Auch durch das Zutun von Politikern wie Donald Trump haben Begriffe wie Fake News, Hate Speech und Klimawandel sich zu Schlagwörtern in für unsere Gesellschaft wichtigen Debatten entwickelt. Doch wie viel Politisierung ist zu viel? Darüber diskutierten auf der Gesellschaftskonferenz re:publica die österreichische Journalistin und Publizistin Ingrid Brodnig und Carel Mohn, Leiter des Projekts klimafakten.de.

Eines ist den beiden gleich klar: Wenn Politiker Themen wie den Klimawandel oder die Digitalisierung nutzen, um sie mit Begriffen wie Fake News negativ zu prägen, ist es an der Zeit, sie nicht mehr zu verwenden. Sie würden sich sonst nur selbst kannibalisieren und eine sinnvolle Debatte verhindern.

Doch warum funktionieren Falschmeldungen?

„Sie emotionalisieren“, meint Brodnig. „Es ist nun einmal etwas anderes, eine Debatte mit den Begriffen Lügenpresse und Fake News zu beginnen, da hast du dein Publikum gleich emotional gepackt.“ Dazu käme die ständige Wiederholung, wie sie beispielsweise Trump zelebriere. Sicher, durch ständiges Wiederholen wird eine Behauptung nicht richtiger. Studienergebnisse sprechen jedoch sehr dafür, dass Menschen, je öfter sie eine solche hören, stetig mehr an sie glauben. Irgendwann sind die Zuhörenden schließlich von der Richtigkeit einer Aussage überzeugt – selbst wenn sie falsch ist.

Diesem Ergebnis stimmen viele Experten zu, auch Experten aus dem Kommunikationsbereich. Sonst würde wohl auch nicht der Kommunikationscoach Klaus-Dieter Werry in seinem Buch „Führung“ von der sogenannten „gemachten Wahrheit“ sprechen, mit der es gelingen soll, andere von der eigenen Kompetenz zu überzeugen. Mehr noch: Das Lügen ist inzwischen als ein tief in uns steckender Charakterzug von Sozial- und Neurowissenschaftlern anerkannt worden. Hinzu kommt, dass ein Großteil unseres Wissens den Erzählungen anderer entnommen wurde und wird. Und weil wir unseren Mitmenschen erst einmal vertrauen, sind wir „gewissermaßen wesenhaft leichtgläubig“, sagte Tim Levine, Psychologe an der University of Alabama in Birmingham dem Magazin Stern.

Politisierung muss nicht schlecht sein

Perfekte Voraussetzungen also für eine Politisierung auch des Klimawandels. Aber muss das überhaupt etwas Schlechtes bedeuten? Nein, findet Mohn. „Es kann doch auch helfen, wenn Politiker, denen viele Menschen zuhören, wichtige Themen wie den Klimawandel aufgreifen und Stellung beziehen.“ Solange es keine Lagerbildung zwischen den Parteien gebe, wäre das in Ordnung, entgegnet Brodnig. Genau das passiere aber aktuell: ein parteiideologischer Grabenkampf.

„Wie sollen wir den Klimawandel gemeinsam angehen, wenn sich noch nicht einmal die Republikaner und die Demokraten darüber einig sind, ob ein wissenschaftlich belegtes Phänomen wie die Erderwärmung wirklich stattfindet oder nicht? Und wie soll überhaupt ein einzelner Politiker, der um den Klimawandel weiß, dazu klar Stellung beziehen, wenn seine Partei sich klar dagegen ausspricht?“

„Zugehörigkeits- und Identitätsgefühl siegt über Bildung“

Die Wissenschaftlichkeit des Klimawandels sei Teil des problematischen Diskurses. „Du wirst keinen Klimawandelgegner allein mit Fakten vom Gegenteil überzeugen können“, sagt Mohn. Eine Studie von 2015 an der University of Western Australia kam zu demselben Schluss. Auf wissenschaftlichen Fakten basierende Informationen können falsche Überzeugungen nicht widerlegen . Mehr noch würden sich beispielsweise auch Impfgegner durch harte Fakten, die für das Impfen sprächen, nur in ihrem Glauben bestärkt fühlen. „Jedes Mal, wenn man versucht, einen entsprechenden Sachverhalt richtigzustellen, geht man das Risiko ein, vertraute Informationen noch vertrauter zu machen“, so eine der australischen Forscherinnen. „Zugehörigkeits- und Identitätsgefühl siegt eben über Bildung“, bestätigt Mohn. Das gelte für die Impfgegner-Fraktion ebenso wie für die Fake News-Anhänger und Klimawandelzweifler.

Mehrheit der Deutschen glaubt an Klimawandel

Mit Fakten seien Narrative, beispielsweise auch von Rechtspopulisten nicht zu bekämpfen. „Auch Fakten müssen bis zu einem gewissen Grad emotionalisiert werden“, sagt Brodnig. Und damit meint sie nicht eine emotionale Aufgeladenheit einer durch die AfD getriebenen Debatte wie die „Flüchtlingskrise“ – das sei wieder so ein negativ behaftetes Wort. Fakten und Emotionen – wie genau das zusammengeht, bleibt in dieser Diskussionsrunde offen. Aber es ist ein Denkanstoß.

Aber immerhin, so Brodnig und Mohn, würden nur zehn bis 16 Prozent der Deutschen den Klimawandel als Fakt ablehnen. Das sei nicht besonders viel. „Wir brauchen die Wertvorstellungen der verbleibenden 86 Prozent, die an die Erderwärmung und ihre Auswirkungen glauben“, sagt Mohn. „Mit ihnen können wir in unsere Zukunft investieren.“

Den Medien rät der Klima-Experte zu mehr Haltung. Insbesondere, wenn es um wissenschaftliche Fakten gehe, sei die journalistische Pflicht einer ausgeglichenen Berichterstattung falsch. „Wenn in einer Talkshow ein seriöser Klimaforscher auf einer Ebene mit einem Quacksalber diskutieren muss, nenne ich das eine false balance.“ Mit mehr Werten des Einzelnen und mehr Haltung der Medien könne eine sinnvolle Debatte geführt werden.

Der Debatte den „negativen Touch“ nehmen

Was ist überhaupt wissenschaftliche Wahrheit? Darüber solle zunächst viel grundsätzlicher öffentlich geredet werden, finden die beiden Experten auf der Bühne. Wenn wir Wissenschaftler und ihre Arbeitsweisen näher kennenlernen würden, würden wir uns ihnen zugehöriger fühlen und ihnen mehr Glauben und Vertrauen schenken können. „Menschen, die forschen, sind eben auch nur Menschen“, so Mohn.

„Nehmen wir den Debatten ihren negativen Touch“, fordert Brodnig. Sprechen wir nicht über Fake News, sondern Falschmeldungen, sprechen wir nicht über Klimawandel, sondern vielleicht Erdsterben. Das ist wie Waldsterben, das holt einen viel mehr ab, emotional eben.“

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