Bei einem meiner ersten Panels saß in der ersten Reihe ein Publikumsteilnehmer, der – sagen wir – eine eher ablehnende Haltung meinen Aussagen gegenüber signalisierte. Klartext: Jedes Mal, wenn ich etwas sagte, schüttelte der Zuhörer vehement seinen Kopf, und als es ihm zu viel wurde, verließ er demonstrativ den Raum. Der Saal fasste knapp 300 Leute, insofern fällt es schon etwas, wenn jemand in der ersten Reihe den Raum verlässt.

Die Moderatorin schaute irritiert zu mir rüber und ich hoffte innerlich, Giudo Cantz käme um die Ecke und würde „Willkommen bei ‚Verstehen Sie Spaß!’“ rufen. Nach der Diskussionsrunde begegnete ich meinem neuen Freund beim Get-Together und sprach ihn auf seine Aktion an – ich wollte einfach wissen, was ich gesagt hatte, dass ihn scheinbar so (negativ) berührt hatte. „Nichts Konkretes, ich habe nur grundsätzlich eine andere Meinung zu Ihren Thesen. Und: Das ist meine Art das auszudrücken – bin immer so!“

Sichtbar zu sein heißt, diskutierbar zu sein

In einer Welt, in der Unternehmen immer mehr und mehr auf Botschafterinnen und Botschafter für Themen setzen, spielt auch das Thema „Mut“ eine immer größere Rolle. Der Mut, für Themen zu stehen, zu diskutieren und eben auch auszuhalten, wenn es Menschen gibt, die nicht die gleiche Meinung teilen.

Daher ist für mich die größte Herausforderung beim Thema „Corporate Influencer“ nicht unbedingt das Wer, sondern eher das Wie. Sprich: Die Gesichter sind das eine, aber deren Mut viel ausschlaggebender. Denn sobald ich auf einem Panel sitze, im Netz meine Meinung und Ansichten verbreite, mache ich die Tür zu meiner Persönlichkeit ein Stückchen weiter auf.

Sichtbar zu sein heißt eben auch diskutierbar zu sein. Die Freiheit meine Expertise zu teilen, bringt eben auch die Verantwortung mit, für die eigene Haltung einzustehen. Und am Ende auch auszuhalten, wenn es Menschen gibt, die schlichtweg anderer Meinung sind oder: einfach nicht auf der gleichen Wellenlänge sind.

Die Perfektion zu Hause lassen

Mein größtes Learning ist: Perfektion hemmt. Und: Es kommt auf Panels, in Talkrunden oder auch im Netz immer anders als man denkt. Deshalb kann ich raten, die Perfektion zu Hause zu lassen. Fehler zu machen und mit Humor darauf zu reagieren, ist viel ratsamer, als den Kopf in den Sand zu stecken.

Menschen lieben Geschichten von Menschen, und genau das gilt auch für diejenigen Unternehmen, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sichtbar machen wollen. Das gilt aber auch für diejenigen, die an ihrer sogenannten „Personal Brand“ arbeiten. Nichts ist langweiliger, als wenn alles glänzt und poliert ist. Viel spannender ist Hinfallen, Aufstehen und Weitermachen!

Tijen Onaran ist Unternehmerin, Moderatorin, Speakerin und Kolumnistin. Mit startup affairs berät sie Unternehmen in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit und engagiert sich mit ihrer Initiative Global Digital Women für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche. Vor ihrer Selbstständigkeit war Tijen Onaran für Europa-, und Bundestagsabgeordnete, für das Bundespräsidialamt sowie für Verbände und eine Hochschule in leitenden Funktionen tätig. Wer sich mit ihr trifft, muss erst an Paul, Cocker Spaniel adeliger Herkunft, und Leo, Labrador-Mix exotischer Herkunft, vorbei.

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