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„Ich hatte früher Angst vor dem Nerd-Klischee“: CODE-University-Gründer Thomas Bachem im futurezone-Interview

„Das Informatik-Studium bietet nur Frustration“, findet Thomas Bachem. Deshalb hat er die CODE gegründet.
„Das Informatik-Studium bietet nur Frustration“, findet Thomas Bachem. Deshalb hat er die CODE gegründet.
Foto: Manuel Dolderer
Kaum eine Hochschule bereitet richtige Entwickler aus, meint Thomas Bachem. Deshalb hat er selbst eine Hochschule gegründet, die CODE University Berlin. Im Interview erzählt er von den Hürden, die er dabei nehmen musste.

Thomas Bachem ist Software-Entwickler, hat aber selbst nicht Informatik studiert, sondern an einer Business School. Deshalb gründete er nach dem Studium auch erst einmal ein paar Unternehmen. Lebenslauf.com ist das bis heute erfolgreichste, mittlerweile gehört es zu XING. Aktuell ist er noch als Business Angel für andere Start-ups sowie als Mitgründer vom Bundesverband Deutsche Startups e.V. ehrenamtlich tätig.

Seine volle Aufmerksamkeit gilt jedoch seinem neuesten Projekt: Der CODE University Berlin. Gemeinsam mit seinen zwei Partnern sowie Professoren und Dozenten aus der Start-up-Branche will er Studenten für die digitale Zukunft ausbilden.

Und das nicht wie an einer normalen Hochschule: Der Praxisbezug sowie der Austausch untereinander und mit den Unternehmenspartnern steht im Vordergrund. Das kostet stolze 30.000 Euro. Mit einer einkommensbasierten „Späterzahlung“ oder einer Sofortzahlung in Raten soll die Chancengleichheit jedoch hergestellt werden.

Staatlich anerkannt ist die CODE noch nicht. Bachem und seine Partner arbeiten daran. Im futurezone-Interview spricht er über die Nachteile des Informatik-Studiums, die Vorteile einer Hochschule als GmbH und die Nerds von heute.

futurezone: Langsam nimmt das Projekt CODE University Formen an. Sie bezeichnen die Hochschule, die Programmierer und Produktmanager ausbilden soll, als „komplett neu gedacht“. Was bedeutet das genau?
Thomas Bachem: Es gibt drei Säulen, die uns anders machen als bestehende Hochschulen. Die erste ist die Art der Studiengänge: Software Engineering, Interaction Design und Product Management. Damit grenzen wir uns sowohl zum Begriff der Informatik ab, der das theoretische Fundament beschreibt, als auch zum klassischen Design, dem die technologische Komponente häufig fehlt sowie zur BWL, bei der das Digitale heute häufig zu kurz kommt.

Wir lehren nicht nur, wie die Software funktioniert, sondern, wie sie entsteht und gut benutzbar wird. Zweitens setzen wir auf eine stark projektbasierte Lehrmethodik ein, die über das klassische Lehrmodell hinausgeht. Theorie pauken zu müssen, ohne zu wissen, wofür man sie später braucht, führt zu Frustration und Interessenverlust seitens der Studierenden. Unter anderem deshalb sind auch die Abbrecherquoten so hoch. Klassische Fachhochschulen gehen nicht über vereinzelte Projektarbeit hinaus.

Unsere Studierenden werden in Teams mit Kommilitoninnen und Kommilitonen bis zu ihrem Abschluss an zehn bis 15 Projekten gearbeitet haben, die wir mit unseren Professoren und Unternehmenspartnern gemeinsam konzipieren. Das nötige Wissen und fehlende Kompetenzen werden dann parallel in Seminaren, Workshops und über unsere E-Learning-Plattform vermittelt.

Drittens bieten wir ein großes Netzwerk und integrieren uns und unsere Studierenden intensiv in die Tech-Szene Berlins.

Da höre ich Ihre Erfahrung mit dem Thema heraus. Sie sind ja auch Software-Entwickler.
Das stimmt, obwohl ich Informatik nicht studiert habe, sondern BWL an einer Business School. Ich dachte mir, damit kann man nichts mit falsch machen. Während meines Studiums fragte ich mich jedoch: Wieso kann das System der Business School nicht auch auf den Informatik-Bereich übertragen werden? Die kleinen Gruppen, der persönliche Kontakt zu den Dozenten, davon könnte auch die Ausbildung von Techies profitieren

Welche Unternehmen sind bei der CODE bereits dabei?
Aktuell sind wir in Gesprächen mit Zalando, Trivago, Check24, Otto, Facebook und vielen weiteren. Auch für ihre eigenen Mitarbeiter sehen die Unternehmen in der Kooperation eine Chance, über den Tellerrand hinauszublicken.

