In jüngster Vergangenheit hat Amazon des Öfteren Negativschlagzeilen gemacht. Kritisiert wurde das Unternehmen für seinem Umgang mit Mitarbeiter:innen, den Daten von Kund:innen und einer Vielzahl weiterer Punkte. Auch die „Entwicklung“ neuer Produkte und die Amazon-Suche sind kein unbeschriebenes Blatt. Neue Berichte zeigen allerdings auf, wie systematisch der Konzern dabei tatsächlich vorgeht – und welche Rolle der Amazon-Algorithmus spielt.

Amazon-Suche: So pusht der Konzern seine Produkte

Amazon-Mitarbeiter:innen sollen den Absatz von Amazon-Eigenmarkenprodukten verbessert haben. Dazu hätten sie Suchergebnisse so manipuliert, dass hauseigene Produkte weiter oben rangierten. Amazon setze der internationalen Presseagentur Reuters zufolge zwei Techniken ein, um seine selbst entwickelten Produkte zu pushen: „Search Seeding“ und „Search Sparkles“.

Diese Tools würden es dem Konzern ermöglichen, die Amazon-Suche zu verändern, um die Platzierung seiner neuen Produkte zu verbessern. Dies geschehe, obwohl das Fehlen von Daten es dem Amazon-Algorithmus normalerweise nicht erlauben dürfte, sie zu platzieren. Was die „Sparks“ angeht, so vergleicht Reuters sie mit Bannern, die über den Suchergebnissen platziert werden, um Kund:innen auf bestimmte Produkte zu lenken, die das Unternehmen bewerben möchte.

Alles nur geklaut? Interne Dokumente offenbaren Amazons „Solimo“-Strategie

Aus Tausenden von Seiten interner Amazon-Dokumente geht hervor, dass das Unternehmen eine systematische Kampagne zur Herstellung von Nachahmungen und zur Manipulation von Suchergebnissen durchgeführt hat. Ziel der Aktion scheint es gewesen zu sein, „hauseigene“ Produkte in der Amazon-Suche eines der größten Wachstumsmärkte des Unternehmens, Indien, zu fördern.

Reuters zufolge würden die Dokumente enthüllen, wie Amazon in Indien heimlich interne Daten verwendet habe, um Produkte zu kopieren, die von anderen Unternehmen verkauft wurden. Zu den Opfern dieser Strategie gehöre mitunter die Hemdenmarke John Miller. Amazon habe etwa gezielt die Maße der John Miller-Hemden bis hin zum Halsumfang und der Ärmellänge übernommen.

Mitarbeiter:innen des Online-Händlers hätten sich außerdem bemüht, „Referenz-“ oder „Benchmark“-Produkte zu identifizieren und Amazon.in deren „Nachahmung“ auszurichten. Der 2016er-Bericht, den Reuters analysiert hat, lege eine Strategie mit dem Namen „Solimo“ dar. Sie beinhalte, „Informationen von Amazon.in nutzen, um Produkte zu entwickeln und dann die Amazon.in-Plattform zu nutzen, um diese Produkte an unsere Kunden zu vermarkten“. In Zuge dessen soll das Unternehmen auch maßgeblich die Amazon-Suche manipuliert haben.

Rechtliche Schritte sollen Folgen

Längst sind die Steuer- und Datenpraktiken Amazons Thema in Brüssel und Straßburg. Neben der Manipulation der Amazon-Suche dürfte auch die „Solimo“-Strategie in künftige Debatten einfließen. Jonas Koponen, ein Kartellrechtsanwalt bei Linklaters LLP in Brüssel, glaubt, dass die durch Reuters veröffentlichten Informationen auch die EU-Kommission interessieren dürften.

„Wenn eine Wettbewerbsbehörde Aspekte des Verhaltens einer dieser weltweit tätigen Organisationen untersucht, wird sie sicherlich daran interessiert sein, zu verstehen, welche Beweise es in anderen Teilen der Welt gibt und inwieweit diese Beweise mit den Praktiken zusammenhängen, die sie selbst untersucht.“

Jonas Koponen

Auch Lina Khan, die neuen Vorsitzenden der US-amerikanischen Federal Trade Commission (FTC), sieht viele ihrer bisherigen Kritikpunkte gegenüber Amazon bestätigt. „Es sind die Drittanbieter, die die anfänglichen Kosten und Unsicherheiten bei der Einführung neuer Produkte tragen“, zitiert Reuters. „Die wettbewerbsfeindlichen Auswirkungen liegen hier auf der Hand.“

Quellen: Reuters; eigene Recherche

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