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Verbrenner-Verbot: Triumph für die Umwelt oder Todesstoß für die Industrie?

Umwelt-Prämie, Verbrenner-Verbot – wie man es macht, man macht es falsch. Aber was ist eigentlich der richtige Weg und wovon hängt dieser ab?

Illustration des Verbrenner-Verbots
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Bald sind zwei Jahre vergangen, seit die Europäische Union (EU) im Oktober 2022 beschlossen hat, den Verkauf neuer Verbrennungsfahrzeuge ab 2035 zu verbieten. Ziel dieses sogenannten Verbrenner-Verbots ist es, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren und den Klimawandel zu bekämpfen. Während die ökologischen Vorteile eines solchen Verbots offensichtlich sind, ist es ebenso wichtig, die wirtschaftlichen Konsequenzen und die damit verbundenen theoretischen Überlegungen zu betrachten.

Verbrenner-Verbot gegen CO2-Emissionen

Der Klimawandel und seine Folgen sind zentrale Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist sich einig, dass die Reduktion von Treibhausgasemissionen unerlässlich ist, um die globale Erwärmung auf ein kontrollierbares Maß zu beschränken. Der Verkehrssektor, der in der EU nach Informationen der Europäischen Umweltagentur (EEA) 2023 für etwa 72 Prozent der Kohlendioxid (CO2)-Emissionen verantwortlich ist, spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Die Verbrennung fossiler Brennstoffe in Fahrzeugen ist ein bedeutender Verursacher von CO2-Emissionen. Durch das Verbrenner-Verbot ab 2035 sollen diese Emissionen drastisch reduziert werden. Elektroautos, die mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden, bieten eine nahezu emissionsfreie Alternative.

„Rund 740 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) wurden 2021 in der EU durch die Verbrennung von Kraftstoffen im Straßenverkehr ausgestoßen“, erklärte dazu vergangenes Jahr das Statistische Bundesamt (Destatis). “ Pkw und Motorräder verursachten mit 64 % den größten Teil der Emissionen. Auf Lkw und Busse entfielen 27 %, weitere 10 % auf leichte Nutzfahrzeuge.“

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Klimawandel außer Kontrolle

Treibhausgase wie CO2 und Methan tragen wesentlich zum Klimawandel bei, indem sie den Treibhauseffekt verstärken. Dieser natürliche Prozess wird verstärkt, wenn zusätzliche Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen. Die Gase lassen Sonnenlicht zur Erdoberfläche durchdringen und verhindern, dass die abgegebene Wärme zurück in den Weltraum entweicht. Das führt wiederum zu einer Erwärmung der Erdoberfläche und der unteren Atmosphärenschichten.

Durch die Erwärmung der Atmosphäre schmelzen die Polar- und Gletschereisdecken, was zu einem Anstieg des Meeresspiegels führt. Dies bedroht Küstenregionen und erhöht die Häufigkeit und Intensität von Sturmfluten. Zudem verändern sich Wetter- und Klimamuster, was zu häufigeren und intensiveren Extremwetterereignissen wie Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen führt​. Das geht unter anderem aus Daten der Welthungerhilfe hervor. Zwischen den Jahren 1980 und 2018 habe sich die Zahl der Unwetter demnach mehr als verdoppelt, ähnliches gelte für Überflutungen.

Zusätzlich schädigt der erhöhte CO2-Gehalt die Biodiversität und führt zur Versauerung der Ozeane, was marine Ökosysteme beeinträchtigt. Viele Pflanzen- und Tierarten können sich außerdem nicht schnell genug an die veränderten Bedingungen anpassen, was wiederum zu einem Rückgang der Artenvielfalt führt. Um diese gravierenden ökologischen und sozialen Auswirkungen zu mindern, sei eine signifikante Reduktion der CO2-Emissionen der Initiative Climate Action zufolge unerlässlich​.

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Risikofaktor Feinstaub

Verbrennungsmotoren emittieren neben CO2 auch Stickoxide (NOx) und Feinstaub, die erhebliche Gesundheitsrisiken darstellen. Unter Berufung auf die European University Association (EUA) berichtete die EEA schon im Jahr 2020 von jährlich rund 400.000 vorzeitige Todesfälle durch Stickoxide in der EU – und auch das deckt sich mit aktuellen Unteruchungen.

