Whistleblower stehen im Ruf, unethisches Verhalten großer Konzerne und ganzer Staaten aufzudecken. Dabei begeben sich diese Menschen nicht selten in Lebensgefahr, um vertuschte Verbrechen der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Sie wollen moralische Verwerfungen aufzeigen und kommen nicht selten aus deren Mitte. So ist diese „Karriere“ in den wenigsten Fällen geplant und resultiert eher aus dem Gewissen heraus, einer falschen Sache zu dienen.

Whistleblower: Laut sein für die Gesellschaft

Woher genau der Begriff Whistleblower kommt, ist nicht ganz geklärt. So gibt es etwa die Assoziation, das Wort stamme von jenen Polizist*innen, die im Falle einer Ordnungswidrigkeit in die Pfeife pusten. „To blow the whistle“ bezeichnet dahingehend nichts anderes, als auf einen Regelverstoß aufmerksam zu machen. Wenn die Pfeife nur laut genug ist, drehen sich alle Menschen nach ihr um. So wollen Whistleblower*innen auf ein Fehlverhalten einer Institution oder eines Staates aufmerksam machen.

Wie Integrity Line erklärt, soll eine solche Aktion vor allem vor den Konsequenzen einer Fehlhandlung warnen. Demnach schalten sich Whistleblower*innen immer dann ein, wenn die selbst ernannten Werte auf der Kippe stehen und das Gemeinwohl durch falsches Handeln gefährdet ist.

In folgenden Fällen werden Whistleblower*innen aktiv:

  • in Fällen von staatlicher oder betriebsinterner Korruption
  • in Fällen sexueller Übergriffe am Arbeitsplatz
  • in Fällen anderer Belästigungen am Arbeitsplatz
  • in Fällen von rassistischer Diskriminierung
  • Gesetzesverstöße und Straftaten durch zivile oder öffentliche Einrichtungen (z.B. Polizei)
  • Menschenrechtsverletzungen
  • Kriegsverbrechen
  • Datenmissbrauch
  • Vetternwirtschaft

Zwischen Aufklärer und Verräter

Diejenigen, die Missstände aufdecken, kommen dabei nicht selten aus jenen Bereichen, in denen Fehlhandlungen stattfinden. Wie ein „gutes Gewissen“ agieren Menschen aus dem System heraus, dem sie angehören. Und das ist vermutlich das bedeutendste Merkmal von Whistleblower*innen: Sie haben die Informationen meistens aus erster Hand.

Das führt jedoch zu allerhand Problemen. So riskieren Whistleblower*innen eigentlich immer ihren Beruf oder sogar ihr Leben, müssen mit langen Haftstrafen leben oder untertauchen. Denn staatliche wie auch zivile Einrichtungen wie Unternehmen pochen auf das Recht von Geheimhaltung oder Betriebsgeheimnissen.

Dieses rechtliche Werkzeug ermöglicht jeder Institution gegen Aufklärer als vermeintliche Verräter vorzugehen. So sind Whistleblower*innen in der öffentlichen Wahrnehmung meist weitgehend respektiert, werden aber auf Rechtswegen verfolgt.

Julian Assange
Der Whistleblower Julian Assange 2011 vor Pressevertreter*innen © imago images / Xinhua

Whistleblower verändern Gesellschaften

Und das ist nicht pathetisch gemeint. 2010 lud der WikiLeaks-Gründer Julian Assange Journalist*innen in seine Zentrale nach London ein. Der Whistleblower hatte in den vergangenen Jahren Informationen zugespielt bekommen, die Kriegsverbrechen der US-Streitkräfte im Irak dokumentieren.

Geholfen hatte ihm dabei die bei den US-Streitkräften damals im Dienst stehende Chelsea Manning. Als Nachrichtenanalystin hatte sie Zugang zu streng geheimen Daten. Die „Iraq War Logs“ zeigten unter anderem, wie Hubschrauberpiloten 2007 auf Zivilisten schossen. Wie Amnesty International schreibt, kamen die beiden Piloten unbeschadet davon. Zwar waren sie für den Tod von 12 Zivilisten und zwei Reuters-Reportern verantwortlich, ein Gerichtsverfahren gab es hingegen nie.

Doch weil diese Dokumente als streng vertraulich eingestuft wurden, landeten nicht die Täter vor Gericht, sondern Assange und Manning. Letztere wurde 2013 etwa wegen Spionage und Diebstahl für schuldig befunden und saß bis zu ihrer Begnadigung durch Barack Obama 2017 im Gefängnis.

