Seit Jahren schon kochen die Spannungen an der ukrainisch-russischen Grenze hoch. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ist die Situation eskaliert. Der Ukraine-Krieg hat erste Opfer gefordert und mittlerweile sind russische Truppen selbst in Kiew, der Hauptstadt des Landes, sowie anderen heiklen Gebieten angelangt. Zu ihnen zählt auch das stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl im Norden der Ukraine.

Tschernobyl ist „eine der schwersten Bedrohungen für Europa“

Mittlerweile ist es offiziell: Mit Panzern und Soldaten hat die russische Armee das Atomkraftwerk am Ufer des Flusses Prypjat eingenommen. Der ukrainischen Regierung zufolge sei das Personal der Anlage gefangengenommen worden. Doch damit nicht genug.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) habe die ukrainische Atomaufsichtsbehörde nahe des stillgelegten Kraftwerks höhere Gammastrahlenwerte festgestellt als üblich. Als Ursache vermute die Stelle eine „Störung des Mutterbodens durch die Bewegung einer großen Menge schwerer militärischer Ausrüstung durch die Sperrzone und die Freisetzung von kontaminiertem radioaktivem Staub in die Luft“.

Der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zufolge befinden sich die Messungen derzeit noch „innerhalb des seit der Einrichtung der Sperrzone gemessenen Betriebsbereichs“. Dennoch verfolge man die Situation im Ukraine-Krieg mit „tiefer Besorgnis“. Der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak weißt zudem darauf hin, dass es unmöglich sei zu sagen, ob das Kraftwerk sicher ist. Es handele sich um „eine der ernstesten Bedrohungen für Europa“, zitiert die Tagesschau.

Jetzt Jodtabletten einnehmen?

Wird während eines nuklearen Unfalls radioaktives Jod freigesetzt, können hochdosierte Tabletten eingenommen werden. Sie beinhalten nicht-radioaktives Jod und schützen die Schilddrüse vor der Aufnahme radioaktiven Jods. Mit der Nachricht um die gestiegenen Strahlungswerte in Tschernobyl kursiert im Netz auch die Behauptung, man solle schon jetzt zu den Tabletten greifen oder sich zumindest mit ihnen eindecken. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) warnt davor.

„Hier und da taucht gerade auf, man solle jetzt Jodtabletten nehmen“, schreibt die Behörde auf Twitter. „Das ist falsch.“ Darüber hinaus verweist das BfS auf die hauseigene Infoseite zur Wirkung der Tabletten. Große Mengen Jod, egal ob radioaktiv oder nicht, seien mit gesundheitlichen Risiken verbunden, heißt es dort. Die Einnahme von Jodtabletten, solle daher „nur nach ausdrücklicher Aufforderung durch die zuständigen Behörden erfolgen“.

Bislang „keine Gefahr“

Bereits im Rahmen der Generalkonferenz der IAEO im Jahr 2009 betonte ihr Generaldirektor Rafael Mariano Grossi, dass „jeder bewaffnete Angriff auf und jede Bedrohung von Nuklearanlagen, die friedlichen Zwecken dienen, eine Verletzung der Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen, des Völkerrechts und der Satzung der Organisation darstellt“. Zum aktuellen Zeitpunkt gebe es nach Angaben der IAEO weder Opfer noch Zerstörungen am Kernkraftwerk Tschernobyl.

Unterschiedliche Stellen bestätigen, dass von der erhöhten Strahlung bislang noch kein nennenswertes Risiko ausgehe. Dem schließt sich auch Georg Steinhauser vom Institut für Radioökologie und Strahlenschutz der Universität Hannover an. „Für Menschen in Kiew oder in Resteuropa wäre das keine Gefahr“, erklärt er gegenüber Zeit Online.

Quelle: Associated Press; Internationale Atomenergie-Organisation; Tagesschau; Bundesamt für Strahlenschutz; Zeit Online

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