So erklärten jüngst mitunter Professor Jason Kovacic vom australischen Victor Chang Cardiac Research Institute und der renommierte Kardiologe Dr. Valentin Fuster im Rahmen eines Fukus-Seminars des Journal of the American College of Cardiology (JACC), die Luftverschmutzung fordere jährlich weltweit über neun Millionen Leben. Damit sei sie tödlicher als Krieg, Terror, Seuchen und Drogen zusammen.

Eine Reduktion dieser Emissionen durch den Übergang zu Elektrofahrzeugen würde die Luftqualität verbessern und die öffentliche Gesundheit fördern. „Die EUA-Daten belegen, dass Investitionen in eine bessere Luftqualität eine Investition in eine bessere Gesundheit und Produktivität für alle Europäer bedeuten“, zitierte die EAA damals Hans Bruyninckx, Exekutivdirektor der EUA. „trategien und Maßnahmen, die mit dem Null-Schadstoff-Ziel Europas in Einklang stehen, führen zu einem längeren und gesünderen Leben und widerstandsfähigeren Gesellschaften.“

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Arbeitsplätze im Übergang

Während die naturwissenschaftlichen Argumente für das Verbrenner-Verbot stark sind, werfen wirtschaftliche Überlegungen ebenfalls komplexe Fragen auf. Der Übergang zu einer emissionsfreien Mobilität muss wirtschaftlich tragfähig gestaltet werden, um negativen Auswirkungen auf Beschäftigung und Wirtschaftswachstum entgegenzuwirken.

Die Automobilindustrie ist ein zentraler Wirtschaftszweig in vielen europäischen Ländern und sichert Millionen von Arbeitsplätzen. In Deutschland, einem der größten Automobilproduzenten der Welt, sind etwa 800.000 Menschen direkt in der Automobilproduktion beschäftigt, heißt es in einem Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK).

Vor allem in der Übergangsphase könnten vielen dieser Menschen Arbeitsplatzverluste drohen, insbesondere in der Herstellung von Verbrennungsmotoren und Getrieben. Diese Komponenten sind in Elektrofahrzeugen weniger komplex oder gar nicht vorhanden. Gleichzeitig bieten sich jedoch auch Chancen für neue Arbeitsplätze in der Batterieproduktion und in der Entwicklung neuer Technologien.

Der Übergang zu Elektroautos kann Innovationen im Bereich der Batterietechnologie und der erneuerbaren Energien anstoßen. Die globale Batterieproduktion für die E-Mobilität könnte dem Beratungsunternehmen McKinsey & Company zufolge bis 2030 einen Marktwert von über 360 Milliarden Euro erreichen. Investitionen in Forschung und Entwicklung können zu effizienteren und kostengünstigeren Lösungen führen, die nicht nur die Elektromobilität vorantreiben, sondern auch andere Sektoren positiv beeinflussen.

„Auf dem gesamten Kontinent vertrauensvoll reisen“

Die Produktion von Elektrofahrzeugen ist derzeit noch teurer als die von Verbrennerfahrzeugen, hauptsächlich aufgrund der hohen Kosten für Batterien. Der Preis für Lithium-Ionen-Batterien sei jedoch allein zwischen den Jahren 2010 und ’19 um etwa 85 Prozent gesunken und könne bis 2030 weiter sinken, betonte die Forschungsorganisation BloombergNEF.

Zudem erfordert der Übergang eine umfangreiche Ladeinfrastruktur, die erhebliche Investitionen von Regierungen und Unternehmen erfordert. Die Europäische Kommission schätzt, dass bis 2030 etwa 3 Millionen öffentliche Ladepunkte in der EU installiert werden müssen, um die wachsende Nachfrage nach Elektrofahrzeugen zu decken.

„Wir wollen, dass alle Fahrerinnen und Fahrer in Europa sicher sein können, dass sie auf dem gesamten Kontinent vertrauensvoll reisen können“, so Frans Timmermans, Exekutiv-Vizepräsident für den europäischen Grünen Deal. „Mit dieser Einigung stellen wir sicher, dass in ganz Europa bedarfsgerechte und benutzerfreundliche Optionen sowohl für Pkw als auch für schwere Nutzfahrzeuge zur Verfügung stehen.“

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Wirtschaftstheorie trifft auf Klimaschutz

Ein staatlich verordnetes Verbrenner-Verbot wird von einigen Kritikerinnen und Kritikern als Eingriff in die freie Marktwirtschaft gesehen. Befürwortende einer marktbasierten Lösung argumentieren, dass Anreize und Subventionen für Elektroautos sowie höhere Steuern auf fossile Brennstoffe eine natürliche Marktentwicklung fördern könnten, ohne die Konsument*innenwahl einzuschränken.