Gut und Böse: Zwei Seiten einer Medaille

Ein weiteres prominentes Beispiel ist der Whistleblower Edward Snowden, dessen „Snowden Papers“ die Öffentlichkeit auf die Machenschaften der NSA aufmerksam machten. Snowden selbst war Teil einer Abteilung, die über Jahre hinweg Millionen Nutzer*innen eines der größten Telekommunikationsunternehmen der Vereinigten Staaten überwachte.

Der ehemalige NSA-Mitarbeiter erklärte in einem Interview mit dem SPIEGEL, dass er Jahre dafür gebraucht hätte, diese Verhältnisse zu verstehen. So habe er erst sein Wissen an die Öffentlichkeit getragen, als ihm die volle Tragweite seines Handelns bewusst geworden ist. Fälle wie Snowden zeigen, dass niemand ein Whistleblower oder eine Whistleblower ist, sondern wird. Die eigene moralische Integrität und ein großes Maß an Sendungsbewusstsein sind hierfür entscheidend.

Das Beispiel von Snowden zeigt einmal mehr, dass Gut und Böse stets zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, und dass Whistleblower*innen oftmals erst jenem System angehören, dass sie später verurteilen. Oft findet ein Hinterfragen erst nach einer längeren Zeit statt.

Frances Haugen
Frances Haugen bei einer Anhörung 2021 © imago images / ZUMA Wire

Whistleblower in Unternehmen: Der Fall Frances Haugen

Dabei machen Whistleblower*innen zu Beginn Karriere in einem Unternehmen oder einer staatlichen Einrichtung. Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Whistleblowerin Frances Haugen, die 2021 Facebooks Geschäftspraktiken offenlegte.

Ab 2019 arbeite Haugen als leitende Produktmanagerin im Bereich „Civic Misinformation“, der gegen geteilte Fehlinformationen auf der Plattform vorging. Während ihrer Arbeit fiel Haugen auf, dass der Facebook-interne Algorithmus keine wirkliche Aufklärung zulasse. Stattdessen stehe vor allem die Profitmaximierung an erster Stelle.

Wie auch Chelsea Manning und Edward Snowden gewann die studierte Informatikerin erst Einblick in die Arbeitsweise ihres Unternehmens. Genauso wie Manning und Snowden sah sie die Defizite ihres Unternehmens und wie dieses die eigenen Fehler nicht erkennen wollte. Auch Haugen riskierte ihren Job und ihre Sicherheit. Direkt nach ihren Enthüllungen widersprach Facebook-Chef Mark Zuckerberg in einer Erklärung an die Mitarbeitenden, dass das Unternehmen kein Geld durch Falschinformationen verdiene.

Too big to fail

In den öffentlich bekannten Fällen von Whistleblower*innen stehen stets große Unternehmen und staatliche Einrichtungen in der Kritik. Enthüllungen wie die „Iraq War Logs“ führen oft zu einem enormen Vertrauensverlust in staatliche Organisationen. Das sich die US Army schwerster Verbrechen strafbar gemacht hat, kann diese selbst nicht offen zugeben. Stattdessen müssen Whistleblower und Whistleblowerin wie Julian Assange oder Chelsea Manning mit einer Klage rechnen.

Auch der Fall Haugen zeigt, dass vor allem große Konzerne und Einrichtungen stets zu groß sind, um Fehler offen zuzugeben. Die englische Redewendung „too big to fail“ beschreibt genau das. Der Schaden wäre einfach zu groß und so mauern Akteure wie Facebook oder lassen den ersten Sturm der Entrüstung an sich vorüberziehen.

Whistleblower*innen leben daher nicht selten gefährlich und sind zu extrem großen Opfern bereit, wie den Jobverlust oder lange Gefängnisstrafen.

Fazit: Whistleblower schützen die Meinungsfreiheit

Nicht selten werden Verurteilungen von Whistleblower*innen als direkten Angriff auf die freie Meinungsäußerung und die Demokratie aufgegriffen. Personen wie Chelsea Manning oder Edward Snowden änderten unsere Sicht auf die Welt. So zeigten sie uns auf, wo Staaten oder Firmen etwas vor uns verheimlichen und warum das jedem von uns etwas angehen sollte.

Außerdem geben Menschen wie Edward Snowden auch nützliche Tipps und Tricks für jeden Einzelnen. So verrät der Whistleblower einen einfachen Trick, wie du dein Handy abhörsicher machst.

Quellen: Deutschlandfunk.de, DER SPIEGEL, Integrity Line, Tagesschau.de, The Guardian

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