Digital Life 

Todgeweiht dank "Dr. Google": Selbstdiagnose unter der Lupe

Dr. Google zu befragen, muss nicht immer schlecht sein; zumindest einige Fachleute sehen noch Hoffnung.
Dr. Google zu befragen, muss nicht immer schlecht sein; zumindest einige Fachleute sehen noch Hoffnung.
Foto: imago
Jeder hat schon einmal die eigenen Symptome gegoogelt und wähnte sich plötzlich schwerst krank. Trotz Kritik solcher Selbstdiagnosen durch Experten sehen einige auch positive Entwicklungen darin.

Rote Mandeln, komische Pocken, Schwellung am Knie – statt bei solchen Symptomen direkt einen Arzt zu konsultieren, befragen viele Patienten zunächst einmal das Internet. Doch „Dr. Google“ stellt schnell eine Fehldiagnose: Da deuten etwa Müdigkeit, Fieber und Gliederschmerzen nicht auf eine Erkältung hin, sondern gleich auf eine schlimme Krebserkrankung. Der Patient: vermeintlich todgeweiht.

Vielfach wurde „Dr. Google“ deshalb kritisiert. Experten fürchteten Verunsicherung von Patienten und warnten vor falschen Informationen im Netz. Mehr als die Hälfte der niedergelassenen Ärzte schätzt die Patienten-Recherche im Internet mindestens als problematisch ein, zeigte eine Studie der Bertelsmannstiftung und der Barmer GEK bereits im Juni 2016.

Ärzte sehen Erwartungen der Patienten durch Dr. Google kritisch

45 Prozent der Ärzte stimmten demnach der Aussage zu, dass die Selbstinformation unangemessene Erwartungen und Ansprüche erzeuge. Jeder Vierte der befragten Mediziner riet seinen Patienten von der Internetrecherche ab.

Weniger skeptisch sieht das der Coloproktologe Dr. Franz Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein sowie Vorsitzender des Ausschusses für Telematik und Telemedizin bei der Bundesärztekammer. „Es ist heute eher unwahrscheinlich, dass ein Patient nicht im Internet nach Informationen zu seiner Krankheit oder seinen Symptomen sucht, schließlich bietet das Netz Orientierung in allen Lebensbereichen“, sagte er unserer Redaktion auf Anfrage.

Die eigene Krankheit googeln kann auch gut sein

Zwar sieht auch Bartmann ein gewisses Risiko, er stellt aber genauso positive Entwicklungen heraus. Das Hauptproblem sei, dass ein Patient seine Symptome überschätzt und sich dadurch kranker fühlt, als er wirklich ist. Die Sorge, die Behandlung ernsthafter Erkrankungen verzögere sich durch die Google-Recherche, teilt er hingegen nicht. „Wenn ein Patient richtig schwer erkrankt ist, wird er nicht den Umweg über Google gehen, sondern einen Arzt aufsuchen oder sich in die Notfallbehandlung begeben.“

Insgesamt, so Bartmann, seien Patienten heute sogar eher übervorsichtig und sehr leicht verunsichert. Kaum jemand lasse eine leichte Erkrankung „einfach mal passieren“, sondern suche eher einen Arzt auf. Diese Verunsicherung der Patienten hält Bartmann allerdings für ein vorübergehendes Phänomen.

Niemand wird mehr auf Internetrecherche verzichten

„Und wenn jemand ‘Dr. Google’ mehr glaubt als mir als Fachmann, kann ich damit auch leben“, sagt Bartmann, „schließlich können auch falsche Informationen Basis für Kommunikation sein.“ Darauf könne man aufbauen.

Insgesamt ist Bartmann zufolge das Bewusstsein für den eigenen Körper und für Gesundheitsfragen bei Patienten und in der Bevölkerung allgemein gewachsen. „Als Arzt kann ich diese Beobachtung bewerten, beeinflussen kann ich sie aber nicht“, schränkt der Fachmann ein – und gibt damit Dr. Brigitte Mohn von der Bertelsmannstiftung recht.

Bei Veröffentlichung der Studie von Bertelsmannstiftung und Barmer GEK stellte sie heraus: „Es ist eine unumkehrbare Entwicklung, dass immer mehr Patienten ihre Krankheitssymptome und die dazugehörigen Therapiemöglichkeiten im Internet recherchieren.“

Die Rolle der Ärzte befindet sich im Umschwung

Diese Entwicklung werde künftig auch die Rolle der Mediziner neu definieren, ist sich Ärztekammer-Präsident Bartmann sicher. Denn wenn Patienten besser informiert in Praxen kämen, beeinflusse das selbstverständlich die Arbeit der Ärzte. „Sie werden sich mehr als Navigator im Gesundheitssystem verstehen müssen“, sagt er. Bei besser informierten Patienten werden Ärzte künftig nicht einfach Diagnosen stellen können, sondern auch erklären müssen, wie sie zustande kamen.

Aber nicht nur Patienten, auch Ärzte selbst befragten zunehmend „Dr. Google“, ist sich Bartmann sicher und nennt ein Beispiel aus seiner eigenen Tätigkeit: „Wenn mich zum Beispiel mehrere Patienten auf die gleiche Information aus dem Internet ansprechen, schaue ich nach, weil ich wissen will: Was ist da dran?“

Qualitative Informationen sind ausschlaggebend

Je allgemeiner das medizinische Tätigkeitsfeld, mit desto mehr unterschiedlichen Krankheitsidentifikationen habe es ein Arzt zu tun. Statt in einem Buch nachzuschlagen, hilft häufig das Netz. Allerdings handle es sich dabei meist um gezielte Suchen nach Fachinformationen, etwa auf wissenschaftlichen Internetseiten.

Anders als ein Fachmann könne ein Patient Informationen im Netz nicht so leicht verifizieren. Ein paar Tipps, mithilfe derer gute von schlechten Informationen zu unterscheiden sind, hat der Experte aber dennoch:

  • Das Erscheinungsdatum: Allgemein gelte: Je jünger eine Information, desto wahrscheinlicher sei es, dass sie tatsächlich aktuell ist.
  • Der Urheber: Allein das Erscheindungsdatum sage aber noch nichts über die Qualität der Information aus. Wichtig sei, ob der Urheber erkennbar ist. Bei medizinischen Institutionen wie Hochschulen und Behörden, sei erkennbar, dass das verbreitete Wissen von Spezialisten stammt. Auch Quellen wie die „Apotheken Umschau“ lieferten fundiertes Wissen. Foren oder Internetseiten ohne erkennbaren Urheber seinen hingegen weniger seriös.
  • Krankheitsbild: Im Allgemeinen sei festzustellen, dass Informationen im Internet umso fundierter sind, je schwerer die Krankheit ist. Bei leichteren Erkrankungen blieben auch die Informationen dazu sehr häufig eher oberflächlich.
  • Vorsicht bei Geschäftsinteressen:Auch Pharmafirmen stellen häufig medizinische Informationen ins Netz. Die seien zwar nicht unseriös, so Bartmann, dahinter stecke jedoch das Geschäftsmodell. Wer sich auf solchen Seiten informiert, sollte sich deshalb im Klaren darüber sein, dass die Informationen eben auch zu Werbezwecken dienen, rät Bartmann.
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