Über einen Zeitraum von rund sechs Stunden war Jean Hilliard eingefroren. Im Jahr 1980 blieb das Auto der damals 19-Jährigen im nordwestlichen Minnesota auf dem Heimweg liegen. Hilliard trug nicht viel mehr als einen Wintermantel, Handschuhe und Stiefel – und das bei gut minus 30 Grad Celsius. Auf der Suche nach Hilfe verlor sie das Bewusstsein und fror ein. Könnte sie der Schlüssel dazu sein, wie wir (kranke) Menschen einfrieren und wieder zurück ins Leben holen könnten?

Menschen einfrieren: 19-Jährige machte es unfreiwillig vor

Wally Nelson, ein Freund der Eingefrorenen, entdeckte sie am nächsten Morgen in einer Entfernung von nicht mal fünf Metern zu seiner Tür. Ihr Körper sei so steif gewesen, dass Nelson sie schräg auf den Rücksitz seines Autos habe laden müssen, berichtete damals die New York Times. Im Krankenhaus habe man sie nicht einmal intravenös ernähren können, weil „sie zu fest gefroren war, um die Haut zu durchdringen“.

„Ich dachte, sie sei tot. Sie war steif wie ein Brett, aber ich sah ein paar Blasen aus ihrer Nase kommen“, sagte Nelson Jahre später in einem Interview mit dem Minnesota Public Radio (MPR). Und dennoch: Hilliard überlebte.

Diese und vergleichbare wissenschaftliche Kuriositäten befeuern seit Jahrzehnten die Sci-Fi-Szene. Doch auch die wirkliche Forschung ist dem Gedanken, Menschen einzufrieren, nicht ganz abgeneigt. Ein sogenannter „Kryoschlaf“ könnte etwa dabei helfen, lange Reisen im All oder aber die Zeit bis zur Entwicklung von Behandlungsmethoden für aussichtslose Krankheiten zu überbrücken.

Lebendig mit „Totenstarre“

Tatsächlich geht man davon aus, dass die damals 19-Jährige ganz und gar nicht durchgefroren war. Stattdessen sei aufgrund der schweren Unterkühlung eine Muskelstarre eingetreten, die so stark war, dass sie einer Totenstarre ähnelte.

Die kalte, feste Oberfläche ihres Körpers und ihre lichtstarren Pupillen sind ebenfalls typisch. Denn bei solcher Kälte verschließt der Körper die Kanäle zu den Blutgefäßen unter der Haut. Auf diese Weise versucht er, die Funktion der Organe aufrechtzuerhalten.

Grundsätzlich spricht man von einer schweren Hypothermie, wenn die Körpertemperatur auf weniger als 28 °C sinkt. In Hilliards Fall waren es knapp 27 °C. Es kommt zum Verlust des Bewusstsein sowie einem unregelmäßigen und abgeschwächten Puls.

Was hätte passieren können?

„Die unfallbedingte Unterkühlung wird in der Regel anhand der Körperkerntemperatur in drei Kategorien eingeteilt: leicht (32-35 °C), mittelschwer (28-32 °C) und schwer (<28 °C)“, erklärten Emily Procter von der Universität Innsbruck und ihr Team 2018. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit untersuchten sie die „unbeabsichtigte Unterkühlung bei Freizeitaktivitäten in den Bergen“.

Wenn Menschen einfrieren, spielt die Zeit eine wichtige Rolle, die sie in der Kälte verbringen. „Die Ergebnisse von simulierten Schneebestattungen zeigen durchweg eine Abkühlungsrate von <1°C pro Stunde, wobei Hyperkapnie einen leichten Anstieg der Abkühlung auf ca. 1,2°C pro Stunde bewirkt“, schrieben die Forschenden. „Die Isolierung von Kopf und Gesicht scheint keinen Einfluss auf die Abkühlungsrate während der simulierten Bestattung zu haben.“

Noch ist die Vorgehensweise unseres Organismus bei extremer Kälte nicht in Gänze erforscht. Daher dürfte es – sofern es denn überhaupt möglich ist – noch geraume Zeit dauern, bis wir gezielt Menschen einfrieren und anschließend zurückholen können. Fälle wie der von Jean Hilliard könnten uns aber dabei helfen, diese Vorgänge besser zu verstehen.

Quelle: New York Times; Minnesota Public Radio; „Accidental hypothermia in recreational activities in the mountains: A narrative review“ (Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 2018)

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