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"Krebs ist scheiße" – findet auch die Community von pr0gramm

Die "Kellergemeinde", wie sich die Community gerne selbst nennt, macht mobil.
Die "Kellergemeinde", wie sich die Community gerne selbst nennt, macht mobil.
Foto: pr0gramm
Mit der Nachricht „Krebs ist scheiße!“ haben tausende Community-Mitglieder der Bilder-Plattform pr0gramm Spenden vergeben – und damit die Seiten der DKMS und anderer Organisationen zum Einsturz gebracht. Was steckt dahinter?

Es ist ein eigenartiges Bild: Um dem Unmut gegen den US-amerikanischen Journalisten Brian Krebs Luft zu machen, hat die Community des Picture-Boards pr0gramm verschiedene Krebshilfe-Organisationen regelrecht mit Spenden überflutet. Mit nahezu jeder Spende ging außerdem eine Nachricht einher: „Krebs ist scheiße!“. Im Rahmen dieser Aktion kamen alleine innerhalb der vergangenen zwei Tage mehrere hunderttausend Euro zusammen. Wir erklären die Zusammenhänge.

Was ist pr0gramm?

Ähnlich wie 4Chan und reddit ist auch pr0gramm ein Portal, auf dem Bilder und Videos geteilt werden können. Auch einen Kommentarbereich gibt es unter den Posts, der rege genutzt wird. User müssen eingeladen werden, um alle Funktionen und Inhalte auf pr0gramm verwenden zu können.

Wenngleich innerhalb der Community ein recht derber und makaberer Humor herrscht, gibt es doch klare Regeln, an die sich die Mitglieder zu halten haben. Darunter fallen auch das Verbot von „stumpfem Rassismus“ sowie die Richtlinie „Keine Informationen oder Bilder von Privatpersonen; keine Klarnamen in den Uploads, Tags oder Kommentaren“.

Wer sich nicht an die Community-Richtlinien hält, der wird verbannt – erst nur für ein paar Tage, bei wiederholten Verstößen aber auch für Wochen, Monate oder sogar endgültig. Innerhalb dieser festgelegten Grenzen haben die Nutzer jedoch mehr als genug Raum, ihre Meinungen kundzutun, zu diskutieren oder sich einfach nur an den Inhalten zu erfreuen.

Kryptomining mit Coinhive

Im Sommer 2017 kam einem der Administratoren, cha0s (Dominic S.), die Idee des Browserminers – also eines Programms, das man in eine Webseite einbinden kann, um beispielsweise Kryptowährungen zu schürfen. Bereits kurze Zeit darauf band er den Prototypen der Software in pr0gramm ein und stieß damit bei der Community auf eine sehr gute Resonanz.

Nachdem cha0s die ausgereifte Version namens Coinhive präsentiert hatte, begann der Trubel jedoch erst so richtig. Die Seite thepiratebay band das Coinhive-Skript ein und verursachte somit einen Mediensturm, den der Programmierer so weder erwartet noch gewollt hatte. Auch zu pr0gramm wurde dadurch eine Verbindung hergestellt und Dominic S., der bereits 2015 als cha0s aus der Community selbst verschwunden war, stand unter erheblichem Stress.

Er selbst hatte das Skript für pr0gramm eingebunden, um den Nutzern die Möglichkeit zu geben, freiwillig die Rechenleistung ihrer PCs und Smartphones bereitzustellen, um somit Kryptowährung zu schürfen. Andere Seiten, wie beispielsweise thepiratebay, nutzten es jedoch, um ihren Benutzern unfreiwillig das Geld aus der Tasche zu ziehen. Vom ursprünglichen Gedanken, der mit Coinhive verbunden war blieb dabei nur noch wenig übrig.

Brian Krebs

Der Rummel, der nun den Browserminer umgab, weckte auch die Aufmerksamkeit eines Journalisten – dem investigativen Reporter Brian Krebs. Mittels fragwürdiger Methoden wie Erpressung fing dieser an, immer mehr Mitarbeiter der Betreiber-Gesellschaft von pr0gramm und Coinhive (Suntainment SL) auszuquetschen. So warf er warf ihnen unter anderem eine Verschwörung bezüglich Coinhive vor und veröffentlichte nach und nach die Klarnamen der Beteiligten – darunter nicht nur von cha0s, sondern auch von Gamb (Andre K.), dem Dominic S. nach seinem Verschwinden die Verantwortung für das Portal übergeben hatte. Brian Krebs selbst verbirgt sich seinerseits hinter Proxy-Servern, um so die eigene Netz-Identität zu verschleiern.

Die Troll-Community

Im Rahmen seiner Ausführungen stellte Krebs das pr0gramm als eine rassistische und sexistische Gruppe dar, lässt dabei jedoch außen vor, dass die Community sich aus selbstironischen Trollen zusammensetzt. Wer sich für einige Zeit mit der Materie der pr0gramms auseinandersetzt, der wird schnell feststellen, dass tatsächlich die wenigsten der dort veröffentlichten Inhalte ernstgenommen werden können.

„Krebshassende Spendercommunity“

Als Gamb, der aktuelle Admin, vor zwei Tagen auf den Blog-Post von Krebs aufmerksam machte und erklärte, wie es dazu kommen konnte, bemerkte er zudem, „dass jegliche Vergeltungsaktionen gegen Mr. Krebs nur dem pr0gramm schaden“, und bat die Community darum, stets „sachlich und höflich“ zu bleiben. Die Konsequenzen hat jedoch auch er nicht kommen sehen.

Zunächst haben die User Memes kreiert, in denen sie sich über Brian Krebs lustig machen – kurz darauf ging die erste Spende beim DKMS ein, einem Unternehmen, das sich auf die Behandlung und Heilung von Blutkrebs spezialisiert hat. Sie stieß etwas an, das seit nunmehr zwei Tagen noch immer nicht zum Erliegen gekommen ist. Mehrere tausend Mitglieder der pr0gramm-Community haben mittlerweile gespendet, um somit ihrem Hass gegen (Brian) Krebs Ausdruck verleihen.

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Mit dieser Aktion macht das pr0gramm nicht nur auf das Unrecht aufmerksam, das ihm widerfahren ist, sondern nutzt die Wut, die sie gegen den Reporter verspürt, und setzt diese für eine gute Sache ein. Die Screenshots von Spendennachweisen auf denen immer wieder "Krebs ist scheiße!" zu lesen ist, überfluten das Picture-Board. Und es scheint noch immer kein Ende in Sicht.

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