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Forscher besorgt: China baut mysteriöse Reaktoren – und niemand weiß warum

Chinas Atomwaffen-Arsenal könnten Forschern zufolge durch neue Kernreaktoren stark wachsen.
Chinas Atomwaffen-Arsenal könnten Forschern zufolge durch neue Kernreaktoren stark wachsen.
Foto: GettyImages/Cavan Images
Artikel von: Dana Neumann
Gleich zwei neue Nuklearreaktoren könnten schon 2023 dafür sorgen, dass in der Volksrepublik waffenfähiges Plutonium produziert wird. Wissenschaftler:innen weltweit sind beunruhigt.

Die kleine chinesische Insel Changbiao in der Provinz Fujian erhält aktuell internationale Aufmerksamkeit. Dort werden zwei Kernreaktoren erbaut, die unter anderem dazu genutzt werden könnten, Chinas Atomwaffen-Arsenal massiv auszubauen. Dass über den genauen Zweck der sogenannten Brutreaktoren außerhalb der Volksrepublik nichts bekannt ist, macht Forscher weltweit nervös. Seit wenigen Jahren hält das Land nämlich Informationen über den eigenen Plutoniumbestand geheim.

Die Strahlungsschäden von Tschernobyl und Fukushima
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Was passiert in einem Kernkraftwerk?
In einem Atomkraftwerk (AKW) wird Strom durch Kernspaltung zum Beispiel von Uran erzeugt. Diese heizt Wasser auf und produziert dadurch Wasserdampf. Dieser treibt eine an einen Generator gekoppelte Turbine an, wodurch es letztendlich zur Stromerzeugung kommt. In Deutschland gibt es gegenwärtig noch sechs aktive AKW. Gemäß Atomgesetz werden die drei Reaktoren Brokdorf, Emsland und Grohnde spätestens 2021 abgeschaltet, die drei jüngsten Kerkraftwerke Grundremmingen C, Isar 2 und Neckarwestheim 2 dann 2022.


Mehr Atomkraft für Chinas Atomwaffen?

Schon 2023 soll der erste der beiden Nuklearreaktoren ans Netz gehen, der zweite soll planmäßig 2026 folgen. Was Forscher:innen dabei besorgt, ist die Aufbereitung von waffenfähigem Plutonium, die Teil des Betriebs sein soll. Das könnte einen Einfluss auf künftige Generationen von Chinas Atomwaffen haben.

Bei den zwei Kernreaktoren handelt es sich um Typen der Kategorie China Fast Reactor 600 (CFR-600), die als "Brüter" dienen, das heißt durch nukleare Reaktionen mehr Brennstoff produzieren als sie verbrauchen. Genau das ist problematisch, denn die meisten Kernreaktoren haben das Ziel, so viel ihres Brennstoffs zu verbrauchen wie möglich und nicht, mehr zu erzeugen. Vor allem dann, wenn sie Plutonium produzieren, das leicht in nuklerare Waffen umgewandelt werden kann, schreibt Popular Mechanics.

Keine Informationen zur Nutzung für Chinas Atomwaffen

Wie Al Jazeera berichtet ist niemandem außerhalb von China aktuell bekannt, ob das in den auf Changbiao entstehenden Kernreaktoren hergestellte Plutonium einem rein zivilen, oder auch militärischen, Nutzen dienen wird. Während es das Land auf der einen Seite seinen kohlenstoffneutralen Zielen für 2060 näher bringen und die eigenen Energiebedürfnisse decken könnte, ließen sich gleichzeitig sehr schnell sehr viele Nuklearsprengköpfe herstellen.

Das Mysterium um die neuen Kernreaktoren und ihr Potenzial für Chinas Atomwaffen entstand dabei in erster Linie aus dem Stopp der jährlichen, freiwilligen Angaben zum Bestand des zivilen Plutoniums gegenüber der International Atomic Energy Agency [IAEA] im Jahr 2017. Die neuen Brutreaktoren wurden zudem bis heute nicht in der Datenbank der Agentur vermerkt, berichtet Al Jazeera weiter.

Ausweitung von Chinas Atomwaffen wäre enorm

Expert:innen wie Frank von Hippel, Kernforschungsphysiker und Mitbegründer des Programms zu Wissenschafts- und globaler Sicherheit der Princeton University, zufolge, ist es dieser Mangel an Transparenz, der international immer mehr Besorgnis erweckt: "An dieser Stelle ist es jetzt einzigartig", erklärt er zur Stille Chians in Bezug auf das Plutonium. Er sei besorgt, dass es einem dualen Zweck dienen könnte.

Dass dies nicht auszuschließen ist, zeige auch, dass solche Brutreaktoren deutlich kostenintensiver sind, als andere Reaktoren, wenn es darum geht, Energie aus Atomkraft zu gewinnen: "In der Realität ist es billiger, den Brennstoff nicht wiederaufzubereiten als ihn wiederaufzubereiten. Ein einmaliger Brennstoffzyklus mit wenig angereichertem Uran is ein wirtschaftlicherer Ansatz", erklärt Nickolas Roth, Direktor des Nuclear Security Programme des Think-Tanks Stimson Center in Washington, D.C.

Gegenwärtig soll Chinas Arsenal 300 bis 350 Atomsprengköpfe umfassen. Mit dem neu erzeugen Plutonium könnte diese Menge einen enormen Anstieg verzeichnen. Schätzungen gehen von 1.270 zusätzlichen Nuklearsprengköpfen bis 2030 durch das Programm aus, wie es in einem unter anderen von Hippel erstellten Bericht heißt (PDF).

Aktuelles zu Kernernergie

Auch abseits von Chinas Atomwaffen gibt es Sorgen rund um Atomenergie. Im Kernkraftwerk Tschernobyl steigt aktuell die Zahl der nuklearen Reaktionen wieder an. Forscher wägen ab, ob ein Eingreifen nötig wird, um eine drohende Explosion zu verhindern, oder ob die gegenwärtig steigende Zahl an Neutronen von allein wieder zurückgeht. Wie nachhaltig Atomwaffen zerstören können, zeigen zahlreiche Orte, die noch heute durch Atomtests verseucht sind.

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