.

Dabei sei doch gerade die Pornografie für Männer gemacht, heißt es, sie spiegele den „männlichen Blick“. So sagen es feministische Porno-Filmemacherinnen, die dem eine weibliche Sexualität entgegensetzen wollen. Sie zeichnet sich meistens durch den Verzicht auf die typisch übertriebene „Porno-Ästhetik“ aus. Die Geschichten sind natürlicher, die Körper authentischer. Heißt das im Umkehrschluss also, die männliche Sexualität kennzeichne sich durch Künstlichkeit?

Für mich hat es nichts mit einem „männlichen Blick“ zu tun, wenn ein eisern schweigender Gangbanger sämtliche Körperöffnungen einer „slut“ durchrammelt und ihr final ins Gesicht spritzt – excuse my French! –, sondern mit ekligen Macht-Codes. Wenn das die männliche Sexualität sein soll, na dann gute Nacht!

"Touch me not" wirft einen Blick auf männliche Lust und Emotionen

Einen viel subtileren und klügeren Hinweis auf sie habe ich neulich in einer Filmkritik entdeckt. Der Film „Touch Me Not“ hatte dieses Jahr den Goldenen Bären gewonnen, den Hauptpreis der Berlinale. Es geht in der Doku um die Sexualität körperbehinderter Menschen. Die beiden Kritiker schreiben über den Protagonisten Christian, dessen Körper „durch eine spinale Muskelatrophie zu einem winzigen Bündel nutzloser Gliedmaßen geschrumpft“ ist. „Speichel läuft ihm aus dem Mund, den er nicht schließen kann. Drei sehr steile, angefaulte Zähne ragen heraus.“

Dieser Christian allerdings präsentiert sich im Film nicht als ein Häufchen Elend, sondern als wach, selbstbewusst – und als Mann: „Man sieht ihn mit seiner nichtbehinderten Frau, die ihn mit mütterlicher Fülle trägt und umhüllt, man spürt ihre besondere, intime Beziehung. Dann spricht er darüber, wieviel Freude ihm sein Penis macht, wie normal er funktioniert, wie stolz er auf dessen Größe ist.“

Darin eröffnet sich die Ahnung einer unschuldigen Entdeckungsfreude an der männlichen Lust. Es brauchte dafür diesen Christian, der in der körperlichen Leistungsgesellschaft sozusagen außer Konkurrenz steht. Wenn er sich an der Größe seines Penis freut, dann nicht als Teil eines universellen Schwanzvergleichs, es geht nicht um „Potenz“, um Macht, um Dinge, die mit der männlichen Sexualität ständig verwechselt werden, auch von Feministinnen und Feministen. Diese Verwechslung, behaupte ich, ist aber der Kern der „Rape Culture“, also eines gesellschaftlichen Klimas, in dem Sex stets in Gewalt umzukippen droht.

Die männliche Sexualität muss im Netz entdeckt werden

Wo zum Teufel bleibt also eine Netzkultur, die sich der Entdeckung der männlichen Sexualität verschreibt? Ich würde gern männliche Sexblogger lesen, die irgendwas anderes als immer nur Cunnilingus-Anleitungen schreiben und wie man am besten Frauen im Urlaub abschleppt. Es dürfte auch mal nicht um die sexuelle Performance und „Potenz“ gehen – sondern um, Achtung: Gefühle. Um Unsicherheiten. Um komische, krumme Penisse, um solche, die nicht auf Knopfdruck militärisch stramm stehen. Ich hätte Lust auf ein männliches Pendant zu OMGYes.com. Ich hätte Lust auf männliche, feministische Filmemacher.

Falls du, der du diese Zeilen liest, also ein Mann bist und dich zufällig für Sex interessiert: Worauf wartest du? Ich freue mich darauf, dich zu lesen. Glaub mir: Ich bin nicht der Einzige.

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