Für den Erhalt einer Gesellschaft sind nach einer Studie der Princeton Universität Einzelgänger:innen wichtig. Das gilt zumindest für Schleimpilze. Allerdings könnten wir das auch auf die menschliche Gesellschaft übertragen.

Einzelgänger:innen als „Versicherungsplan“

Princeton-Forschende konnten empirisch nachweisen, dass Einzelgänger:innen im gesamten Tierreich wahrscheinlich sowohl ein ökologischer als auch ein evolutionärer „Versicherungsplan“ sind. Sie geben eine „Möglichkeit, ein genetisches Portfolio zu diversifizieren, um das Überleben des sozialen, kollektiven Verhaltens zu sichern.“ Antisoziale Tendenzen könnten Einzelgänger:innen gegenüber Gruppenbedrohungen unverwundbar machen.

Im Tierreich werden Tiere als Einzelgänger:innen angesehen, die beispielsweise Gruppenwanderungen überspringen. Im Pflanzenreich sind es diejenigen Pflanzen, die Tage vor oder nach dem Rest der Art blühen. Es gibt sie überall.

Definition: Einzelgänger(in)
„Einzelgänger, allgemeiner Begriff für ungesellig lebende Individuen. Ist dies dauerhaft, also bei arttypisch einzelgängerischer Lebensweise, spricht man auch von solitär lebenden Tieren (z. B. Faultiere). Aber auch bei normalerweise geselliger Lebensweise wandern Tiere vorübergehend oder zeitweilig einzeln umher, bei manchen Tierarten sind es oft alte Männchen; manchmal werden Individuen von der Gruppe aufgrund von z. B. körperlichen Anomalien oder Krankheitserscheinungen ausgeschlossen (Ausstoßungsreaktion, Ausschlußreaktion)“, laut Spektrum (Lexikon der Biologie).
Definition

Einzelgänger:innen bei den Menschen

Corina Tarnita, außerordentliche Professorin für Ökologie und Evolutionsbiologie in Princeton erklärt, wie weit verbreitet das „Phänomen“ der Einzelgänger:innen ist:

„Individuen, die mit der Mehrheit der Bevölkerung nicht synchron sind, gibt es auch bei der Menschheit. Wir nennen sie Außenseiter:innen oder Genies, Widersprüchliche oder Visionär:innen, sehr abhängig davon, wie der Rest der Gesellschaft über ihr Verhalten denkt, aber sie existieren sicherlich.“

Corina Tarnita

Die Studie: Dieses Verhalten sehen wir bei Amöben

Bisher hatten Evolutionsbiolog:innen Schwierigkeiten dabei herauszufinden, ob Einzelgänger:innen zufällig sind, oder Teil einer Überlebensstrategie. Es ist schwierig unvorhersehbare Ausreißer:innen zu studieren. Außerdem sei ein kollektives Verhalten immer so auffällig und großartig, dass man dazu neige, sich das anzusehen, was auffällig ist. Doch diesmal identifizierten die Forschenden Einzelgänger-Amöben in einem Schleimpilz und betrachteten diese.

Amöben verbinden sich bei einem drohenden Hungertod mit anderen Amöben zu einem Klumpen und warten auf Insekten, an die sie sich anheften können. Einzelgänger-Amöben machen das nicht.

Die Forschenden fanden heraus, dass Einzelgänger-Amöben wahrscheinlich zurückkehren werden, wenn Nahrung zurückkkommt. Sogar verschiedene Unglücke und Krankheiten, die in den Amöben-Klecksen vorkommen können, überleben Einzelgänger-Amöben wahrscheinlich.

Ist etwas fehlerhaft mit Einzelgänger-Amöben?

In mindestens einer vorherigen Untersuchung, wurden die Einzelgänger-Amöben als „Fehler“ betrachtet und nicht weiter beachtet. Doch Corina Tarnita begann sich gerade für diese zu interessieren.

Die Einzelgänger-Amöben aßen, wenn sie Nahrung bekamen, sie konnten sich teilen und Nachkommen zeugen und alles andere tun, was ein gesunder Schleimpilz tun konnte. Die Wissenschaftler:innen konnten also keinerlei fehlerhaftes Verhalten der Einzelgänger-Amöben finden.

Das bedeutet das Amöben-Verhalten wahrscheinlich

„Die Einzelgänger, die sich zurückhalten, könnten daher als Absicherungsstrategie dienen, um sicherzustellen, dass ein Schaden für die Mehrheit nicht die gesamte Bevölkerung oder ihre soziale Fähigkeit auslöscht“, so die Forschenden.

„Mit anderen Worten und widersinnigerweise könnten die Einzelgänger der Schlüssel zur Erhaltung des sozialen Aspekts dieser Systeme sein – sie selbst sind nicht sozial, was sie gegenüber den Arten von Bedrohungen, denen Kollektive ausgesetzt sind, unverwundbar macht.“

Auch interessant: Zwar sind die Einzelgänger-Amöben nicht sozial, ihre Nachkommen können es aber unter den richtigen Bedingungen sein.

Außerdem entdeckten die Wissenschaftler:innen in der Studie, dass die Einzelgänger nicht zufällig sind: sie haben ein vererbbares Einzelgänger-Verhalten. Zudem stagniert ihre Anzahl, wenn die Population wächst.

Weitere spannende Studien

Ob du zu den Einzelgänger:innen gehörst oder nicht: Kannst du gut „Bullshitten“, könnte das ein Zeichen für besondere Intelligenz sein. Nutzt du Social Media? Darum vergleichen wir uns bei Instagram mit anderen – ob bewusst oder unbewusst.

Quelle: Spektrum, EurekAlert! AAAS, Studie „Eco-evolutionary significance of ‚loners’”, veröffentlicht in PLos Biology.

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