In einer freien Marktwirtschaft werden, wie die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) erklärt, Preise und Produktion durch Angebot und Nachfrage bestimmt, ohne staatliche Eingriffe. Diese Dynamik soll Innovation und Effizienz fördern, da Unternehmen kontinuierlich ihre Produkte verbessern, um den Bedürfnissen der Konsument*innen gerecht zu werden. Im Kontext des Verbrenner-Verbots bedeutet das, dass der Übergang zu Elektrofahrzeugen vor allem durch Marktkräfte und Konsumentenentscheidungen getrieben werden könnte, statt durch regulatorische Maßnahmen.

Allerdings ist bestimmt nicht allein der freie Markt die Diskussion aus wirtschaftsliberaler Perspektive:

Freie Fahrt, freie Wirtschaft

  • Der Laissez-faire Kapitalismus betont minimale staatliche Eingriffe und maximale individuelle Freiheit in wirtschaftlichen Entscheidungen. Das könnte bedeuten, dass anstelle eines Verbots marktorientierte Anreize, wie Subventionen für Elektroautos und Investitionen in Ladeinfrastruktur, effektiver sein könnten, um den Übergang zur E-Mobilität zu fördern. Solche Maßnahmen könnten die Nachfrage erhöhen und gleichzeitig den Wettbewerb und die Innovation in der Automobilindustrie ankurbeln.
  • Ökonomische Effizienz wird erreicht, wenn Ressourcen optimal verteilt sind, sodass keine Verbesserungen möglich sind, ohne dass jemand schlechter gestellt wird. Eigentumsrechte spielen eine zentrale Rolle, da sie Anreize für Investitionen und Innovationen schaffen.
  • Die subjektive Werttheorie und die Prinzipien der österreichischen Schule der Nationalökonomie betonen, dass der Wert eines Gutes durch individuelle Präferenzen bestimmt wird. Das impliziert, dass die Akzeptanz und der Erfolg von Elektroautos stark von den Präferenzen der Konsument*innen abhängen.
  • Die Public Choice Theorie erweitert diese Überlegungen auf politische Entscheidungen und unterstellt, so die bpb, dass staatliche Eingriffe, wie das Verbrenner-Verbot, genauso eigennützig motiviert sein können wie wirtschaftliche Entscheidungen.

Subvention für Innovation

  • Angebots- und Nachfrageökonomie: Analyse des Marktes für Elektroautos, wobei staatliche Eingriffe wie Subventionen und Investitionen die Nachfrage erhöhen und das Verbrenner-Verbot das Angebot beeinflusst.
  • Externe Effekte und Umweltökonomie: Betrachtung der negativen externen Effekte von Verbrennungsmotoren wie Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden, die nicht im Marktpreis enthalten sind; das Verbot könnte helfen, diese Kosten zu internalisieren.
  • Innovationsökonomie: Untersuchung, wie staatliche Politik technologische Fortschritte fördern kann; das Verbrenner-Verbot dient als Katalysator für Innovationen in der Elektromobilität und bei erneuerbaren Energien, indem es klare regulatorische Rahmenbedingungen schafft und Investitionen in Forschung und Entwicklung fördert.

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Revolution oder Rückschritt?

Du siehst: Das Verbrenner-Verbot der EU ab 2035 ist eine weitreichende Entscheidung mit tiefgreifenden ökologischen und wirtschaftlichen Implikationen. Einerseits bietet es eine klare und notwendige Perspektive zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und zur Bekämpfung des Klimawandels. Andererseits stellt es die Wirtschaft vor große Herausforderungen, die sorgfältig gemanagt werden müssen. Die erfolgreiche Umsetzung wird von der Balance zwischen strikten Umweltzielen und pragmatischen wirtschaftlichen Lösungen abhängen.

Quellen: Europäischen Umweltagentur; Statistische Bundesamt; Climate Action; Welthungerhilfe; McKinsey & Company; Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz; Europäische Kommission; Bundeszentrale für politische Bildung

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