Der vierrädrige Roboter macht dem Unkraut auf dem Rübenacker den Garaus, er scannt den Boden mit seiner Kamera, entdeckt das unerwünschte Pflänzchen, zerstört es. Die Drohne schwirrt über dem Mais, wirft Eier von Schlupfwespen ab. Diese machen sich, einmal geschlüpft, über die Raupen her, die sich auf dem Feld tummeln.

Der Traktor fährt ferngesteuert, der Landwirt sitzt in seinem Büro, auf seinem Computerbildschirm laufen jede Menge Daten ein darüber, wie üppig die Pflanzen wachsen, der Boden beschaffen, ob Dünger nötig ist.

Science-Fiction auf dem Land

Die Digitalisierung revolutioniert Acker, Bauernhof und damit die Produktion von Lebensmitteln. Die großen Verbände der Bauern – der Deutsche Bauernverband, die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, die Landwirtschaftskammern, der Raiffeisenverband und der Zentralverband Gartenbau – sehen in ihr ein Mittel, „moderner, effizienter und nachhaltiger“ zu werden. Das ist ihr neues Ziel. Um dies zu erreichen, haben sie erstmals gemeinsam eine „Ackerbaustrategie“ entwickelt.

Die Landwirtschaft steht unter Druck

Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, spricht von einem „Instrumentenkasten für die Zukunft“. So soll zum Beispiel der Einsatz von Spritzmitteln verringert, Schadstoffbelastungen von Böden verhindert, die Düngung verbessert, Treibhausgasemissionen eingedämmt und die Biodiversität gefördert werden.

Zugleich müsse, betonte Rukwied, die Ernährung der Bevölkerung gesichert bleiben, die Wirtschaftlichkeit der Betriebe auch. Dazu enthält das Zukunftskonzept verschiedene Maßnahmen. Etwa sollen „Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz“ weiter entwickelt werden und moderne Technik eine größere Rolle spielen. „Digitalisierung nutzen“ heißt es in einem dazugehörigen Strategiepapier.

Es ist der Auftakt zu einer Debatte über die Zukunft der Landwirtschaft. Die Bauern preschen mit ihren Ideen voran – Rukwied sagt „proaktiv“. Denn die schwarz-rote Bundesregierung, so steht es in ihrem Koalitionsvertrag, will in den kommenden Monaten auch eine „Ackerbaustrategie“ entwickeln, um die Umwelt besser zu schonen. Zu hohe Nitratwerte im Grundwasser, das Schwinden von Insekten und Feldvögeln, ausgelaugte Böden – die Landwirtschaft wird für vieles verantwortlich gemacht, sie steht unter Druck.

Automatisierter Alltag auf dem Hof

Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) betont immer wieder, dass sie in der Digitalisierung Chancen sehe, diese voranbringen wolle. Der Alltag auf den Höfen hat schon heute viel mit Hightech zu tun – und wenig mit den romantischen Vorstellungen von Harke und Sense. Während die Automobilbranche noch am autonomen Wagen tüftelt, seien „vollautomatische Fahr- und Lenksysteme auf dem Acker längst Standard“, erklärt Christoph Götz vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Er vertritt mit 170 Unternehmen das Gros der deutschen Landmaschinenhersteller.

„Der Bauer überlässt das Lenken dem Computer, der Traktor zieht schnurgerade die Düngestreuer hinter sich her und wendet auch von allein, Reihe für Reihe, parallel und ohne Überschneidung“, erklärt Götz. So lasse sich der Dünger, der früher häufig nach dem Prinzip Gießkanne ausgebracht worden sei, heute „punktgenau“ verteilen. Der Bauer spare Chemie, Diesel, Zeit, Saatgut, Geld. Für die Umwelt sei es auch gut, meint Götz. Denn für die Herstellung von einem Kilogramm Stickstoffdünger werde etwa – so eine Faustregel – ein Kilogramm Erdöl gebraucht.

Experten wie Götz nennen das „precision farming“, Präzisionslandwirtschaft. Dazu gehören Drohnen, die aus der Luft den Zustand von Feld und Pflanzen analysieren, Sensoren, die Bodendaten liefern, Mähdrescher, die mit Erntewagen vernetzt und vertaktet sind. 80 Prozent der Innovationen in der Landtechnik, sagt Götz, drehten sich um Digitalisierung und Elektronik. Das Ziel: Der Einsatz von Dünger und Ackergiften wird weniger, der Ertrag größer. Der Landwirt muss immer mehr digitale Technik bedienen.

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Die „digtale Kartoffel“ funkt Daten aus dem Acker

Bestes Beispiel: Die Kartoffel ist ein sehr empfindliches Gemüse. Eckt sie in der Erntemaschine an oder wird unsanft fallen gelassen, bekommt sie eine Art blauen Fleck, verdirbt schneller, sie kann nicht verkauft werden. Der Landmaschinenhersteller Grimme aus dem niedersächsischen Damme hat darum eine „digitale Kartoffel“ mitentwickelt. Diese sieht aus wie eine Kartoffel, steckt aber voller Technik. Der Bauer legt sie mit aufs Feld. Sie durchläuft den gesamten Ernteprozess mit und funkt Daten. Stimmt irgendetwas nicht, kann der Bauer seine Maschine entsprechend einstellen. Die Produktion von Lebensmitteln wird so revolutioniert.

Schon denken die Firmen über das nächste große Ding nach, etwa Claas, bekannt für seine grünen Mähdrescher und eines der Top-fünf-Agrartechnik-Unternehmen weltweit mit Sitz im nordrhein-westfälischen Harsewinkel etwa. Sprecher Wolfram Eberhardt sagt: „Künftig werden immer mehr Bauern mit ihrem Smartphone aus der Hosentasche die komplette Farm managen können, also den Maschineneinsatz auf dem Feld, oder ihren Melkstand kontrollieren und nötige Dokumente ausfüllen.“ Vor allem jüngere Bauern seien daran interessiert.

Bauern bleiben dennoch unersetzlich

Bauernpräsident Rukwied allerdings betont: „Die Digitalisierung hilft, ist aber nicht alles.“ Ein Bauer müsse noch immer ein Gespür haben für den Boden, das Wetter. Die Maschine wird den Menschen nicht ersetzen. Zumal: Noch fehlen leistungsfähige Internetkabel auf dem Land. Sie seien aber eine „Grundvoraussetzung für die rasche und breite Digitalisierung der Agrar- und Ernährungswirtschaft“.

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