Woher genau kam dann die Idee, selbst eine Hochschule zu gründen?
Primärer Auslöser war meine ganz persönliche Erfahrung. Ich bin damals vor dem Informatik-Studium auch zurückgeschreckt, weil ich Angst vor dem Klischeebild des Nerds hatte. Der war damals eben noch nicht cool.

Aber mittlerweile schon, oder?
Das sagen immer alle, aber seien wir ehrlich: So richtig cool ist der Nerd immer noch nicht. Das Klischee hat sich nur dahingehend gewandelt, dass sich mittlerweile die Hipster als Nerds bezeichnen. Aber die ursprünglichen Nerds – die, die angeblich nur mit schwarzen T-Shirts und langen Haaren am Rechner sitzen und Pizza essen – sind noch immer uncool. Und dieses Klischee haftet der Informatik doch immer noch an.

„Ich habe einfach Spaß daran, Ökosystem-Themen zu machen“

Was kam nach der Angst vor dem Nerd-Klischee?
In den Jahren nach meinem Studium habe ich einige Internet-Unternehmen gegründet, meistens in der Rolle des CTO, also desenigen, der auch die Entwickler und Designer einstellt. Dabei habe ich gemerkt, dass ein Informatik-Abschluss von einer Uni meistens keine Aussage darüber trifft, ob ein Bewerber wirklich Software entwickeln kann.

Und dann kam wieder die Frage: Wie kann es sein, dass es in einem Feld, in dem massiv Leute gesucht werden, keinen Abschluss gibt, der unseren Ansprüchen gerecht wird? Diese Erkenntnis haben mir auch andere Unternehmer in zahlreichen Gesprächen bestätigt. So ist dann die Idee für die CODE in mir gereift .

Gründet man eigentlich eine Hochschule, um Geld zu verdienen?
Eher nicht. Zumindest ist das ein sehr steiniger Weg. Ich habe einfach Spaß daran, Ökosystem-Themen anzugehen. Das habe ich schon bei der Gründung des Verbands Deutscher Startups gemerkt.

Wie schwer ist es, eine Hochschule aufzubauen?
Für mich war das am Anfang ein Buch mit sieben Siegeln. Die erste Frage, die sich stellte, war, welchen Weg wir wählen: Eben den steinigen Weg hin zur staatlich anerkannten Hochschule oder den einfacheren mit der Gründung einer Akademie, also einer nicht akkreditierten Institution, mit der wir zwar keine Abschlüsse, aber Zertifikate vergeben könnten.

Ich hatte das große Glück, meine beiden heutigen Mitgründer Manuel Dolderer und Jonathan Rüth zum richtigen Zeitpunkt kennengelernt zu haben. Die beiden haben mich darin bestärkt, den Hochschulweg zu gehen. Für die Ernst Klett AG hatten die beiden bereits eine private Hochschule aufgebaut und konnten mir dadurch die Angst vor dem bürokratischen Aufwand nehmen.

„Das Land Berlin hat eine liberale Einstellung zur Gründung neuer Hochschulen“

Mit welcher Rechtsform betreiben Sie das Projekt aktuell?
Wir sind eine GmbH, das nennt sich bei Hochschulen dann Trägergesellschaft. Für eine staatlich anerkannte CODE benötigen wir eine institutionelle Akkreditierung für die Hochschule selbst und eine Programmakkreditierung, für die einzelnen Studiengänge.

Das Verfahren des Landes Berlin zur Gründung neuer Hochschulen erlaubt es uns, zunächst mit der institutionellen Akkreditierung zu starten und die Programmakkreditierung nach dem Studienstart zu beginnen.

Für die institutionelle Akkreditierung haben wir im letzten Herbst einen mit dem Land Berlin besprochenen 140-seitigen Antrag beim Wissenschaftsrat eingereicht. Das Prüfungsverfahren läuft aktuell noch. In knapp zwei Monaten werden wir das Ergebnis erfahren.

Und was würde passieren, wenn der Antrag nicht durchginge?
Wir sind zuversichtlich, dass es nicht dazu kommt. Und selbst wenn, wäre die Anerkennung wahrscheinlich mit ein paar Auflagen verbunden, die wir erfüllen müssten. Ansonsten gibt es natürlich einen Plan B. Den verrate ich an dieser Stelle aber noch nicht.

Kann man eine GmbH sein und trotzdem staatlich anerkannte Abschlüsse anbieten?
Absolut. Es ist wichtig, dass eine Hochschule auch stabil ist und funktioniert. Das sorgt im besten Fall für mehr Ernsthaftigkeit und Vertrauen ihr gegenüber. Auch ein Bachelor an einer staatlich anerkannten Hochschule kostet im Schnitt 24.000 Euro, wird aber natürlich aus dem Steuertopf bezahlt. Durch den Hochschulpakt bekommt das Land Berlin staatliche Subventionen für unsere Studierenden, wir sehen davon aber gar nichts.

„Damit wir nicht nur Techies haben“

Sie sprechen auf Ihrer Website davon, dass Sie „die Pioniere von morgen“ ausbilden wollen. Welche Kompetenzen bekommen Ihre Studierenden am Ende mit auf den Weg?
Dafür entwickeln wir gerade noch ein Kompetenzraster mit den 30 wichtigsten Kompetenzen für unsere drei Fachbereiche entwickelt, die die Studenten individuell herausbilden sollen. Außerdem bieten wir einen Track an, der für alle verpflichtend ist und sich „ Science, Technology & Society Program“ nennt. Das ist unser Studium Generale – damit wir Techies ausbilden, die über den Tellerrand hinausschauen können.

Hat das Studium Generale trotzdem einen Tech-Hintergrund?
Es beschäftigt sich schon weitestgehend mit Technologie und ihrem Verhältnis zur Gesellschaft. Wir wollen aber auch bewusst Irritationspunkte setzen, beispielsweise mit Angeboten aus den Bereichen Musik oder Philosophie. Der Blick über den Tellerrand ist wichtig, das ist auch unser Bildungsauftrag.

Sie wollen Ihren Studenten nicht vorschreiben, wie lange sie zu studieren haben. Dennoch kann es sein, dass einige Studenten mehr Zeit benötigen, um bestimmte Levels und letztlich ihren Abschluss auch zu erreichen. Sie könnten Gefahr laufen, die Regelstudienzeit zu überschreiten und exmatrikuliert zu werden.
Darüber, wie lange die einzelnen Studierenden studieren können oder dürfen, entscheiden wir als Hochschule selbst. Da wird die Zeit zeigen, welche Regelungen sinnvoll sind.

Aber Studierende an staatlichen Hochschulen bekommen mittlerweile einen Brief mit dem Datum, an dem sie fertig sein müssen.
Bei uns wird es immer eine Einzelfall-Entscheidung sein, bei der wir uns sehr genau die Gründe und individuellen Umstände anschauen, die zur verlängerten Studiendauer geführt haben. Natürlich wird es eine Mindestlaufzeit bei uns auch in irgendeiner Form geben.

„Universitäten denken nicht fakultätsübergreifend“

Im Orientierungssemester lernen die Studenten ihre Stärken und Schwächen kennen, erst dann entscheiden sie sich für ihren Studiengang. Das klingt nach einem sinnvollen Konzept für die Zukunft. Wieso, glauben Sie, beherzigen das so wenige Hochschulen in Deutschland?
Gute Frage, das weiß ich auch nicht so genau. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass die Hochschulen die Berufsorientierung nicht als ihre Aufgabe sehen. Da fehlen die Anreize Und es wird nicht fakultätsübergreifend gedacht.

Zum Oktober sollen die ersten Studenten an der CODE starten. Wie ist der aktuelle Stand der Bewerbungen?
Aktuell haben wir über 400 Studienbewerber. Davon kommt knapp ein Drittel aus dem internationalen Raum, von Spanien und Polen über Nigeria und Indien bis Australien und die Türkei. Unser Zahlungsmodell ist natürlich für viele internationale Bewerber spannend, auch für die aus wirtschaftlich schwächeren Regionen.

„Viele Bewerber werden die Dozenten alt aussehen lassen“

Und wie ist der erste Eindruck der potenziellen CODE-Studenten?
Nächste Woche haben wir die ersten Kandidaten zum persönlichen Gespräch nach Berlin geladen. Das wird spannend. Viele der Bewerber sind schon richtig auf Zack, weil sie viel Vorerfahrung haben. Gerade in aktuellen Technologien werden sie sicherlich einige der Dozenten alt aussehen lassen.

In diesen Räumen der Factory entsteht die CODE University. Ihr wollt auch auf die CODE? Dann könnt ihr euch auf der Website bewerben. Der Bewerbungsprozess ist in drei Stufen geteilt. Bewerbungen für den ersten Jahrgang im Oktober 2017 sind noch bis August möglich.

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